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Politik

10. Dezember 2016 | 13:50 Uhr

US-Wahl : „Die Menschen sind ja nicht doof“

vom
Aus der Onlineredaktion

Der Soziologe und Sozialpsychologe Harald Welzer über die gesellschaftlichen Gründe für den Ausgang der US-Wahl

Herr Welzer, glauben Sie, dass viele Trump-Wähler tatsächlich auf der Verliererseite der US-amerikanischen Gesellschaft zu finden sind?
Welzer: Nein, nicht unbedingt. Aber viele haben das Gefühl, Verlierer der Globalisierung zu sein. Dieses Gefühl mündet in einer großen Enttäuschung über die etablierte Politik – und in einer wenig rationalen Protestwahl.

Wie gefährlich ist es für Demokratien, wenn die Enttäuschung zur Grundlage von Wahlentscheidungen wird und nicht ein politisches Programm?
Wahlentscheidungen sind nie rein rational, sondern auch immer von Emotionen beeinflusst. Bei Trump haben aber tatsächlich die Sachthemen so gut wie keine Rolle gespielt, stattdessen haben wir einen boulevardisierten Wahlkampf mit Sex and Crime erlebt. Das ist eine ganz neue Qualität. Dabei kommt übrigens auch nur ein sehr enges Spektrum an Emotionen zur Geltung – Aversion, Hass, Wut. Wenn sich diese Art der politischen Ansprache in anderen Nationen fortsetzt, dann müssen wir uns warm anziehen.

Was bedeutet das für die deutsche Politik?
Die Rechtspopulisten haben bei der US-Wahl wieder einmal gesehen, dass man mit der Skandalisierung große politische Erfolge feiern kann. Übrigens auch mit der selbstinszenierten Skandalisierung, die durch immer radikalere Formulierungen die Präsenz in den Medien garantiert. So treiben die Populisten die politische Kommunikation und die Themen vor sich her. Die TV-Duelle zwischen Trump und Clinton waren der Niedergang der politischen Kommunikation.

Was ist das Mittel gegen diesen Populismus?
Ich würde, so paradox sich das anhört, davor warnen, in der jetzigen Situation gleich den demokratischen Notstand auszurufen. Man muss im Gegenteil noch stärker als in den vergangenen Monaten sagen: Die allermeisten europäischen Gesellschaften sind sichere demokratische Verfassungsstaaten. Und wer sich als Demokrat versteht, muss sich dieser Form von populistischer Kommunikation verweigern.

Das ist in Zeiten zahlreicher digitaler Medienkanäle gar nicht so einfach.
Ja, aber da leitet sich auch in Zukunft die Aufgabe für die traditionellen Medien ab, nämlich dieser Hysterie mit Analysen und Hintergründen entgegen zu wirken. Leider haben die USA eine katastrophale Medienlandschaft, gerade außerhalb der Metropolen gibt es kaum noch Tageszeitungen. Die Menschen dort sind politisch ungebildet, das spielt den Populisten in die Hände.

Sie haben eingangs die gefühlten Globalisierungsverlierer erwähnt: Muss sich nicht auch im Bezug auf die Ungleichverteilung von Reichtum, bei Lohnungerechtigkeit und Renten etwas ändern, damit die Populisten weniger Hebel für ihre Parolen finden?
Es ist richtig, dass es soziale Ungleichgewichte in der Gesellschaft gibt und da muss etwas passieren. Aber wir sollten gleichzeitig über die hervorragenden Leistungen in diesem Land sprechen. Und vergessen wir nicht: Bei den vergangenen Landtagswahlen haben 80 Prozent der Bevölkerung demokratische und rechtsstaatliche Parteien gewählt.

Immer noch eine eindrucksvolle Zahl.
Ja, und ich würde den Parteien und den Medien empfehlen, doch diese 80 Prozent stärker ins Auge zu fassen, als immer nur auf den rechten Rand zu schauen. Nehmen Sie das Flüchtlingsthema, das unsere Administration in funktionierende Bahnen geleitet hat. Aber auch das lassen wir uns von den Rechten kaputtreden. Es wird immer nur davon gesprochen, wie schwer die Integration der Flüchtlinge wird. Dabei haben wir ganz andere, wirklich schlecht integrierte Gruppen in unserer Gesellschaft – nämlich Manager von Unternehmen wie Volkswagen oder Deutsche Bank. Oder die Funktionäre von DFB und Fifa. Die sind deshalb schlecht integriert, weil die sich weder dem Gesetz noch dem Gemeinwohl verpflichtet fühlen. Diese Fehlentwicklungen im Management-Bereich müssen auch zum Gegenstand politischer Auseinandersetzungen werden, um Vertrauen zurückzugewinnen. Die Menschen sind ja nicht doof. Die sehen, dass da rauf und runter beschissen wird.

Zur Person:  Harald Welzer
Harald Welzer ist  Direktor der gemeinnützigen Stiftung „Futurzwei“, die alternative Lebens- und Wirtschaftsformen entwickelt.   Seit   dem Jahr  2012 ist er außerdem Honorarprofessor für Transformationsdesign an der Europa-Universität Flensburg. Im September dieses Jahres hat Welzer mit prominenten Mitstreitern die Initiative „Die offene Gesellschaft“ gegründet, die sich für Demokratie, Freiheit und glaubwürdige Politik einsetzt. Ebenfalls in diesem Jahr ist im S. Fischer Verlag sein Buch „Die smarte Diktatur“ erschienen.

 

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