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Politik

27. Juli 2016 | 09:42 Uhr

Übergriffe in Köln : Kriminologe: „Nicht akzeptabel“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Kriminologe Christian Pfeiffer kritisiert die Informationstaktik der Kölner Polizei und das Versagen der Politik

Die Übergriffe in Köln haben über Deutschland hinaus für Entsetzen und Empörung gesorgt. Andreas Herholz sprach mit Professor Christian Pfeiffer, Kriminologe und ehemaliger Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, über die Ursachen und das mögliche Versagen der Sicherheitskräfte.

Wo liegen die Ursachen für die massiven Übergriffe und die Eskalation der Gewalt?
Pfeiffer: Die Kölner Polizei und die Bundespolizei haben eingeräumt, dass sie völlig überrascht und personell unterbesetzt waren. So konnte sie nicht so entschlossen am Hauptbahnhof auftreten, wie es eigentlich in einem solchen Fall geboten gewesen wäre. So etwas hat es in Deutschland nie gegeben. Die Polizei muss jetzt aus diesen Fehlern lernen und Konsequenzen ziehen. Die Polizei ist jetzt hochsensibilisiert.

Die Art und Weise allerdings, wie die Kölner Polizei zunächst damit umgegangen ist und darüber berichtet hat, ist unerträglich. Hier wurde verschwiegen, was wirklich passiert ist. Der Kölner Polizeipräsident hat hier eine sehr unglückliche Figur gemacht, auch als er zunächst erklärt hat, dass es sich bei den Tätern jedenfalls nicht um Flüchtlinge gehandelt hat, obwohl er noch keine Fakten hatte.

Ist das eine falsch verstandene Toleranz?
Es gibt eine Grundhaltung, in der aktuellen Flüchtlingsdebatte kein Öl ins Feuer zu gießen. Man will den Rechten keinen Zulauf verschaffen. Auf dem Domplatz waren Hunderte von Männern aus dem nordafrikanischen Kulturkreis. Das haben auch Zeugen und Opfer gezeigt Die Informationspolitik und Öffentlichkeitsarbeit der Polizei war nicht akzeptabel. Kriminalität von Migranten zu verschweigen oder zu bagatellisieren, ist grundfalsch und hilft nur den Rechten.

Was muss jetzt geschehen, um solche Taten in Zukunft zu verhindern?
Es muss mit Hochdruck an der Aufklärung gearbeitet werden. Es gibt Defizite bei der Videoüberwachung. Die öffentlichen Plätze müssen besser ausgeleuchtet und überwacht werden. Das gilt aber auch für Flüchtlingswohnheime.
Dass bei der Serie von Anschlägen auf Unterkünfte bisher kein einziger Tatverdächtiger überführt und in Haft genommen werden konnte, ist ein Skandal und liegt auch an der fehlenden Kameraüberwachung. Auch beim Schutz von Flüchtlingen gibt es krasse Defizite. In Köln und andernorts hat der Schutz von Frauen nicht funktioniert. Der Schutz von Flüchtlingen funktioniert bisher auch nicht. Hier versagt der Rechtsstaat.

Die Polizeigewerkschaften beklagen einen Mangel an Personal und Ausstattung.
Das ist richtig. In den meisten Bundesländern haben wir eine Verringerung der Polizeikräfte erlebt. Jetzt zeigt sich, dass hier am falschen Ende gespart wurde.

Die Kanzlerin fordert die ganze Härte des Gesetzes, der Bundesjustizminister will straffällige Asylbewerber schneller abschieden.
Brauchen wir schärfere Gesetze?

Die Politik betreibt nur verbale Kraftmeierei. Da wird laut nach schärferen Gesetzen und schneller Ausweisung gerufen. Dabei haben sie noch nicht einmal Täter, die sie ausweisen könnten. Strafverschärfungen bringen nur etwas, wenn das Risiko, gefasst zu werden, auch hoch ist. Die polizeilichen Ermittlungsmöglichkeiten müssen gestärkt werden.

Droht jetzt ein neues Integrationsproblem angesichts der großen Zahl von Flüchtlingen, die nach Deutschland kommen?
Wir haben ein riesiges Integrationsproblem. Kaum ein Politiker redet offen über Inte-grationsdefizite. Die Täter von Köln scheinen aus dem muslimischen Kulturkreis zu kommen. Gerade bei jungen Männern aus Afrika und den arabischen Ländern, die in den letzten Jahren zu uns gekommen sind, haben wir ein Integrationsproblem ersten Ranges. Die Zivilgesellschaft hilft vor allem Flüchtlingsfamilien und unbegleiteten Minderjährigen. Wir müssen uns mehr um junge alleinstehende Männer unter den Flüchtlingen kümmern und mehr für ihre Integration tun. Die Verbreitung der Machokultur muss verhindert werden.

Ist die Kriminalitätsrate unter Migranten besonders hoch?
Nein, das ist so nicht richtig. Natürlich sind mehr Migranten kriminell. Viele von ihnen sind arbeitslos und stärker von Armut betroffen, leben in beengten Wohnverhältnissen. Wenn wir das mit Deutschen vergleichen, die auch in einer solchen sozialen Lage sind, gibt es keine großen Unterschiede mehr.
 

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