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Politik

03. Dezember 2016 | 16:37 Uhr

Streitbar : Nennt das Kind beim Namen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

STREITBAR: Der Salafismus als Jugendkultur? Eine billige Erklärung, die davon ablenkt, nach den Ursachen im Islam zu fragen, meint Jan-Philipp Hein.

Entwarnung! Das bisschen Salafismus ist nur Rebellion. Okay... irgendwo in Syrien oder dem Irak wird halt mal ein Kopf abgeschnitten, aber hey: Schwund war bekanntlich irgendwie immer. Wo eine Jugendbewegung hobelt, da können schon mal ein paar unschöne Dinge passieren.

Warum so genervt? Nun: „Burka ist der neue Punk“ war ein Interview mit einem Soziologen und Politikwissenschaftler aus Münster überschrieben, das die „Süddeutsche Zeitung“ vergangenes Wochenende in ihrer Onlineausgabe brachte und das wenigstens nicht langweilig zu lesen war. Was Aladin El-Mafaalani sagt, wirkt beim ersten Einatmen schlüssig. Lässt man seine Thesen und Ideen jedoch auf sich wirken, wird es immer ärgerlicher. Und es stellt sich die Erkenntnis ein, dass die Suche nach den Antworten auf die Frage, warum der Islamismus sich immer radikaler und brutaler gebärdet, zu journalistischer und akademischer Verzweiflung führt. Hier trafen auch noch beide zusammen.

Mit Sätzen wie diesen belegt Mafaalani, der Salafisten und Salafistinnen interviewt hat, seine These, dass wir es mit einer modernen Variante der Hippiebewegung zu tun hätten:

❍ „Sozialleben wie im frühen Mittelalter, das ist heute Provokation at its best.“

❍ „In einer komplexen Gesellschaft ist es kein Alleinstellungsmerkmal der salafistischen Szene, sich an der Vergangenheit zu orientieren. Wir vertrauen auf Naturheilkunde, Yoga, wollen unseren Bauern wieder kennenlernen.“

Besonders schräg wird es, wenn El-Mafaalani darlegt, warum auch Frauen den Salafismus ihren Herkunftsfamilien vorzögen: „In diesem Familien dürfen die Jungen alles, die Mädchen gar nichts. Bei den Salafisten dürfen die Mädchen zwar immer noch nichts — aber die Jungen dürfen auch nichts! Das ist auf skurrile Weise ein Mehr an Gleichstellung.“

Muss man gleich nochmal lesen, was? Mir liegen in der Tat keine intimeren Kenntnisse darüber vor, wie der Otto-Normal-Salafist mit seinen diversen Frauen umgeht. Aber die beiden dieser These zugrunde liegenden Gedanken dürften einfach mal falsch sein – nicht nur im Zusammenspiel, sondern schon jeder für sich. Denn natürlich dürfen Männer auch bei den Hardcore-Moslems salafistischer Prägung noch erheblich mehr als Frauen, womit dem zweiten Gedanken, dem mit der skurrilen Gleichstellung, bereits die Geschäftsgrundlage fehlt.

Nun ist nichts verwerflich daran, dass man auch abseitige Gedanken in den Diskurs einführt und ernsthaft abwägt. Allerdings ist der Vergleich von Punks, Hippies, Emo-Jüngern oder anderen Jugendbewegungen mit einer Gruppe, die haufenweise Massenmörder produziert und für einen Krieg im Nahen Osten rekrutiert, doch arg daneben. Aber einmal eingelullt, bleibt man am Ball. So fragt der Kollege von der SZ: „Also frei nach der Band ‚Ton, Steine, Scherben‘: ‚Ich will nicht der Muslim werden, der mein Alter ist.‘ Was stört die Jugendlichen an ihren Eltern?“

Es bedarf keiner reaktionären Gesinnung, um spätestens jetzt völlig die Fassung zu verlieren und daran zu erinnern, dass Verstöße gegen Szenecodes von Salafisten doch deutlich rabiater geahndet werden als von anderen Jugendgruppen, die sich außerdem auch auf ein gestörtes Verhältnis zur Elterngeneration berufen können. Und wer kann das nicht? Jede Generation grenzt sich bekanntlich zur vorangegangenen ab. So ist das Spiel. Ich erinnere mich allerdings nicht an Überlieferungen, nach denen „Ton, Steine, Scherben“ die Verächter ihrer Musik mit der Gitarre erschlugen. Und selbst der härteste und verbohrteste Veganer, der nach El-Mafaalanis Betrachtungen ja auch einer Jugendkultur anhängt, beginnt nicht das Morden.

El-Mafaalani ist so angetan von seiner vordergründig charmanten Idee, dass er andere Gedanken bereits verworfen hat. Man könne in Deutschland beim Salafismus von nichts anderem als einem Generationenkonflikt ausgehen, sagt er. Und jetzt denkt hier bestimmt der ein oder andere Leser zustimmend an die „Rote Armee Fraktion“. Doch wer das tut, müsste über einen gigantischen Unterschied stolpern. So meinten die RAF und ihre Sympathisanten als Feinde in der Tat insbesondere ihre Vorgängergenerationen ausgemacht zu haben, weshalb sie das aber eben auch genauso sagten. „Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren.“ Außerdem beließ es die RAF bei Morden an klar gekennzeichneten Erzfeinden. Abweichler wurden nicht getötet. Auch taugte der damalige Linksextremismus nicht als ideologischer Brandbeschleuniger für einen Exzess nach dem Vorbild „Islamischer Staat“. Auch ist beim Salafismus anders, dass er die Einhaltung seiner Regeln millimetergenau einfordert – und zwar umfassend, überall, ohne Ausnahme.

Der Salafismus arbeitet sich eben nicht an einer Elterngeneration oder Traditionen insgesamt ab, sondern bekämpft die moderne, pluralistische, demokratische Welt. Man muss einem Hassprediger doch einfach nur zuhören, statt in den Elternhäusern von Jungen und Mädchen, die mehr als nur auf eine schiefe Bahn geraten sind, nach Defiziten zu suchen, die man wahrscheinlich dauernd spielend finden wird – wie überall.

Das Alleinstellungsmerkmal der radikalsten Muslime ist ihre grenzenlose und alle Vorstellungskraft sprengende Gewaltbereitschaft. Zynisch oder nicht: Einen Kopf abzuschneiden, hat dann doch noch mal eine andere Qualität als ein Bombenattentat oder einen Mord mit Pistole. Es läge auf der Suche nach Analogien also nicht fern, sich mal anderen grausamst mordlüsternen Gesellen der Weltgeschichte zuzuwenden, statt jugendliche Verirrung und Verwirrung anzunehmen.

Neonazis können sich schließlich auch nicht der akademischen Nachsicht erfreuen, ihr Treiben sei lediglich eine für Jugendliche typische Form der Auflehnung. Um sich mit Neonazis auseinandersetzen zu können, muss man sich mit ihrer Ideologie beschäftigen. Darum wird man auch beim Islamismus nicht herumkommen können.

Vielleicht ist damit auch die Verzweiflung erklärt, mit der unterschiedlichste Motive für die rasende Gewalt der Salafisten ins Feld geführt werden. Wer über jugendtypisches Verhalten spricht, muss nicht Islam sagen. Wer soziale Benachteiligung sagt, muss nicht Islam sagen. Wer Ausgrenzung durch die Mehrheitsgesellschaft sagt, muss nicht Islam sagen.

Wenn aber Islam draufsteht – und diese Etikettierung erfolgt nun mal, wenn jemand „Allahu Akbar“ (Gott ist groß) ruft, bevor er sich in die Luft sprengt oder einem Ungläubigen den Kopf abschneidet – ist es angezeigt, sich die Inhalte anzusehen, die gerade noch so unter dem Namen Islam gelabelt sind. Die Frage ist: Warum wird dieser Markenname gewählt? Denn wir reden auch völlig zurecht über den Begriff der Nation und den Nationalismus, wenn in ihrem Geiste und Namen PEGIDA-Deppen auf die Straße gehen, Hauswände besprüht werden oder gar Flüchtlingsheime angezündet. Da muss jeder durch, der sich einem markenrechtlich nicht geschützten Kollektiv anschließt.

Das bedeutet nicht, dass nicht auch etwas Rebellion, etwas soziale Benachteiligung und etwas Ausgrenzung durch eine sogenannte Mehrheitsgesellschaft eine Rolle spielen können. Aber es gibt im Salafismus eben bereits einen kleinsten gemeinsamen Nenner. Über den wird zu reden sein.

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erstellt am 31.Jan.2015 | 16:00 Uhr

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