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Politik

09. Dezember 2016 | 02:59 Uhr

Streitbar : Deutschlands Reiche: arme Würstchen

vom
Aus der Onlineredaktion

Die Milliardäre hier zu Lande haben meist ihr Geld verdient – und sind im internationalen Vergleich ohnehin nur Besserverdiener, analysiert Wolfgang Bok.

Nicht wenige Heilbronner haben herzhaft gelacht, als unlängst die Meldung durch die Medien ging, dass die Bürger dieser Stadt die Spitzenverdiener in Deutschland seien. Mit 39  524 Euro pro Kopf lägen sie noch vor den Speckgürteln um München (Starnberg mit 33  357) oder Frankfurt (Main-Taunus 32  563) und verdienten fast das Doppelte von Otto Durchschnitt mit 20  507 Euro. Nun ist die Stadt nicht arm, aber den sagenhaften Reichtum sieht man ihr nicht an. Man sieht keine Yachten im Neckar-Hafen ankern, und am Flussufer promenieren die Damen öfter mit H&M-Tüten als Prada-Täschchen. Kenner der lokalen Gegebenheiten kennen den Grund für die statistische Verzerrung. Sie hat einen Namen: Dieter Schwarz.

Der Mann ist Herr über weltweit 11  115 Filialen von Lidl und Kaufland, deren rund 350  000 Beschäftigte in diesem Jahr um die 80 Milliarden Euro umsetzen werden. In den Tabellen der Superreichen, welche diverse Verlage alljährlich erstellen, wird der 77-Jährige regelmäßig ganz oben geführt. Das US-Magazin „Forbes“ kalkuliert sein Nettovermögen aktuell auf 14,3 Milliarden Euro. Er stehe damit in Deutschland auf Platz fünf – und weltweit auf Platz 47. In seiner Heimatstadt Heilbronn, in der der Sohn eines kleinen Einzelhändlers 1960 seinen ersten Abholmarkt eröffnet hat, steht er allerdings mit weitem Abstand auf Platz eins.

Der Heilbronner Ehrenbürger bestreitet freilich entschieden, zu den Top-Vermögenden der Welt zu gehören. „Ich habe mein Vermögen in die Dieter-Schwarz-Stiftung eingebracht, an der ich persönlich nur ein Prozent halte“, sagte mir der Mann einmal, der Publicity scheut und seine Anzüge von der Stange kauft. Vor Jahren ist er nach New York geflogen, um die „Forbes“-Redaktion zu überzeugen, ihn aus der jährlichen Liste zu tilgen. Wegen belegbarem Nicht-Reichtum. Vergeblich. Denn natürlich hat der sparsame Schwabe das letzte Wort in seinem verschachtelten Handels-Imperium, dessen Wert schon deshalb schwer zu schätzen ist, weil die meisten Märkte angeblich mit Schulden belastet sind. Auch Anton Schlecker wurde vor seiner Insolvenz zu den Multimilliardären gezählt.

Für Deutschlands Superreiche, wie sie der auf diese Klientel spezialisierte Soziologe Wolfgang Lauterbach (Universität Potsdam) charakterisiert, ist Schwarz prototypisch: Weit entfernt von dem Protz-Gehabe, wie es Amerikaner oder Asiaten an den Tag legen, lebt er zurückgezogen in einer eher bescheidenen Villa. Weil es nur ein altes Foto von ihm gibt, kann er mit seiner Frau Franziska ein relativ normales Leben ohne Personenschutz führen. Das ist ihm wichtig: Anfang der 1980er Jahre konnte die Entführung seiner beiden Töchter nur knapp verhindert werden. Seither treibt ihn die Angst um, ebenfalls gekidnappt zu werden.

In seiner Heimat, die sich „Region der Weltmarktführer“ nennt, neidet dem scheuen Mitbürger niemand den sagenhaften Reichtum. Schließlich lässt er viele daran teilhaben: Die Schwarz-Stiftung finanziert zahlreiche Bildungseinrichtungen und so manches Projekt, das noch dringend einen Zuschuss braucht. Die Hauptverwaltungen von Lidl und Kaufland sind attraktive Arbeitgeber in der gehobenen Lohnklasse. Dass auch die Fluktuation in den Vorstandsetagen weit überdurchschnittlich ist, bekommen nur Eingeweihte mit.

Disziplin, Fleiß und Leistung erwartet die erfolgreiche Aufbaugeneration, die in den kleinen Klub der Multimilliardäre vorgestoßen ist. Oder wie es Schwarz’ entfernter Nachbar, der Multiunternehmer und -Millionär Otto Rettenmaier ausdrückt: „Ich verlange von keinem meiner Führungskräfte mehr als von mir selbst.“ Und das ist – bis ins hohe Alter – nicht wenig. Protz und Prunksucht, die Neureiche in Dokusoaps zur Schau stellen, käme diesen Reichen nie in den Sinn. Bescheidenheit ist Zier – und Schutz.

