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Politik

07. Dezember 2016 | 09:39 Uhr

Nach Taliban-Anschlag : Afghanistan auf der Kippe?

vom
Aus der Onlineredaktion

Interview mit Bundesminister Gerd Müller zum Anschlag in Masar-i-Scharif

Lange schienen die Deutschen in Afghanistan eine Art Sympathievorschuss zu genießen. Dann greifen die Taliban das Konsulat in Masar-i-Scharif an. Sie geben den Deutschen eine Mitschuld an einem tragisch misslungenen Luftangriff auf Taliban in der Nachbarprovinz Kundus am 3. November – einem US-Luftangriff. Dabei waren auch etwa 30 Zivilisten getötet worden. Deutschland war nach Angaben der Bundesregierung nicht beteiligt. Die Taliban behaupten jedoch, die Deutschen hätten die nachrichtendienstlichen Informationen besorgt.Was können die Deutschen nun tun? Über die Konsequenzen sprach unser Korrespondent Rasmus Buchsteiner mit Gerd Müller (CSU), Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

Zeigt die Bluttat einmal mehr, dass Afghanistan auf der Kippe steht?
Müller: Wir wissen alle: Die Sicherheitslage ist nach wie vor fragil. Anschläge gehören in vielen Regionen Afghanistans leider zum Alltag. Dass es nun das deutsche Generalkonsulat getroffen hat, ist natürlich eine besondere Tragik. Wir erleben Terror in der ganzen Welt, auch wir in Europa sind vor Anschlägen nicht sicher.

Was bedeutet der Anschlag in Masar-i-Scharif, das einst als Hort der Stabilität galt, für die Zukunft des deutschen Engagements am Hindukusch?
Das deutsche Engagement in Afghanistan steht nicht in Frage. Das gilt auch für unsere Entwicklungszusammenarbeit. Es geht darum, den Grundstein für neue Stabilität zu legen. Für die zivile Hilfe gibt es ein eigenes Sicherheitskonzept. Deutsche Entwicklungshelfer waren bislang Gott sei Dank nicht Ziel von Anschlägen.

Sehen Sie wirklich Fortschritte in Afghanistan oder wird die internationale Gemeinschaft auf Dauer in dem Land bleiben müssen?
Eines der Probleme ist, dass der Ausbildungsstand der afghanischen Sicherheitskräfte, Polizei wie Militär, nicht der ist, den wir uns vor zehn oder 15 Jahren erhofft haben. Das war der Grund dafür, dass alle Nato-Partner, auch Amerika und Deutschland, im vergangen Jahr das Mandat für den Einsatz verlängert haben. Ziel ist und bleibt es, die Afghanen zu befähigen, für Sicherheit im eigenen Land zu sorgen. Das wird noch ein weiter Weg.

Ein Rückzug der deutschen Soldaten kommt nicht in Frage?
Wir sind Teil des internationalen Engagements für Afghanistan. Wir können das Land nicht einfach im Stich lassen. Wenn die Afghanen schneller als gedacht für Stabilität sorgen können, dann freue ich mich. Dann wäre ein Abzug möglich. Bisher sehe ich diese Möglichkeit allerdings nicht. Klar ist, dass die Entwicklungszusammenarbeit unverändert fortgesetzt wird. Wir waren vor dem Militär in Afghanistan und wir werden es auch sein, wenn sich das Militär wieder zurückgezogen hat. Man darf die Fortschritte, die wir erreicht haben, nicht kleinreden oder in Frage stellen. Unter den Taliban sind gerade mal eine Million Kinder – ausschließlich Jungen – zur Schule gegangen, heute sind es neun Millionen, davon vierzig Prozent Mädchen. Mehr als 80 Prozent der Menschen haben inzwischen Zugang zu medizinischer Versorgung. 2001 waren es gerade einmal acht Prozent.

Sind Sie sicher, dass die amerikanischen Truppen auch unter einem US-Präsidenten Donald Trump weiter in Afghanistan bleiben werden?
Wir bauen darauf, dass die Amerikaner ihre Verpflichtungen in Afghanistan weiter wahrnehmen. Jetzt sollten wir erst einmal die Amtseinführung von Donald Trump abwarten.
 

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erstellt am 11.Nov.2016 | 21:00 Uhr

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