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Politik

28. August 2016 | 18:37 Uhr

Streitbar : Die Toten der anderen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Was in Paris geschah, ist in Israel Alltag, von Europa nahezu unbemerkt. Das sagt viel über Europa, findet Jan-Philipp Hein.

Beim Versuch, dem grauenhaften Terrorfreitag von Paris wenigstens irgendetwas abzugewinnen, bleibt vielleicht nur das: Verständnis für Israel.

Nach der Anschlagsserie mit 129 Toten und hunderten Verletzten hat der französische Staatspräsident François Hollande den Ausnahmezustand verhängt. Drei Monate lang können die Sicherheitsbehörden des Landes Häuser stürmen und durchsuchen, ohne dass ein Richter das absegnen müsste. Aufenthaltsverbote, Ausgangssperren, Demonstrations- und Versammlungsverbote, Hausarreste, Zwangsschließungen von Cafés, Bars oder Theatern, ja sogar Pressezensur sind möglich. Der Ausnahmezustand erlaube es, „die Präventionsarbeit zu verstärken“, sagte der sozialistische Innenminister Bernard Cazeneuve zur Erklärung.

Widerspruch gegen den vorübergehend aktivierten Polizeistaat in Frankreich gibt es nicht. Europa, das zivilgesellschaftliche und auch das der Institutionen, steht an der Seite der schwer verwundeten Nation. Niemand klagt, dass das Vorgehen der französischen Regierung unverhältnismäßig sei oder dass bestimmte Bevölkerungsgruppen im Zuge der Ermittlungen stigmatisiert würden. Europa vertraut Frankreich und geht davon aus, dass es nun tut, was eben zu tun ist. Wahrscheinlich würden alle Innenminister der Europäischen Union ähnlich handeln.

Es mag eine glückliche Fügung sein, dass eine Linksregierung nun diese Aufgaben bewältigen muss. Man stelle sich kurz vor, Ex-Staatspräsident Nicolas Sarkozy hätte das Land in den Kampfanzug gestopft. Als als Konservativen würde ihm schnell unterstellt werden, nur allzu gern mit Repression auf Terror zu antworten. Sozialisten können mit Nachsicht rechnen. Dieser Mechanismus hat es auch ermöglicht, dass Rot-Grün in Deutschland den ersten Kampfeinsatz der Bundeswehr (Kosovo) und heftige Einschnitte in den Sozialstaat (Agenda 2010) beschließen konnte.

Und die Franzosen können froh sein, keine Israelis zu sein. Ganz schnell hätten sie sich sonst anhören müssen, mit ihren Ermittlungs- und Präventionsmaßnahmen die Täter zu weiteren Terrorakten zu animieren. Von „Verzweiflungstaten“ wäre die Rede, dass man versuchen müsse, zu verstehen, was junge Männer dazu treibe, ihr Leben wegzuwerfen.

Es würde geleitartikelt werden, dass Hollande vom selben Schlage wie IS-Führer al-Baghdadi sei. Die Vernichtungsrhetorik der Islamisten würde als Sprücheklopferei verniedlicht. Europa würde die „Pseudodemokratie“ Frankreich im Chor zur Mäßigung aufrufen und fordern, die „Apartheid“ in den Banlieues zu bekämpfen. Irgendwer würde „Gewaltspirale“ sagen, ein anderer von Radikalen auf beiden Seiten sprechen. Polizei und Militär, da wäre der Restkontinent mit sich selbst ganz im Reinen, würden als denkbar ungeeignet betrachtet, den Terror zu besiegen.

Jahrzehnte Frieden haben aus Europa einen fantastischen Ort gemacht. Ein Paradies bevölkert von Feingeistern und Theoretikern. Jetzt allerdings, wo die Kaffeehausanalytiker den Terror im eigenen Hausflur haben, sind sie mit ihrem Latein am Ende. Deshalb beschweigen sie das resolute Vorgehen der Franzosen.

Anders als im Januar bei den Attentaten auf die Redaktion des Satiremagazins „Charlie Hebdo“ und einen koscheren Supermarkt wird diesmal aber auch der antisemitische Aspekt des Terrors beschwiegen. Die Konzerthalle „Bataclan“ und die am Terrorabend dort gastierende Band „Eagles of Death Metal“ sind offenbar nicht zufällig als Ziele ausgewählt worden. Bis vor wenigen Wochen gehörte der Veranstaltungsort einem jüdischen Ehepaar, das den Laden vier Jahrzehnte führte. Betont israelfreundliche Happenings standen immer wieder auf dem Veranstaltungsplan. Jüdische Organisationen sammelten beispielsweise jährlich im Rahmen einer Gala für Magav, die israelische Grenzpolizei.

