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Panorama

04. Dezember 2016 | 02:55 Uhr

Heute ist der Tag des... : Witwen, Glück & Abflussrohre

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Inflation von Gedenk-, Erinnerungs- und Mahntagen beschert uns inzwischen jeden dritten Tag einen neuen Anlass

Gestern freuten wir uns über den Tag des Lächelns, heute sollten wir den Welttag für menschenwürdige Arbeit nicht vergessen. Und wer hätte es nicht gewusst: Am 17. Mai begeht die Welt den „Tag der Informationsgesellschaft“. An wem ist gerade der „Tag der Gesundheit am Arbeitsplatz“ vorbeigegangen? Wer hat noch keine Vorbereitungen für den „Tag des Yoga“ getroffen?

Es gibt fast 125 Gedenktage, offiziell von den Vereinten Nationen abgesegnet. Das reicht von geschichtsträchtigem Gedenken wie an die Holocaust-Opfer, über Gedenktage für Menschenrechte, gegen Atomtests, für Landfrauen, Radios und Lehrer. Tage des Berges, der Post, der Wüsten, Toiletten, des Erdreichs, des Abflussrohrs und der bemannten Raumfahrt? Es gibt sie alle, bis auf einen – Auflösung weiter unten.

„Das Streben nach Glück ist ein fundamentales menschliches Ziel“, befanden die Vereinten Nationen 2012 und reservierten den 20. März als „Tag des Glücks“. „Das Streben nach Glück ist eine ernste Angelegenheit“, dozierte UN-Generalsekretär Ban Ki Moon.

Aber was bringt der „Tag des Jazz“? „Jazz reißt Barrieren ein und schaffte Chancen für gegenseitiges Verständnis und Toleranz“, heißt es. Und wie erbaut der „Tag des audiovisuellen Erbes“ die Menschheit? „Dieses Erbe ist die Grundlage für Identität und ein Gefühl der Zugehörigkeit und eine Quelle von Inspiration und Kreativität“, findet Unesco-Chefin Irina Bokova.

Inspirieren soll wohl auch der „Tag des Fernsehens“. Kreativ waren die Russen, die den Geburtstag von Nationaldichter Alexander Puschkin zum „Tag der russischen Sprache bei den Vereinten Nationen“ machten.

Sinn der Gedenktage ist es, Errungenschaften zu feiern, Missstände anzuprangern, Bewusstsein zu wecken – und Reportern einen Aufhänger für Themen jenseits der aktuellen Nachrichtenlage zu geben.

Manche Tage sind geradezu prädestiniert für bestimmte Anlässe:  Der „Tag des Buches und des Copyrights“ etwa passt wie die Faust aufs Auge zum 23. April. Weil 1616 an diesem Tag drei Literaturgrößen gleichzeitig starben: Cervantes (Don Quijote), Shakespeare („Hamlet“) und Inca Garcilaso de la Vega, Chronist der Inka-Geschichte. Warum kommt dafür nicht der Erfinder des Buchdrucks, Johannes Gutenberg, zu Ehren? Er starb am 3. Februar 1468, und der Tag ist noch gedenkenfrei. Oder als Mahntag der 21. März, als 2006 der erste Tweet bei Twitter lief und die Welt auf 140-Zeichen-Häppchen reduzierte?

Doch Letzteres geht gar nicht, denn der 21. März ist schon völlig zu: Fünf Gedenken knubbeln sich da bereits, unter anderem gegen Rassismus und für Poesie.

Wer alle UN-Gedenken begehen will, kommt im März und April ins Schwitzen: Da gibt es jeweils 15 Anlässe. Noch stressiger wird es aber im Juni: 18 Mal muss gedacht und erinnert werden. Es beginnt mit dem „Tag der Eltern“ und endet mit dem „Tag des Albinismus“.

Manche Tage haben genau zwei denkwürdige Anlässe. Zufall oder Zusammenhang? Zum Beispiel der 19. November: „Tag der Philosophie“ und „Welttoilettentag“. Man könnte auch andere nahe Tage zusammenlegen: die Tage der Witwen und der Matrosen etwa, 23. und 25. Juni. Nicht, dass es Gedränge gäbe. Es sind noch gut 240 Tage frei.

Denkwürdige Anlässe gibt es genug. So könnte auch der „Tag des Abflussrohres“ zu Ehren kommen. Doch halt! Es gibt ihn eigentlich schon. Der Weltklempner-Rat hat den 11. März zum „Weltklempner-Tag“ gekürt. Mit dem weisen Hinweis: „Jeder Tag ist Klempner-Tag“.

Christiane Oelrich

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