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Politik

11. Dezember 2016 | 14:45 Uhr

ARD-Film “Terror“ : Im Namen des Volkes?

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Gerhart Baum, früherer Bundesinnenminister, über die TV-Inszenierung von „Terror“ und das „Votum gegen das Grundgesetz“

Fast sieben Millionen Fernsehzuschauer haben die TV-Inszenierung von Ferdinand von Schirachs Theaterstück „Terror“ am Montagabend in der ARD verfolgt. Die Handlung: Ein Terrorist hat eine Passagiermaschine entführt, zwingt den Flugkapitän, Kurs auf ein mit 70 000 Menschen vollbesetztes Fußballstadion zu nehmen. Ein Jetpilot der Luftwaffe schießt die Maschine gegen den Befehl seines Vorgesetzten ab, um die Menschen im Stadion zu retten und muss sich wegen Mordes an den 164 Passagieren vor Gericht verantworten. Schuldig oder nicht schuldig? 86,9 Prozent der TV-Zuschauer stimmten für Freispruch. Darüber sprach Andreas Herholz mit Gerhart Baum (FDP) früherer Bundesinnenminister

Herr Baum, Sie werfen dem Autor vor, mit seinem Stück in die Irre zu führen und kritisieren die ARD. Was stört sie?

Baum: Grundsätzlich ist eine Debatte über dieses Thema und der zugrundeliegenden Verfassungsproblematik wichtig. Dagegen ist nichts einzuwenden, aber gegen die Publikumsbefragung schon. Über die Entscheidung der Zuschauer bin ich ziemlich erschrocken. Das ist ein Votum gegen das Grundgesetz. Und es ist doch merkwürdig: Bei den bisherigen Theaterinszenierungen ist das Ergebnis viel knapper ausgefallen, lag in der Regel bei 55 zu 45. Was ist da passiert? Die ARD hat vorher mit dem Bild des Piloten Werbung gemacht: „Ich habe 164 Menschen getötet, um 70 000 zu retten.“ Das ist eine massive Beeinflussung. Das Stück verführt die Zuschauer. Die TV-Inszenierung hat es noch mehr getan. Das Schlussplädoyer des Verteidigers des Angeklagten, des Bundeswehrpiloten Koch, hat bei vielen Zuschauern möglicherweise den Ausschlag gegeben und ihre Entscheidung für einen Freispruch beeinflusst. Die Meinungen der Zuschauer sind laut ARD immer wieder hin und her geschwankt. Es steckt etwas Manipulatives in den Stück.

Die Zuschauer haben nur aus dem Bauch heraus entschieden?

Hier spielten Emotionen eine große Rolle. Die sehr wichtige ethische und juristische Diskussion ist viel zu kurz gekommen. Ich fürchte mich davor, dass solche Volksbefragungen mit dem Handy auf dem Sofa via TV öfter stattfinden. Stellen Sie sich vor: Ein Terrorist wird gefasst und hat Informationen über einen bevorstehenden Anschlag. Dann kommt der Vorschlag, ihn zu foltern, um eine Aussage zu erzwingen. Eine große Mehrheit würde sich im Falle einer Abstimmung für die Folter entscheiden. Wir dürfen die Grundrechte und Verfassung nicht zur Disposition stellen. Angst ist ein schlechter Ratgeber.

Vereinzelt wird jetzt auch der Ruf nach rechtlichen Änderungen laut. Sehen Sie hier Bedarf?

Wie denn und wo denn? Es gibt weder die Notwendigkeit noch die Möglichkeit für rechtliche Änderungen. Die Grundrechte haben eine verfassungsrechtliche Ewigkeitsgarantie. Sie können allerdings anders ausgelegt werden. Das wird in diesem Falle Karlsruhe aber nicht tun. An dieser Inszenierung ist doch allein schon absurd, dass hier ein Strafgericht, ein Schöffengericht, über ein Urteil des Verfassungsgerichts entscheiden soll. Ich bin gespannt, welche Urteile die ARD als nächstes zur Abstimmung stellt. Vielleicht das über Frau Zschäpe?


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