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Politik

27. März 2017 | 12:38 Uhr

Zapfenstreich des Bundespräsidenten : Adieu Schloss Bellevue - Adieu Joachim Gauck!

vom

Nach fünf Jahren im Amt ist Bundespräsident Joachim Gauck mit einem Großen Zapfenstreich feierlich verabschiedet worden.

Tief bewegt steht der scheidende Bundespräsident auf dem roten Podest, als das Stabsmusikkorps „Über sieben Brücken musst du geh’n“ anstimmt, den alten Hit der DDR-Band Karat. Mal presst Gauck die Lippen aneinander, mal lächelt er, in seinen Augen sammeln sich Tränen der Rührung. Fackelträger erleuchten den Park des Präsidenten-Dienstsitzes beim Großen Zapfenstreich. Höchste Ehren für den 77-Jährigen, dessen Amtszeit als Bundespräsident heute Nacht zu Ende geht.

„Freiheit, die ich meine“, das Volkslied, dessen Titel zugleich wie das Leitmotiv von Gaucks Amtszeit klingt, ertönt an diesem wehmütigen Abend.

Auch das Kirchenlied „Eine feste Burg ist unser Gott“ hatte sich der Noch-Präsident zum Abschied gewünscht. Auf der Ehrentribüne hat Gaucks Familie Platz genommen, Kinder und Enkelkinder und ganz vorn Lebensgefährtin Daniela Schadt.

Mit dabei unter den 600 Gästen war gestern Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (SPD), der die Bundesregierung vertrat und der Gauck vor fünf Jahren gegen den Willen von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) ins Schloss Bellevue verholfen hatte: „Joachim Gauck mag die Menschen und deshalb mögen die Menschen ihn“, würdigte Gabriel das Staatsoberhaupt gestern im Gespräch mit unserer Berliner Redaktion. „Er hat es wie nur wenige andere geschafft, das Amt des Bundespräsidenten zu leben und dieses Land zu verkörpern – nach innen wie nach außen.“ Mit seiner ganzen Biografie stehe Gauck für die jüngere Geschichte Deutschlands, sagte Gabriel, und ließ Gaucks Stationen Revue passieren: Im Zweiten Weltkrieg geboren, der Vater von den Sowjets verschleppt, später Pfarrer in der DDR und dann zu Wendezeiten Mitbegründer des Neuen Forums in Rostock, frei gewählter Volkskammervertreter, dann Chef der nach ihm benannten Gauck-Behörde und schließlich Bundespräsident.

„Dieses Leben mit all seinen Wendungen und Überraschungen hat sein Amtsverständnis geprägt und seine hohe Glaubwürdigkeit ausgemacht. Dabei hat Joachim Gauck nie den Glauben an unser Land und die Kraft seiner Menschen zu Demokratie und Freiheit verloren.“

Bemerkenswert: Kanzlerin Merkel, gescheiterte Gauck-Verhindererin, fehlte gestern beim Großen Zapfenstreich, konnte Gauck bei der großen Abschiedszeremonie nicht die Ehre erweisen. Die Regierungschefin war bei US-Präsident Donald Trump, suchte, die Wogen im transatlantischen Verhältnis zu glätten. Umso zufriedener war Gabriel: „Sie werden sich vorstellen können, dass es mich durchaus stolz macht, dass es damals SPD und Grüne waren, die Joachim Gauck vorgeschlagen und Schritt für Schritt gegen den anfänglich enormen Widerstand der CDU/CSU durchgesetzt haben“, sagte er unserer Redaktion.

Die Zeit als Staatsoberhaupt hat Gauck verändert, so wie sich das ganze Land in den fünf Jahren verändert hat. Schon bei seinem Amtsantritt vor fünf Jahren hatte er gemahnt: „Jeder Tag, jede Begegnung mit den Medien bringt eine Fülle neuer Ängste und Sorgen hervor.“ Dann kam der Terror nach Europa, die vielen Flüchtlinge, die Rechtspopulisten begannen ihren Vormarsch, Trump wurde US-Präsident. Trotz allem sei Deutschland „das beste, das demokratischste Deutschland, das wir je hatten“, sagte er dann im Januar in seiner großen Abschiedsrede. Nach den fünf Jahren sei er jedoch „stärker beeinfluss von dem Bewusstsein, dass diesem demokratischen und stabilen Deutschland auch Gefahren drohen“. Gauck, der Mahner.

Den Bürgerinnen und Bürgern Mut machen, den Gefahren zu trotzen, um die Aufgabe wird sich nun Frank-Walter Steinmeier aus dem Schloss Bellevue heraus kümmern. Morgen kommt es zur „symbolischen Amtsübergabe“ im Präsidenten-Dienstsitz. Der Neue kommt, ein Gespräch bei Kaffee oder Tee, und dann entlässt Steinmeier Gauck in die wiedergewonnene Freiheit als Privatmann.

Und die will Gauck erst einmal zum Verschnaufen nutzen, ohne Sicherheitsleute Frühstücksbrötchen kaufen gehen und sich aufs Fahrrad setzen. In seinem Ferienhaus an der Ostsee wird er künftig eine besondere Erinnerung an seine Zeit in Bellevue finden: Seine Mitarbeiter aus dem Präsidialamt schenkten ihm zum Abschied ein Apfelbäumchen der neuen Sorte „Joachim Gauck“. Als „knallrot, fest und süß“ wird die Sorte charakterisiert. „Ich bin geplättet“, kommentierte Gauck das Präsent.

 

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erstellt am 17.Mär.2017 | 20:30 Uhr

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