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Politik

09. Dezember 2016 | 08:42 Uhr

Streitbar : Es geht nur um Unterhaltung

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Politische Talkshows setzen auf bewährte Köpfe und schnelle Lacher – statt auf vertiefende Informationen, analysiert Jan-Philipp Hein

Sehr geehrte Damen Wagenknecht, Klöckner, Kemfert, Wiener und Göring-Eckardt, sehr geehrte Herren Precht, Patzelt, Gysi, Lafontaine, Bosbach, Augstein und Buschkowsky,

ich schreibe Ihnen, weil Sie so etwas wie Ikonen sind. Sie gehören zu den Top-Favoriten unter den nervigsten Talkshowgästen. Sicher, es gibt noch ein paar andere Wanderprediger in ihrer Liga, aber die wollen mir gerade so aus dem Stand nicht einfallen. Deshalb mein Vorschlag: Lassen Sie den Brief auf der Ablage vor dem Spiegel in der Maske liegen. Es dauert schließlich nicht lang, bis der nächste passende Adressat vorbeikommt. Auch wenn mal jemand aus der Redaktion zur Begrüßung reinschaut, kann er ihn ja gerne mal überfliegen.

Es ist schon eine ganze Weile her, da dämmerte es Programmverantwortlichen in der ARD, dass es nur mäßig attraktiv ist, die immer gleichen Gesichter zu den immer gleichen Themen in den immer gleichen Studios sitzen zu haben. Die Lösung der ARD-Chefs: Eine Gästedatenbank. Die Redaktionen der Talkformate wurden angehalten, die „Experten“, die sie in ihre Sendungen holen wollten, in eine gemeinsame Datenbank einzutragen. Medienjournalisten und Branchendiensten jubelten. Doch das, meine Damen und Herren, wäre nicht ganz so gut für Sie und Ihre Bildschirmpräsenz gewesen.

Und das Projekt Gästedatenbank hat ja dann auch nicht funktioniert. Sie können froh sein. Entweder wird die digitale Errungenschaft sabotiert oder sie wurde mit weniger Öffentlichkeitsarbeit als zu ihrem Start wieder eingestellt. Denn nichts hat sich seitdem getan. Immer noch geben sich dieselben Leute in den Studios die Klinke in die Hand. Geht es um Gesundheit und das Krankenhauswesen, muss der SPD-Bundestagsabgeordnete Karl Lauterbach ran, werden die Ereignisse in Syrien verhandelt, schlägt die Stunde von „Nahostexperte“ Michael Lüders, da ja auch Peter Scholl-Latour mittlerweile unpässlich ist. Russland – Gabriele Krone-Schmalz. Wirtschaft – Ex-Ifo-Chef Hans-Werner Sinn. So geht das immer weiter. Die Autoindustrie steckt in Schwierigkeiten? Ferdinand Dudenhöfer, Professor für Betriebswirtschaftslehre und Automobilwirtschaft, ist schon unterwegs. Lasst uns was zu Gerechtigkeit oder Krieg machen! Kein Problem, Ex-Kirchenchefin Margot Kässmann kommt gerne.

Mit dem Stammpersonal lässt sich jedes Thema spontan und günstig inszenieren. Nehmen wir beispielsweise Ernährung, genauer: Zucker. Für eine solche Sendung haben sie bei der ARD ihren Fernsehkoch Tim Mälzer, der in etwa sagen würde, dass Zucker eine ganz furchtbare Sache sei und sich mittlerweile in allen Lebensmitteln außer Leitungswasser verstecke. Als moralische Instanz und aktive Politikerin würde Renate Künast scharfe Restriktionen für das Teufelszeug fordern; etwa keine Abgabe mehr an Kinder und Jugendliche und einen Obolus nach dem Vorbild der Tabaksteuer. Als gnadenloser Zuspitzer würde Foodwatch-Chef Thilo Bode sagen, dass eine völlig skrupellose Lebensmittelindustrie Zucker benutze, um uns alle systematisch zu vergiften. Als kontroverse Stimme käme noch einer wie der Lebensmittelchemiker Udo Pollmer dazu, der als „umstritten“ anmoderiert würde und dafür zuständig wäre, die nervös gewordenen Zuckerkonsumenten daheim wieder etwas zu beruhigen.

Fertig. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit, bleiben Sie uns gewogen und schalten Sie kommende Woche doch wieder ein!

