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Politik

23. März 2017 | 09:18 Uhr

Merkel bei Trump : Gipfel der Denkwürdigkeiten

vom
Aus der Onlineredaktion

Amerikanische Medien werten Kanzlerbesuch als Niederlage für Trump. Eklat um Kanzler-Korrespondentin wirkt nach

Zweimal gaben sich Donald Trump und Angela Merkel am Freitag tatsächlich die Hand: Bei der Begrüßung am Eingang des Weißen Hauses. Und dann nach jener denkwürdigen Pressekonferenz. Doch für Aufregung sorgte jener Moment im „Oval Office“, wo es eben nicht zum Händedruck kam, obwohl der deutsche Gast den Präsidenten dazu verbal ermunterte.

Dieser Augenblick war nur einer der kuriosen Momente beim transatlantischen Gipfel der Denkwürdigkeiten. Ein Treffen, bei dem der Mimik und den Gesten der Hauptdarsteller fast mehr Aufmerksamkeit geschenkt wurde als den am Ende eher mageren politischen Ergebnissen. In Erinnerung wird die Ungläubigkeit im Gesicht Merkels bleiben, die sich gerade so ein Kopfschütteln zu verkneifen schien, als Trump erneut seine These von der Bespitzelung durch Barack Obama auftischte. Es war der Moment, in dem der Unterschied zwischen einem ungefiltert redenden populistischen Selbstdarsteller und einer souveränen, in sich ruhenden Politikerin schmerzhaft sichtbar wurde. „Die Chefin der freien Welt trifft Trump“, überschrieb das Magazin „politico“ einen Beitrag. Eine mit Ironie zu Lasten Trumps gefärbte Wertung, die durch die Mehrheit der Medien-Bewertungen gestützt wird.

 

Zur Selbst-Demaskierung Trumps trugen auch die zugespitzten Fragen der beiden deutschen Pressevertreter im „East Room“ bei, während die vom Weißen Haus ausgewählten einheimischen Korrespondenten dem Präsidenten unkritisch begegneten. „Warum machte Ihnen eigentlich Pressevielfalt so große Angst, dass sie so oft von ,Fake News‘ sprechen und dann selbst Dinge behaupten, die dann nicht belegt werden können wie die Äußerung, Obama habe sie abhören lassen?“, lautete die Frage von DPA-Reporterin Kristina Dunz, die mit Merkel eingeflogen war. Da Trump Medienvertretern das Fragerecht zu geben pflegt, die ihm wohlgesonnen sind, wäre ein so direktes Bohren durch US-Kollegen in Sachen Abhören undenkbar. Und wie es schmerzte, zeigte die Replik des Präsidenten, der die Frage von Dunz umgehend als „Fake News“ deklarierte und ihr damit auswich.

Kein Wunder, dass nach dem Termin auch der Vergleich zwischen oft handzahm auftretenden US-Journalisten und den an diesem Tag schonungslosen deutschen Fragestellern gezogen wurde, die eigentlich nur das praktizierten, was ihr Job verlangt. „Gute Arbeit der deutschen Presse. Ernsthaft“, lautete beispielsweise ein Twitter-Eintrag von CNN-Analyst David Drucker vom „Washington Examiner“, der – anders als der konservative CNN-Konkurrent Fox News – Trump weiter kritisch in seinen Beiträgen hinterfragt. Auf Pressekonferenzen haben die CNN-Mitarbeiter dazu keine Gelegenheit. Sie gelten im Trump-Lager als reine „Fake News“-Produzenten – und erhalten gewöhnlich kein Fragerecht.

Kommentar: "Feigheit vor Statur" von Friedemann Diederichs
2015 war Angela Merkel für das US-Magazin „Time“ die „Persönlichkeit der Jahres“. Nach den Lobeshymnen zu urteilen, die die Kanzlerin von  amerikanischen Medien nach ihrem abgeklärt-staatstragenden Auftritt mit Donald Trump erhielt, hat sie nur noch an Statur gewonnen - und den Eindruck verstärkt, dass ein US-Präsident nicht mehr automatisch als mächtigste Figur der freien Welt angesehen werden sollte. Denn Macht setzt Berechenbarkeit, Verlässlichkeit und die Fähigkeit voraus, überzeugend zu wirken.  Gegen die Erwachsene Merkel wirkte der Präsident gelegentlich wie ein unbeherrscht-uneinsichtiger Teenager – vor allem während der  Pressekonferenz, bei der ihn deutsche Reporter nicht schonten und er sich mit seinen „Fake News“-Ausfällen bis auf die Knochen blamierte. Und politisch? Gut: Man redete miteinander. Aber Streitmaterial bleibt in Hülle und Fülle, wie auch die Samstags-Tweets Trumps etwa zur Nato zeigen – ein Thema, das  er   Auge in Auge mit Merkel so nicht vertiefte. Oder das Verschweigen des „America First“-Propagandisten, dass die USA ein übereinstimmendes Bekenntnis der G 20 zum Freihandel verhindern würden. War dieses Ausweichen Trumps auch Feigheit vor der stärkeren und reiferen Persönlichkeit? Es würde angesichts der Souveränität Merkels nicht verwundern.

 

„Kein Schuldenkonto bei der Nato“

Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) hat der Äußerung des US-Präsidenten Donald Trump widersprochen, Deutschland schulde der Nato riesige Summen. „Es gibt kein Schuldenkonto in der Nato. Die zwei Prozent Verteidigungsausgaben, die wir Mitte der nächsten Dekade erreichen wollen, allein auf die Nato zu beziehen, ist falsch“, sagte die Ministerin gestern nach Angaben ihres Ministeriums.

Trump hatte nach dem Treffen mit Kanzlerin Angela Merkel (CDU) in Washington getwittert:  „Die Vereinigten Staaten müssen besser für ihre mächtige und kostspielige Verteidigung bezahlt werden, die sie Deutschland bieten!“ 

Von der Leyen setzt sich dafür ein, dass in der Nato neben den Verteidigungsausgaben künftig auch die Auslandseinsätze der Mitgliedstaaten unter anderem im Kampf gegen den IS-Terror gegeneinander aufgerechnet werden. „Was wir alle wollen, ist eine faire Lastenteilung und die braucht einen modernen Sicherheitsbegriff“, sagte die Ministerin. „Dazu gehört eine moderne Nato, aber ebenso eine europäische Verteidigungsunion wie Investitionen in die Vereinten Nationen.“
 

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erstellt am 19.Mär.2017 | 21:00 Uhr

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