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Politik

03. Dezember 2016 | 05:42 Uhr

Streitbar : Der Populismus aus der ersten Reihe

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Die ARD wandelt mit ihrem Trend zum Polit-Thriller auf ganz dünnem Eis, analysiert Jan-Philipp Hein.

Das ist doch nur Fiktion. Und man kann den Zuschauern der ARD doch zutrauen, Dichtung und Realität zu unterscheiden. Und außerdem leben gute Filme doch auch von Übertreibungen. So in etwa wurden Kritiker des Fernsehfilms „Tödliche Gefahr“ abgebürstet, die die 105-Minuten eher als Agitprop-Bedröhnung denn als gelungene Unterhaltung sahen und sich fragten, ob ausgerechnet der öffentlich-rechtliche Rundfunk solche Filme produzieren sollte.

Dabei – und so weit muss man gehen – hat „Tödliche Geheimnisse“ volksverhetzende Züge. Gegenstand des Films ist das geplante aber durch den zwischenzeitigen Sieg Donald Trumps bei den US-Präsidentschaftswahlen endgültig gescheiterte Freihandelsabkommen namens „Transatlantic Trade and Investment Partnership“, kurz: TTIP. Diese vier Buchstaben klingen für die meisten Deutschen nach Jahren intensiver Bearbeitung durch diverse Angstmacher von den Grünen, den verschiedenen Naturschutzverbänden, durch Foodwatch, Campact & Co. wie das Kürzel für Untergang, Verderben und Tod. Die ARD tut alles, damit das so bleibt.

Kein Wunder also, dass die Verantwortlichen den Tod auch in den Filmtitel nahmen. In „Tödliche Geheimnisse“ sehen wir einen Kampf der Guten gegen die Bösen. Das Machwerk ist derart schlicht, dass es wirklich nicht einen einzigen Grauton gibt.

Dieses Gute wird personifiziert durch Rommy Kirchhoff, gespielt von Nina Kunzendorf. Die Reporterin des Nachrichtenmagazins „Puls“ wird nach Brüssel geschickt. Dort möchte Anwalt Paul Holthaus (gespielt von Oliver Masucci) ihr und einem Aktivisten einer freihandelskritischen Nichtregierungsorganisation namens „Watch TTIP“ brisante Informationen übergeben: „Das hier ist der Beweis dafür, dass mit diesem Handelsabkommen eine Diktatur der Konzerne beginnt“, sagt Holthaus, der für den Agrarkonzern Norgreen Life, der jede üble Assoziation mit Monsanto wecken soll, die TTIP-Verhandlungen nicht nur beeinflusst, sondern maßgeblich gesteuert haben soll. An dieser Stelle wird die Journalistin aus dem Zimmer gelockt. Als sie zurückkehrt, sind der Jurist und der Aktivist verschwunden. Ab jetzt geht es um Mord. Geht ein Konzern über Leichen, um seine Ziele zu erreichen? Wir sehen dunkle Limousinen, eiskalte Anzugträger, Abhörzentralen und versteckte Kameras. Wir lernen: Kapitalisten sind skrupel- und seelenlos und jeder von uns ist ihnen ausgeliefert.

Antagonistin des Films ist Lilian Norgren (Katja Riemann), Chefin des Gentechnikkonzerns, der Demokratie, Recht und Gesetz so virtuos verachtet. Die Charakterzeichnung der Schurkin erfolgt nicht dadurch, dass man sie beim Lenken ihrer Firma zeigt, sondern beim Erziehen ihrer Tochter, der sie beim Fechten wesentliche Weisheiten vermittelt; etwa die, dass Tarnung nicht nur beim Sport das wichtigste sei, sondern auch in der Politik, wo niemand sehen dürfe, wer sie eigentlich lenkt.

Die Frage, ob TTIP eine „Diktatur der Konzerne“ wäre, hätte das Thema des Films sein können. Doch in „Tödliche Geheimnisse“ geht es nicht um offene Fragen, sondern darum, die Gewissheiten der Angstmacher in den Stand der Wahrheit zu heben und das verunsicherte Publikum in Panik zu versetzen.

So gerät „Tödliche Geheimnisse“ zu einer als Aufklärung getarnten Hetze. Bevor der Film ausgestrahlt wurde, legte Anke Domscheit-Berg auf ihrem Twitter-Account den Followern dringend nahe, einzuschalten: „Vormerken: am Samstag 20:15 läuft bei @ARDde „Tödliche Geheimnisse“, ein Anti-#TTIP Thriller mit toller Besetzung (ich war beratend dabei)“, schrieb sie.