Als Studio-Routiniers wissen Sie ja, dass es ein großer Irrtum ist, davon auszugehen, dass der Zweck von Talkshows irgendwas mit Information ist. Es geht natürlich nicht darum, neue Perspektiven auf ein Thema aufzuzeigen, es geht natürlich auch nicht um vertiefendes Wissen. Es geht um Unterhaltung. Wer ein Revueprogramm oder ein Musical am Stadtrand besetzt, wird auch mehr Wert darauf legen, dass sein Star bekannt ist und weniger darauf, dass er der beste seiner Klasse ist.

Die Abfolge der Talkshows am Rande des Tagesprogramms erinnert mehr an eine Soap-Opera oder an Rosamunde Pilcher-Filme. Das hat für die Schauspieler dort und für Sie in den Talkshowstudios den Vorteil, dass es kaum einer Vorbereitung bedarf. Kommen Sie einfach auf die Bühne oder lassen Sie sich in den Sessel fallen, der Rest geht von allein. Sie werden schon über die Sendezeit bugsiert.

Dass stets alles sogar ohne Generalprobe klappt, liegt an der ausgefeilten Dramaturgie. Sie als Darsteller müssen hauptsächlich über eine gewisse Prominenz und nur einen Hauch Ahnung vom jeweiligen Thema verfügen, dann läuft das schon. Denn dafür, dass Sie mit Ihren Mitdiskutanten im Sinne einer Show perfekt harmonieren, sorgt die Redaktion, die darauf achtet, dass die Charaktere zueinander passen.

Ein Beispiel: Wenn nur höfliche und rücksichtsvolle Gäste in einer Runde sitzen, mag es zwar möglich sein, das jeweilige Thema in einer gewissen Breite und Tiefe zu behandeln, doch wo bleibt da der Spaß, was ist mit der Unterhaltung? Also muss vor jeder Talkshowkulisse ein Stinkstiefel platziert werden. Einer, der unsachlich wird, beleidigend und bei dem sich die Redaktion darauf verlassen kann, dass er vorgefertigte Sätze im Gepäck hat, die er, völlig unabhängig von einer Frage, auch wirklich los wird. Mit solchen Einlagen haben sich Ralf Stegner, Oskar Lafontaine oder Hannes Jaenicke in die Herzen der Talkshow-Redaktionen gequatscht.

Ihr Widerpart ist meist nicht der Beschimpfte mit der konträren Meinung, sondern ein beschwichtigender Diskussionsteilnehmer, der als Ausgleich zum Rambo eingeladen wurde und dem es außerdem obliegt, dafür Sorge zu tragen, dass die von ihm eingeschüchterten Gäste den Mut finden, sich doch noch einmal zu Wort zu melden.

Macht das nicht der Moderator? Wissen Sie doch. Natürlich nicht. Die Diskussionsleiter lenken keine Debatte, sondern sie sorgen dafür, dass jeder seine Rolle spielen kann. Sie sind weniger Moderatoren als Dramaturgen. Würden nämlich Sandra Maischberger, Maybrit Illner, Frank Plasberg, Anne Will & Co. die notorischen Querulanten daran hindern, sich querulatorisch zu betätigen, würden sie damit ja ihr eigenes Sendungskonzept in Frage stellen.

Und was ist, wenn ein Thema neben der ganzen genretypischen Inszenierung doch mal etwas mehr fundiertes Wissen braucht? Einen Nerd, der die Sache durchblickt? Dann gibt es am Rande der Manege die Betroffenensofas oder Stehtische. Was haben sich Kritiker nicht schon darüber aufgeregt, dass die wirklich mit Ahnung und Kenntnissen oder eigenen Erfahrungen ausgestatteten Akteure als isolierte Figuren am Rand auftreten. Dabei ist das nur logisch. Die einen sind für die Show zuständig, die anderen liefern die Substanz. Die wenigsten Fachleute würden sich den Zumutungen ausliefern wollen, die die dramaturgischen Überlegungen einer Talkshowredaktion für sie bedeuten.

Sollten wir an diesem System etwas ändern? Auf keinen Fall. Denn vielleicht ist dieses System doch gar nicht so unattraktiv und genau das, was wir alle wollen. Niemand will offenbar am Ende eines langen Tages noch intensiv nachdenken müssen, wenn sich ein paar Leute auf dem Bildschirm miteinander unterhalten. Und Sie doch auch nicht, oder?



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erstellt am 15.Okt.2016 | 16:00 Uhr

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