Seit acht Jahren ist der Ort deshalb einschlägig verhasst. Auf der Videoplattform Youtube findet sich ein Video, das mit Palästinensertüchern vermummte Männer vor dem „Bataclan“ zeigt: „Wenn hier wie in den Jahren zuvor eine Gala für Magav, die Grenzpolizei der israelischen Armee, organisiert wird, werdet ihr die Konsequenzen eurer Taten zu tragen haben“, sagen sie. Martialisch heißt es dann: „Das nächste Mal kommen wir nicht zum Reden.“ Eine salafistische Terrororganisation, die sich mittlerweile dem „Islamischen Staat“ anschloss, hatte das „Bataclan“ nach Informationen eines französischen Magazins, das sich auf den Inlandsgeheimdienst berief, im Visier. Grund: „Weil die Eigentümer Juden sind.“

Auch die Rockband „Eagles of Death Metal“ bringt alles mit, was das Herz eines Antisemiten und Islamisten in Wallung bringt. Vor kurzem spielten die Musiker in Tel Aviv. Auf der Bühne des „Barby Club“ solidarisierte sich Sänger Jesse Hughes mit dem jüdischen Staat. Im Vorfeld hatte „Pink Floyd“-Mitbegründer Roger Waters, seines Zeichens Antisemit und ein vehementer Einpeitscher der israelhassenden BDS-Bewewegung (Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen gegen Israel), die „Eagles of Death Metal“ aufgefordert, nicht in Israel zu spielen. Hughes Replik: „Fuck you!“ Beim Konzert in Tel Aviv legte er nach: „Einen Ort wie diesen würde ich nie boykottieren. Ich habe mich nie zuvor so zu Hause gefühlt wie hier.“

Wären am Abend dieses Auftritts in der israelischen Metropole knapp einhundert Leute von islamistischen Terroristen im Konzertsaal ermordet worden, wäre das in Europa nur als weitere heftige Umdrehung der Nahost-„Gewaltspirale“ wahrgenommen worden. Kurz darauf hätten die Warnungen vor einer Eskalation eingesetzt. Kommentatoren hätten „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ geschrieben und gemahnt, bloß nicht hart zu antworten um den Extremisten kein Futter zu geben.

So aber macht Frankreich und macht Europa jetzt eine Erfahrung, die Israelis schon sehr oft gemacht haben und die ihren Alltag und ihre Sicherheitskultur prägt. Und diesmal haben wir alle das Gefühl, jederzeit getroffen werden zu können. Die Anschläge vom 7. Januar kamen uns nicht annähernd so nahe. Denn die wenigsten von uns arbeiten für ein Satiremagazin, noch weniger für eins, das sich Scherze mit dem Propheten Mohammed und dem Islam erlaubt. Und auch in jüdische Supermärkte verirren wir uns eher selten.

Vor einer Woche mordeten Dschihadisten in Cafés, Restaurants, vor einem Fußballstadion – was für ein Glück im Unglück, dass ein aufmerksamer Ordner dort einen Bombengürtel entdeckte – und in einer Konzerthalle. Jeder von uns hätte auch dort sein können. Deshalb geht uns dieses Attentat viel näher.

Ein Fehler von damals hat sich diesmal (noch) nicht wiederholt. Im Januar bat die französische Regierung Israels Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu, nicht zum Trauermarsch der Staats- und Regierungschefs zu kommen. Israel, das Land, dem man selbst so selten Anteilnahme entgegenbringt, sollte seinerseits keine Anteilnahme zeigen dürfen. Das Kalkül Hollandes dürfte damals gewesen sein, die radikalisierten Muslime im eigenen Land nicht zu reizen.

Diesmal können wir vielleicht etwas besser nachempfinden, wie sich die Israelis mit ihrer latenten Bedrohung fühlen. Das wäre die einzig gute Nachricht im Zusammenhang mit dem schrecklichen Freitag von vor einer Woche.


Alles rund um die aktuelle Flüchtlingsdebatte lesen Sie in unserem Dossier.


 
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