zur Navigation springen

Politik

09. Dezember 2016 | 06:50 Uhr

US-Wahl und ihre möglichen Folgen : „Diese Wahl ist russisches Roulette“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Am Dienstag wird in den USA gewählt – und obwohl das Clinton-Lager sehr stark ist, könnte Trump gewinnen, sagt Experte Andrew Denison

Die Welt schaut gebannt auf die USA. Wählt Amerika den Außenseiter oder die erfahrene Politikerin? Alles ist möglich. Tobias Schmidt sprach mit Andrew Denison, US-Publizist und Direktor des Transatlantic Networks, über die Wahl und ihre Folgen.

Andrew Denison, Transatlantic Networks
Andrew Denison, Transatlantic Networks

Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Welt mit einem künftigen US-Präsidenten Donald Trump aufwachen wird?
Denison: Das Risiko ist gering – das liegt vor allem an der viel höheren Wählermobilisierung durch das hervorragend organisierte Clinton-Lager in den entscheidenden Staaten. Dennoch ist ein Sieg Trumps nicht auszuschließen. Also: Die Chance ist gering, aber die Gefahr ist groß! Diese Wahl ist kein Würfelspiel, sondern russisches Roulette.

Wie gefährlich wäre denn ein Präsident Trump für die Europäer, für die Nato?
Er neigt zu unüberlegten Entscheidungen, aggressiven Reaktionen. Das ist grundsätzlich eine Gefahr, wenn man die letzte Supermacht ist. Und Trump wird alles daran setzen zu verhindern, dass andere Länder die USA ausnutzen: Er wird versuchen, die amerikanischen Märkte gegenüber Europäern, Chinesen und allen anderen abzuschotten. Und den Nato-Partnern wird er sagen, dass sie keinen Schutz bekommen können, wenn sie nicht mehr bezahlen.

Trump hat im Wahlkampf Kanzlerin Merkel mehrfach beleidigt. Wäre da eine vertrauensvolle Zusammenarbeit überhaupt vorstellbar?
Das würde letztlich von Frau Merkel abhängen – aber gemeinsame Fotos von den beiden könnten für die Kanzlerin im Bundestagswahlkampf auch sehr negativ wirken, weil Trump in Deutschland so unbeliebt ist. Trump hat Merkel in seinem Wahlkampf als abschreckendendes Beispiel heraufbeschworen: Eine schwache Frau öffnet – geleitet durch humanitäre Impulse – die Grenzen, lässt Ausländer ins Land, ist damit für die Silvesternacht von Köln verantwortlich.

Hillary Clinton wird ein gutes Verhältnis zu Merkel nachgesagt. Inwieweit könnten sich die Beziehungen bei ihrem Sieg sogar intensivieren?
Barack Obama hat den Deutschen vorgeworfen, sie seien Trittbrettfahrer. Das würde sich unter Clinton nicht grundsätzlich ändern: Sie würde verlangen, dass sich Deutschland als reichstes Land Europas stärker in der Verteidigung, der Entwicklungspolitik und der Diplomatie engagiert und auch mehr für die Kaufkraft in Europa tut. Und Hillary Clinton setzt eher als Obama neben dem Zuckerbrot auch mal die Peitsche ein, wird klare Forderungen stellen. Wenn es um das Freihandelsabkommen TTIP geht, müssen sich die Europäer warm anziehen: Hier will sie ganz neu verhandeln und Zugang zu Märkten verlangen, die die Europäer noch schützen wollen.

Der Wahlkampf in den USA ist äußerst aggressiv gewesen. Hinterlässt er eine radikalisierte Gesellschaft?
Donald Trump steht für eine Radikalisierung eines Teils der amerikanischen Gesellschaft, ich spreche hier vom Aufstand von Joe Sixpack, dem typischen Angehörigen der weißen Arbeiterklasse. Seit 25 Jahren ist diese Schicht von den Republikanern verraten worden. Nichts wurde für die Ausbildung oder Weiterbildung der Menschen getan, die von der Globalisierung abgehängt wurden. Nichts wurde zur Schaffung neuer Jobs unternommen. Mehr Geld zum Wiederaufbau der heruntergekommenen Regionen wurde von den Republikanern blockiert. Um die Radikalisierung zu überwinden, wird mehr Unterstützung aus Washington nötig werden.

Kommentar von Friedmann Diedrichs: Am Scheideweg

Amerika hat die Qual der Wahl – im wahrsten Sinne des Wortes. Noch nie bemühten sich zwei so politisch beschädigte und charakterlich fragwürdige Politiker um das höchste Amt der Weltmacht. Noch nie waren die drohenden Konsequenzen auch für Europa so gravierend – nicht nur wegen der Globalisierung der Finanzmärkte, sondern auch durch mögliche außenpolitische Schockwellen. Und dies gilt für beide Kandidaten.

Wer die Tragweite dieser Wahlentscheidung begreifen will, muss sich nur vorstellen, wie die ersten Monate einer Trump-Präsidentschaft verlaufen würden. Macht er seine Ankündigungen wahr, drohen Handelskriege mit Mexiko und China, Spannungen mit dem Iran über das Atomprogramm, Massen-Abschiebungen illegaler Einwanderer, neue brutale Verhörmethoden im Umgang mit Terrorverdächtigen sowie eine Verfolgung kritischer Journalisten und politischer Gegner.

Hillary Clinton wäre deshalb, was den Faktor Berechenbarkeit angeht, aus deutscher Sicht die bessere Wahl. Doch auch sie kommt mit jeder Menge Ballast.

Das eigentlich Faszinierende ist, dass dennoch die Wahlbeteiligung beeindruckend sein wird. Dies zeigt: Der politische Verdruss in den USA hat seinen Höhepunkt noch nicht erreicht.


 

zur Startseite

von
erstellt am 07.Nov.2016 | 21:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen