zur Navigation springen

Politik

11. Dezember 2016 | 01:15 Uhr

Darf Satire wirklich alles? : Fernsehkabarett – Wo der Antisemitismus blüht

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Judenfeindschaft ist seit 1945 geächtet – fast. Im deutschen Fernsehkabarett lebt das Ressentiment als Humor getarnt weiter, analysiert Jan-Philipp Hein.

Was ist eigentlich mit dem deutschen Kabarett los? Klar: Erstmal gilt die Binsenweisheit, nach der Satire einfach mal alles darf! Wo Kabarett draufsteht, gibt es keine Grenzen mehr. Wer einmal den Zettel mit der Aufschrift „Kabarettist“ auf der Stirn kleben hat, der ist sakrosankt. Schließlich betreibt man Kunst, wer soll einem da schon was? Dieses Privileg nutzt auch Uwe Steimle aus. Und das nicht irgendwo, sondern in der ARD.

Gibt man den Namen Uwe Steimle in den Google-Suchschlitz ein, erscheint ganz oben in der Trefferliste ein Text aus der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Er heißt: „Ein letzter 'Polizeiruf': Uwe Steimle: Der Gekränkte“

Das FAZ-Stück aus dem Jahr 2009 ist hochaktuell: Der Autor führt uns in die Seele eines Jammerlappens ein, der seine Absetzung als „Polizeiruf“-Kommissar beim NDR nicht verkraften konnte. 15 Jahre ermittelte er in Schwerin. Dann war Schluss. Dass er aus politischen Gründen und wegen Aufmüpfigkeit vom Sender genommen worden sei, erfährt der Leser. Auch die Begriffe „Dolchstoß“ und „Berufsverbot“ fallen.

Als vorbildlicher Recyclingbetrieb verabreicht der Senderverbund ARD dem Patienten Steimle aber nicht nur die Kränkung, sondern gibt ihm auch noch einen Therapieplatz obendrauf. Beim WDR haben sie den geschassten „Polizeiruf“-Ermittler dieser Tage auf die Bühne gelassen. „Mitternachtsspitzen“" heißt die Sendung. Als Kabarett getarnt hielt Steimle eine politische Kampfrede. Höhepunkt: „Wieso zetteln die Amerikaner und Israelis Kriege an und wir Deutsche dürfen den Scheiß bezahlen?“" Er ist wieder wer, der Steimle. Es geht ihm offenbar gut.

Der Satz gehört dechiffriert, weil er tiefe Einblicke in antisemitische Gedankengebäude zulässt. Das alles verbirgt sich hinter Steimles Showeinlage: Die Juden (Israel) setzen mal wieder die Welt in Brand. Die Mittel, das zu tun, pressen sie den Deutschen ab, die „den Scheiß bezahlen“. Warum das bezahlt wird, ist natürlich klar: Weil die Deutschen wegen des Holocaust ein schlechtes Gewissen haben, aus dem die Juden bekanntlich seit Jahrzehnten Profit schlagen. Um das nicht auch noch explizit sagen zu müssen, kleidet Steimle seine Gedanken in eine Frage.

Und was haben die Amerikaner damit zu tun? Jeder gestandene Antisemit weiß, dass Juden die US-Politik lenken. Würde so etwas ein Bundestagsabgeordneter beim Dorfschützenfest erzählen, wären „Monitor“, „Panorama“, „Fakt“ und wie die ganzen Investigativformate bei der ARD so heißen voll dabei und könnten es kaum erwarten, den verwackelten Handymitschnitt des Auftritts zu zeigen. Kamerateams würden den Delinquenten an der Wohnungstür abpassen und „Was sagen Sie dazu?“ fragen. Und zwar völlig zurecht.

Im komikorientierten Nachtprogramm der ARD gehen solche Einlagen an der Grenze zur Volksverhetzung hingegen als Geistesblitze durch. Das Publikum applaudiert begeistert und glaubt offenbar, einem Akt der Aufklärung beizuwohnen.

Antisemitismus sei ein Verdikt, behauptete der jüngst verstorbene Günter Grass in seinem antisemitischen Gedicht „Was gesagt werden muss“. Dieser Satz war so falsch wie der Rest des Werks. Keinem antisemitisch witzelnden Kleinkünstler wird sein Treiben zum Verhängnis. Im Gegenteil. Eine Portion Judenhass gehört im deutschen Kabarett, das ganz wesentlich und gebührenfinanziert von ARD und ZDF am Leben gehalten wird, zum guten Ton.

