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Politik

29. Juli 2016 | 16:00 Uhr

Kinderarmut : Kein Geld für Geschenke?

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Hintergründe zur Kinderarmut in Deutschland und den Hartz-IV-Regelsätzen

Die teure Carrera-Bahn unter dem Tannenbaum, der Playmobil-Wohnwagen oder ein Skiurlaub bleiben für viele Kinder in Deutschland ein Traum. Fast jedes sechste Kind lebt in einer Familie, die auf Hartz-IV-Leistungen angewiesen ist, so eine gestern veröffentlichte Statistik der Bundesagentur für Arbeit. Wie hat sich die Lage der Kinder entwickelt? Wie ist die Situation in den einzelnen Bundesländern? Hintergründe zur Kinderarmut in Deutschland von Antje Schroeder.

Wie viele arme Kinder gibt es in Deutschland?

Laut der jüngsten Statistik der Bundesagentur für Arbeit lebten im Juli 2014 mehr als 1,64 Millionen Kinder unter 15 Jahren in einer Familie, die auf Hartz IV angewiesen ist. Das waren 15,5 Prozent der Kinder dieser Altersgruppe. Die Zahl hat sich gegenüber 2013 um fast 7500 erhöht. Seit zwei Jahren steigt die Zahl der Kinder, die in einer Hartz-IV-Bedarfsgemeinschaft leben. Vorher hatte es bis zum Jahr 2012 über mehrere Jahre hinweg einen Rückgang gegeben. In Ostdeutschland nahm der Anteil armer Kinder zuletzt ab – die Quote lag aber mit 23,5 Prozent wesentlich höher als im Westen (13,7 Prozent).

Wie ist die Situation in den Bundesländern?
Die meisten armen Kinder gibt es in Berlin und in Ostdeutschland. In Berlin lebte zuletzt mehr als jedes dritte Kind in einem Hartz-IV-Haushalt, auch in Sachsen-Anhalt (26 Prozent) und Mecklenburg-Vorpommern (23,8 Prozent) waren die Quoten hoch. Eine große Kinderarmut gibt es aber auch in den westdeutschen Stadtstaaten Bremen (31,4 Prozent) und Hamburg (21,1 Prozent). Doch auch in Nordrhein-Westfalen war fast jedes fünfte Kind von Armut betroffen. In Bayern lebten dagegen nur 7,2 Prozent der Kinder in einem Hartz-IV-Haushalt.

Wie viele staatliche Leistungen können Kinder erhalten?

Kinder von Hartz-IV-Empfängern bekommen in erster Linie den Regelsatz. Den Unterhalt von Kindern bis sechs Jahren bezuschusst der Staat mit 229 Euro im Monat, für Kinder von sechs bis 13 Jahren erhalten die Eltern 261 Euro, von 14 bis 17 Jahren sind es 296 Euro. Ab Januar 2015 steigen die Sätze auf 234 Euro (unter sechs Jahren), 267 Euro (sechs bis 13 Jahre) und 302 Euro (14 bis 17 Jahre). Außerdem können Familien auf Antrag Leistungen aus dem sogenannten „Bildungs- und Teilhabepaket“ erhalten. Mit maximal zehn Euro pro Monat bezuschusst der Staat Nachhilfe, Musikunterricht oder die Mitgliedschaft im Sportverein. 100 Euro im Jahr können pro Kind außerdem für Schulhefte, Stifte oder Bücher beantragt werden. Außerdem erstattet der Staat Miet- und Heizkosten, sofern diese angemessen sind. Davon entfällt ein Teil auf die Kinder. Viele Kommunen geben zudem Rabatte bei Busfahrten, beim Schwimmbadeintritt und Ähnlichem. Kindergeld hingegen erhalten Hartz-IV-Familien nicht. Es wird voll auf den Hartz-Satz angerechnet.

Studien zeigen aber, dass 40 Prozent der betroffenen Eltern eher bei sich sparen als bei den Kindern. Ein durchschnittlicher Hartz-IV-Haushalt mit zwei Kindern hat nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit ein Budget von 1991 Euro.

Was schlagen die Sozialverbände vor?
Der Paritätische Wohlfahrtsverband fordert einen Rechtsanspruch auf Bildung und Teilhabe – also kostenlose Ballett-, Geigen- oder Fußballkurse für alle. „Die Hürden für den Zugang zu Bildungschancen sind für Kinder aus armen Familien enorm“, sagt Joachim Rock, Abteilungsleiter für Arbeit und Soziales bei dem Verband. Der Paritätische will das Bildungspaket mit seinem hohen Bürokratieaufwand und seinen geringen Leistungen abschaffen.

Zudem fordert der Verband die Wiedereinführung von Einmalleistungen wie Zuschüssen zur Konfirmation, dem Kinderfahrrad oder dem Taschenrechner für die Schule.
Außerdem sollen die Regelsätze für Kinder neu gestaltet werden. „Die Leistungen für Kinder sind nicht bedarfsgerecht und müssen deutlich erhöht werden“, so Rock.

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