Darauf muss man mal kommen; eine ausgewiesene Anti-TTIP-Aktivistin als Beraterin zu engagieren. Wenn die Ex-Piratin und jetzige Linken-Politikerin der ARD als Ratgeberin in Sachen Freihandel dient, müssen wir wahrscheinlich auch davon ausgehen, dass es bald einen Spielfilm zum Thema Islam geben wird, der sich auf die Expertise der AfD-Chefin Frauke Petry stützt.

Das Problem mit „Tödliche Geheimnisse“ ist, dass der Film wie ein Schlüssellochroman angelegt ist. Sogar den von Greenpeace eingerichteten „Leseraum“ auf dem Pariser Platz haben die Macher eingebaut. Jede Anspielung sitzt, jede Analogie wird sofort erkannt. Der Thriller erhebt nicht nur den Anspruch auf Unterhaltung, sondern darauf, die Realität abzubilden. Das macht ihn gefährlich und seine Ausstrahlung so verantwortungslos.

Und er reiht sich in eine Kette ein. Bereits mit dem TV-Ereignis „Terror“ zeigten die Programmentscheider des Senderverbunds, wie wenig bewusst sie sich ihrer Verantwortung sind. Die Verfilmung des Ferdinand von Schirach-Stücks war nicht der entscheidende Fehler, sondern die anschließende Einberufung eines Fernseh-Volksgerichtshofs.

Der Schirach-Stoff behandelt den finalen Rettungsschuss im großen Maßstab. Ist es legitim, einen Passagierjet mit 164 Zuschauern abzuschießen, da er sich in den Händen von Entführern befindet und in Kürze als Waffe gegen 70 000 Besucher der Allianz-Arena in München eingesetzt werden wird? Kampfpilot Lars Koch (Florian David Fitz) hat diese Frage für sich bejaht und gehandelt – ohne Befehl von oben. Dafür muss er sich vor Gericht verantworten. Den Zuschauern der ARD oblag nach knapp 90 Minuten Verhandlung und den Plädoyers von Verteidigung und Staatsanwaltschaft die Urteilsfindung.

„Ist Lars Koch ein Held oder ein Mörder?“ fragte die ARD dazu ernsthaft. Allein diese Zuspitzung ist populistisch. Aber mit Grauzonen haben sie es halt gerade nicht so besonders bei den Öffentlich-Rechtlichen.

Bekanntlich hat es gute Gründe, dass Juristen Recht sprechen und die Anwendung von Strafgesetzen nicht per Plebiszit erfolgt. 86 Prozent der Zuschauer entschieden sich, dass Koch freizusprechen sei.

Wer darauf hinwies, dass Recht und Moral, Anstand und Ethik nicht durcheinandergewürfelt werden sollten, stellte sich also gegen den Volkswillen. So wie etwa Ex-Innenminister Gerhart Baum, der seine Skepsis gegenüber Volksbefragungen deutlich machte und warnte, dass es um „ein ethisches Prinzip“ gehe, „das bestimmt, wie wir in unserer Gesellschaft zusammenleben“. Das sei in den Hintergrund gedrängt worden.

Kein Wunder also, dass die Fernsehmacher auch keine Skrupel hatten, bei Anne Will am vergangenen Wochenende eine vollverschleierte Islamistin auftreten zu lassen und ihr so eine äußerst prominente Gelegenheit gaben, Propaganda für den sogenannten Islamischen Staat zu machen und dazu aufzurufen, sich als Djihadist an den Kämpfen in Syrien zu beteiligen. Man müsse den Gegner doch sichtbar machen, verteidigten einige Zuschauer und Verantwortliche den perversen Auftritt der „Frauenbeauftragten“ des obskuren „Islamischen Zentralrats Schweiz“. So sichtbar, wie den Salafisten Pierre Vogel, der nicht zuletzt wegen quotenträchtiger Talkshowauftritte zu einer prominenten Figur wurde…?

Was auch immer gerade los ist bei ARD-Programmboss Volker Herres; er sollte mal in sich gehen und die Frage wälzen, wie viel Verantwortung auf seinen Schultern lastet. Die ARD erreicht jeden Abend Millionen Menschen. Unterhaltung kann da eine feine Sache sein. Vorurteile, Aufrufe zum Djihad und Fernseh-Schnellgerichte sind es nicht.

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erstellt am 12.Nov.2016 | 15:30 Uhr

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