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Politik

03. Dezember 2016 | 07:44 Uhr

Studie : Deutschland zeigt sein Hass-Gesicht

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Die Mitte rückt nach rechts und schuld sind die Muslime – zumindest momentan

Springerstiefel, Glatze, Bomberjacke und dazu einen Führer, der das Land zum Wohle aller mit harter Hand regiert. Was klingt wie der zweite Teil des Bestsellers „Er ist wieder da“ ist ein Teilergebnis der in diesem Jahr erschienenen Mitte-Studie. Aber nicht „Er“ ist wieder da, sondern die „Enthemmten“ – die enthemmten Deutschen, die enthemmte Mitte. Zehn Prozent wollen einen Diktator, elf Prozent finden Juden heimtückisch, zwölf Prozent glauben, sie gehören einem Volk an, das anderen von Natur aus völlig überlegen ist.

Zehn Prozent der Deutschen denken, dass Deutschland wieder einen starken Führer bräuchte.
Zehn Prozent der Deutschen denken, dass Deutschland wieder einen starken Führer bräuchte. Foto: uni Leipzig
 

Rechtsextremismus ist kein Randphänomen. Noch nie gewesen. Er pulsiert in der Mitte der Gesellschaft. Bekommt er genug Futter, wächst und gedeiht er. Bei Stammtischen und Kaffeerunden hat er einen Platz. Und im Internet hat er eine wahre Wellness-Oase gefunden. Die Bürger sind gewaltverherrlichender geworden – auf sozialen Netzwerken trifft sich der Pöbel. Dort im vermeintlichen Deckmantel der Anonymität fühlt er sich wohl und vergisst, dass Facebook und Co gar nicht so anonym sind. Es wird gehetzt, Wut und Hass an Minderheiten abgekämpft. Der Pöbel sucht sich seine Sündenböcke. „Momentan werden Muslime als Ursache vieler Probleme angesehen“, sagt Elmar Brähler, Herausgeber der Studie. In der Vergangenheit waren es aber auch schon die Sinti und Roma oder die Russlanddeutschen. Der Hass könnte sich aber genauso gut gegen Langzeitarbeitslose richten oder gegen Alte, gibt der Wissenschaftler zu bedenken. „Die Schuld am eigenen Elend wird bei anderen gesucht.“ Das ist einfach. Das ist unkompliziert. Scham, Anstand und Respekt? Fremdworte! Und die Gewinner? Die Alternative für Deutschland. Personen mit rechtsextremer Einstellung haben endlich eine Heimat gefunden. Wählten sie vorher gerne auch mal langfristig etablierte Parteien wie CDU und SPD, setzen sie ihr Kreuz nun bei der AfD. Dabei hätte die Partei ihr Potenzial noch gar nicht richtig ausgeschöpft, sagt Brähler. Vor allem nicht bei Frauen. Diese seien noch ein wenig gehemmt von den teils so offen bekundeten Gewaltverherrlichungen.

Die virtuelle Welt führe übrigens auch dazu, dass die Deutschen nicht mehr so sexuell aktiv sind wie noch vor einigen Jahren. Aber das ist eine andere Studie – auch von Brähler. „Man schaut sich nicht mehr in die Augen. Man sieht nicht mehr hin.“ Das könnte den Horizont erweitern. Dann wüssten die 40 Prozent Homophoben aus der Studie, dass es egal ist, wen man liebt. Und die neun Prozent, die denken, dass es wertes und unwertes Leben gibt, fingen an, sich selbst zu hinterfragen.

Wenn die Probleme innerhalb der Gesellschaft nicht erkannt werden, wird sich die Mitte weiter radikalisieren, prophezeit Brähler. Der antidemokratische Teufel führe bereits einen erbitterten Kampf mit dem Heile-Welt-Engel. „Wir leben wirtschaftlich auf einer Insel der Seligen. Doch was passiert, wenn sich unsere Situation ändert?“, fragt Brähler. Die Gesellschaft spalte sich. Und sie spalte sich weiter. Der Forscher spricht bereits von 20 Prozent ökonomisch „Abgehängten.“ Und beim Geld hört ja bekanntlich die (Gast)Freundschaft auf.

Seit 2002 erstellt die Universität Leipzig im Zweijahresrhythmus ihre Mitte-Studien. Für die aktuelle Version „Die enthemmte Mitte. Autoritäre und rechtsextreme Einstellung in Deutschland“, die in Kooperation mit der Heinrich-Böll-Stiftung, der Otto-Brenner-Stiftung und der Rosa-Luxemburg-Stiftung entstand, wurden 2500 Personen im Alter zwischen 14 und 93 Jahren befragt. Elmar Brähler hat die Studie am vergangen Mittwoch an der Uni Rostock vorgestellt.

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erstellt am 21.Okt.2016 | 12:00 Uhr

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