Beispiel Georg Schramm. Der ließ 2011 in Stuttgart bei einer der vielen Protestkundgebungen gegen den unterirdischen Bahnhof seinen dunklen Gedanken freien Lauf. Das Volk sei weiter als die Herrschenden (Bahnhofsneubauer): „Das Volk würde liebend gern den Banken wieder zu dem Ansehen verhelfen, das sie einmal hatten, als man sie noch Geldverleiher nannte, als es noch ein dreckiges Handwerk war, das ein ehrbarer Christ gar nicht ausüben wollte.“

Verdikt Antisemitismus? Georg Schramm war später nicht nur als Präsidentschaftskandidat für die Linkspartei im Gespräch, sondern ist immer noch ein umjubelter Kleinkünstler und darf regelmäßig im Fernsehen auftreten.

Meist in „Die Anstalt“ beim ZDF, wo man offenbar auch diese Sätze aus Stuttgart für eine politische Analyse und nicht für lupenreinen Judenhass hält: „Die wahrhaft Mächtigen, die sind gewiss, dass sie die Gunst des Volkes schon längst verloren haben.“ Deshalb sei die Kanzlerin für die „wahrhaft Mächtigen“, die Schramm halluziniert, so wichtig: „Solange sie die Gunst des Volkes hat, hat sie die Gunst der Macht. Das nennt man in der Biologie eine Symbiose. Aber wenn es zu Lasten des Wirtstiers geht, dann nennt man es eine parasitäre Symbiose, und das Wirtstier, das sind wir!“

Seit 1945 ist Antisemitismus in Deutschland keine ehrbare Haltung mehr, aber immer noch ein virulentes Gefühl. Rund ein Fünftel der Deutschen sind nach Studien latent antisemitisch eingestellt. Oft und viel beschrieben wurde, dass der Antisemitismus der Nachkriegszeit sich als Israelkritik tarnt, um gesellschaftsfähig zu werden.

Wer den Juden ohne auf Israel zu kommen ein paar auf die Mütze geben will, kann das aber auch als Kabarett tarnen. Im deutschen Fernsehen ist dafür immer eine Bühne frei.

Natürlich geht es nicht immer gleich antisemitisch zu, wenn ein öffentlich-rechtliches TV-Kabarett den Vorhang aufzieht. Aber was sagt eigentlich der ebenfalls ARD-gemästete Volker Pispers mit diesem von ihm ironisch gemeinten Satz, den er beim „Deutschen Kleinkunstpreis 2015“ loswerden musste – übertragen von 3Sat: „Keiner kann verstehen, warum Moskau im Osten der Ukraine Separatisten unterstützt, anstatt beim Aufbau eines Nato-Stützpunktes mitzuhelfen?“

Bemerkenswert, oder? Im öffentlich-rechtlichen Fernsehen applaudiert das Publikum, wenn jemand Verständnis für einen militärischen Aggressor aufbringt, dessen Krieg nach Angaben der Vereinten Nationen rund 6000 Opfer gekostet hat. Es gibt auch Schätzungen, nach denen Russlands als Bürgerkrieg getarnter Überfall bisher bis zu 50  000 Tote nach sich gezogen habe. Pispers macht aus all dem mal eben einen legitimen Akt der Selbstverteidigung Wladimir Putins.

Damit kann man doch mal Scherzchen auf Kleinkunstbühnen treiben, oder? Zumal wenn man, wie Pispers in diesem Fall, den Ukraine-Krieg als Aufhänger nimmt, die ewig lange Sündenliste der USA zu referieren – von Afghanistan über Nicaragua, Iran bis nach Libyen. Pispers: „Die Vereinigten Staaten von Amerika haben in den letzten 40 Jahren noch mit jedem Schwein und Verbrecher zusammengearbeitet, solange die Interessen der amerikanischen Großkonzerne gewahrt blieben.“ Da johlt der Kleinkunstfreund und wähnt sich schon wieder als Zuschauer einer fundierten und kritischen Weltbetrachtung.

Publikum – und nun ja – Künstler verbindet in all diesen Fällen das Gefühl, besonders mutig und subversiv zu sein. Der auf der Bühne tritt eine sperrangelweit geöffnete Tür ein. Die unten im Publikum feiern das Schattenboxen als Befreiung. Er hat sich geopfert, damit sie frei von aller politischen Korrektheit einfach mal lachen können. Ist das Kunst? Nein, das kann weg!

Ach so: Sollte Uwe Steimle schon wieder schwer gekränkt sein: Kolumnisten dürfen alles!

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen