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Politik

02. Dezember 2016 | 19:10 Uhr

Flüchtlingsdramen : Gerettet im Mittelmeer

vom
Aus der Onlineredaktion

Italienische Küstenwache und Schiffe der EU bewahren vor Libyen Zehntausende Flüchtlinge vor dem Tod

Der junge Mann treibt hilflos und völlig erschöpft im Mittelmeer. Er klammert sich an zwei blaue Plastikkanister. Ein Rettungsschwimmer der italienischen Küstenwache schwimmt dem Flüchtling entgegen. Die Helmkamera des Retters zeichnet alles auf. Der hilflose Mann kann gerade noch den Kopf über Wasser halten und rudert hektisch mit den Armen. „Bleib ruhig, mein Freund, alles ist o.k“, ruft der Rettungsschwimmer. Er greift nach dem Hilfesuchenden, dreht ihn auf den Rücken und schwimmt mit ihm im Schlepptau zum Rettungsboot. Der Gerettete hält sich immer noch an den Kanistern fest.

Ein Flüchtling ist in Sicherheit – doch in einem völlig überladenen Schlauchboot warten noch rund hundert Menschen auf Hilfe. Das Boot der Küstenwache nimmt Kurs auf das Flüchtlingsschiff. Es ist der riskanteste Moment der Rettungsaktion. Unter den Bootsinsassen könnte Panik ausbrechen. „Ruhig bleiben! Hilfe ist unterwegs. Wir werden euch alle retten“, ruft ein Mitglied der Küstenwache immer wieder. Dann entdeckt er zwischen den vielen Menschen ein kleines Mädchen. Beschwörend hebt er die Arme und fleht nahezu: „Bitte, springt nicht ins Wasser. Ich nehme nur das Baby, nur das Baby. Bleibt im Boot. Alles wird gut!“ Die Bootsinsassen übergeben das Mädchen an die Männer der Küstenwache. Der Rettungsschwimmer streckt den Daumen nach oben. „Sehr gut!“ Am Horizont taucht ein großes Schiff auf – die Rettung für die Insassen des Schlauchbootes naht. Rechtzeitig. Die Besatzung von der „Luigi Dattilo“ hat eine Katastrophe im Mittelmeer verhindert.

Rund 25000 Flüchtlinge hat die Crew um Kapitän Allessio Morelli im zentralen Mittelmeer seit März 2015 bereits gerettet. „Die meisten Migranten kommen aus Gambia und Nigeria“, erzählt der drahtige Mann. Die Flüchtlinge würden sich nach Libyen durchschlagen, dort in die Schlauchboote der Schleuserbanden steigen und die illegale sowie riskante Überfahrt in Richtung italienischer Küste wagen.

Grenzen sichern, Schlepper ausfindig machen und Menschenleben retten, lautet der Auftrag von Kapitän Morelli. Eine Ende des Einsatzes ist nicht in Sicht. Nach Einschätzung der EU-Grenzschutzbehörde Frontex warten in Libyen noch mehrere Hunderttausend Menschen aus Afrika darauf, mit einem Boot nach Europa zu fliehen.

An Italiens Küsten sind nach Frontex-Angaben im Oktober so viele Flüchtlinge wie nie zuvor in einem Monat angekommen. Fast 27  500 Menschen haben das Land über das Mittelmeer erreicht. Das ist die bisher höchste Zahl in einem Monat im Zentralen Mittelmeer und doppelt so hoch wie im September. „Sobald gutes Wetter ist, gehen sie in die Boote“, weiß der Kapitän der „Luigi Dattilo“. Über 160 000 Menschen waren es in diesem Jahr.

Unterstützt wird die italienischen Küstenwache bei ihren Einsätzen im Mittelmeer von der EU mit Hubschraubern, Flugzeugen und weiteren Schiffen. Auch Hilfsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzen haben Schiffe zur Rettung der Flüchtlinge entsandt.

Im Hafen der sizilianischen Stadt Catania ankert neben der „Luigi Dattilo“ von Kapitän Morelli auch die komplett orange angestrichene „Siem Pilot“ aus Norwegen. Das knapp 90 Meter lange Versorgungsschiff für Bohrinseln ist im Auftrag von Frontex im Mittelmeer unterwegs und kann bis zu 1000 Flüchtlinge aufnehmen. Die elf Polizisten, zehn Marinesoldaten, sowie ein Arzt und zwei Krankenpfleger werden von Pal Erik Teigen (49) kommandiert, einem Polizeikommissar aus Oslo. Auf dem Schiff gibt es auch Waffen. An Deck steht eine Kiste mit Schlagstöcken und Schutzschilden aus Plexiglas.

Mitte des Jahres beteiligte sich die „Siem Pilot“ an einem der größten Einsätze im zentralen Mittelmeer. Zeitgleich waren fast 23 Notrufe eingetroffen – acht Schlauchboote mit jeweils mehr als 100 Insassen waren in Seenot geraten. Der Einsatz dauerte mehr als 12 Stunden: Rund 1000 Frauen, Mädchen, Männer und zwei Babys hockten auf dem Schiffsdeck.

Die Flüchtlinge werden auf dem Schiff mit Wasser, Energieriegeln und einer Rettungsdecke versorgt. „Die meisten leiden unter Erschöpfung und sind unterkühlt“, erzählt Teigen. Sie werden alle desinfiziert, fotografiert, registriert und anschließend nach Italien gebracht, wo die Asylverfahren abgewickelt werden.

Die „Siem Pilot“ hat von Juni 2015 bis Anfang November 28589 Flüchtlinge im Mittelmeer aufgenommen. 300 verdächtige Personen wurden an die Polizei übergeben. „Es ist eine emotionale Achterbahn“, beschreibt Teigen seine Arbeit. Anfang November sei das erste Baby auf dem Schiff geboren worden, erzählt der Kommandant und lächelt. Dann zeigt er die Fotos von den Holzsärgen auf dem Schiffsdeck. Die Retter werden immer wieder mit dem Tod konfrontiert. Schiffe wie die „Siem Pilot“ oder die „Luigi Dattilo“ sind mit speziellen Containern zur Aufbewahrung von Leichen ausgestattet. Kapitän Morelli spielt ein Video ab, auf denen seine Männer eine leblose, schwangere Frau ins Boot hieven. Sie ist vermutlich tot. „Es ist besser sich das anzuschauen, als blind zu bleiben“, sagt Morelli.

Das Mittelmeer ist ein Massengrab. Rund 4621 Flüchtlinge sind 2016 bislang mindestens dort ertrunken. Das sind nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) rund 1000 Tote mehr als im selben Zeitraum des Vorjahres. „Die Schlauchboote der Flüchtlinge sind überhaupt nicht seetauglich“, sagt Teigen. Die Schlepper würden sie mit billigem Material aus China zusammenkleben. „Die Boote bestehen nur aus einer Luftkammer. Ein Loch und sie gehen unter“, erklärt der 49-Jährige. Bis zu 150 Menschen würden sich in diese „schwimmenden Luftballons“ zwängen. In den Holzbooten habe seine Crew bis zu 400 Menschen gezählt. Selbst in den Maschinenraum, wohin kaum frische Luft gelange, würden Passagiere gezwängt.

Die Rettungseinsätze im Mittelmeer werden kontrovers diskutiert. Die Schleuser würden einkalkulieren, dass die Flüchtlinge gerettet würden und die Boote deshalb mit weniger Benzin ausstatten, lautet eine Behauptung. Einige Politiker sind der Auffassung: Je mehr Rettungsschiffe vor der Krisenregion kreuzten – desto stärker seien die Schlepperaktivitäten. Hilfsorganisatoren werfen dagegen der Politik vor, dass vor allem die Abschottung Europas das Geschäft der Menschenschmuggler und -händler befördere. Es fehlten sichere Fluchtrouten.

Männer wie Kommandant Teigen und Kapitän Morelli lassen sich auf solche politischen Diskussionen gar nicht erst ein. „Unsere Aufgabe ist es, Menschen in Seenot zu retten. Was wäre denn die Alternative?“, stellt ein hochrangiges Mitglied der italienischen Küstenwache klar.

Und auch Kommandant Teigen hat zu dem Thema eine klare Auffassung. Warum er den Job mache? Der Polizist antwortet mit einem Foto von zwei kleinen geretteten Mädchen. Eines der Kinder lächelt und macht das Victory-Zeichen. Teigen schiebt eine Bemerkung hinterher: „Darum sind wir hier.“

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erstellt am 27.Nov.2016 | 09:00 Uhr

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