1810 Milliardäre zählt das US-Magazin „Forbes” weltweit. 120 in Deutschland. Immerhin acht von ihnen schaffen es in die Top 100, deren Vermögen abzüglich Schulden mindestens neun Nullen hat. Mit 2700 Millionen Euro ist Dirk Rossmann, Gründer der Drogeriekette, Schlusslicht in der Liste der „50 reichsten Deutschen“. An der Spitze rangieren die Erben der Aldi-Brüder mit 23,8 Milliarden Euro (Süd) und 18,7 Milliarden (Nord), die jedoch nach Berechnungen des „Manager Magazins“ von den BMW-Erben (Quandt) auf die Plätze verwiesen werden. Dazwischen werden von „Forbes“ auffallend viele Händler verortet, die mit kleinen Preisen große Vermögen machen: Günter Lehmann (dm, 2,7 Milliarden, Platz 49 in Deutschland und 595 in der Welt); Erivan Haub (Tengelmann, 2,7 / 48 / 595); Erwin Müller (Müller-Drogerie/2,8 / 47 / 569); Karl-Heinz Kipp (Metro, 4,6 / 22 / 270); Heinrich Deichmann (Schuhe / 5,1 / 18 /53) Michael Otto (14,5 / 7 / 51) und natürlich Dieter Schwarz (Lidl, Kaufland), dem das „Manager Magazin“ sogar 19 Milliarden zurechnet.

Ansonsten sind die Branchen so heterogen wie die Liste der Reichen selbst: von der klassischen Industrie (BMW, Schaeffler) über Pharma (BASF, ratiopharm) und IT (SAP, 1&1) bis zu Filialisten wie Günther Fielmann (Brillen, 4,9 / 20 / 248) oder den Verlags-Erbinnen Liz Mohn (Bertelsmann) und Friede Springer (beide: 3,1 Mrd. / 40 / 477).

Diesen Erben ist es immerhin gelungen, das „leistungslos erworbene Vermögen“, das immer wieder neue Debatten über Ungleichheit und die Höhe der Erbschaftssteuer entfacht, durch kluges unternehmerisches Handeln zu mehren. Soziologe Lauterbach, der den Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung mitverfasst, nennt dies als eine Ursache, warum die Reichen auch in Deutschland reicher werden: Der hohe Anteil von Erben (60 Prozent) auf der „Forbes“-Liste hänge mit der hohen Zahl von Familienunternehmen zusammen, die ihr Geld zusammenhalten und gerne unter sich heiraten.

Neidgefühle dämpft der Potsdamer Wissenschaftler mit Verweis auf die Relationen: „Die 120 Milliardäre der ,Forbes’-Liste bekommen viel Aufmerksamkeit, obwohl man ihren Anteil kaum in Stellen hinter dem Komma ausdrücken kann.“ Selbst die weit ärmere „materielle Elite“, die Lauterbach ab 30 Millionen Euro Vermögen taxiert, macht nur 0,1 Prozent aus. Als „vermögend“ seien indes schon Menschen ab 200  000 Euro verfügbarem Kapital zu bezeichnen. Wer über das Dreifache des Mittleren Einkommens verfüge, sei bereits wohlhabend. Dazu zählten Bundesrichter, Manager, kleine Unternehmer und Paare, bei denen beide im mittleren und höheren Beamtenbereich tätig sind. Denn wer netto mehr als 3200 Euro im Monat zur Verfügung hat, zählt bereits zu den reichsten zehn Prozent im Land. Nur wollen es die wenigsten wahrhaben. Reich sind immer die anderen.

48 Kilometer östlich von Dieter Schwarz residiert in einem Jagdschlösschen bei Künzelsau ein weiterer Händler, der immerhin halb so reich ist: Reinhold Würth. Doch der Schraubenkönig aus Hohenlohe (7,5 Mrd. / 12 / 141) ist mindestens doppelt so beliebt: Nicht nur, weil er aus einem Zweimannbetrieb einen Konzern mit über 60  000 Mitarbeitern in 80 Ländern geschaffen hat; oder weil er neben Hochschulen und Behinderten auch die schönen Künste fördert. Sondern vor allem, weil er sich nicht versteckt und am öffentlichen Leben teilnimmt. In Vorträgen gibt der 81-Jährige Firmenpatriarch nicht den edlen Wohltäter, sondern predigt Leistungswillen, Unternehmermut und Erfolgshunger. Also das, was auch der Soziologe Lauterbach an Gemeinsamkeiten der Superreichen herausgearbeitet hat. Gäbe es mehr Milliardäre wie Würth, müsste der Forscher nicht beklagen: „Reichen wird oft unrecht getan.“ Und im Vergleich zu den Buffets und Zuckerbergs dieser Welt sind die deutschen Milliardäre ohnehin arme Würstchen.

 

Wolfgang Bok setzt sich streitbar mit gesellschaftlichen Themen auseinander. Ihre Meinung zur Meinung an: chefredaktion@medienhausnord.de  
 

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