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Panorama

09. Dezember 2016 | 14:30 Uhr

Wiedersehen nach 30 Jahren : Wirklich beste Freundinnen...

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

30 Jahre lang hatten Anke Gebert und Berit Kleemann sich aus den Augen verloren, eine blieb im Osten, eine ging in den Westen. Heute führen sie gemeinsam ein Anzeigenportal

„Willst du mit mir spielen?“ Noch ganz genau erinnert sich Anke Gebert an diesen Satz, den sie als Fünfjährige dem kleinen Mädchen am Fenster zurief, das sich offenkundig in den neu errichteten Plattenbauten in der Perleberger Heinrich-Heine-Straße genauso fremd und einsam fühlte wie sie selbst. 1965 war das, und es war der Anfang einer Freundschaft, die – nach vielen Höhen und Tiefen – noch heute besteht.

Fast täglich trafen sich die beiden Mädchen damals. Später gingen sie zwar nicht in dieselbe Klasse, aber an dieselbe Schule. „Jeden Morgen haben wir aufeinander gewartet. Und wenn wir aus der Schule kamen, haben wir noch ewig auf der Straße gestanden und gequatscht – bis eine unserer Mütter aus dem Fenster rief, wo wir denn blieben“, erinnert sich Anke Gebert. Berit Kleemann, die damals Wulff hieß, weiß noch , dass ihr liebstes Spiel in dieser Zeit Gummitwist war: „Das spielt man eigentlich mit drei Personen. Aber weil Anke und ich uns am liebsten zu zweit trafen, wickelten wir das eine Ende um eine Mülltonne.“

 

Als Ankes Eltern ein Grundstück in Plau am See erbten und beschlossen, dort zu bauen, brach für die mittlerweile 14-jährigen Freundinnen eine Welt zusammen. „Kontakt zu halten, war wahnsinnig schwer. Telefon gab es ja nicht“, erzählt Anke Gebert. Anfangs hätten sie sich noch geschrieben, aber irgendwann wurden die Abstände zwischen den Briefen größer, und schließlich riss der Kontakt ganz ab.

Doch 30 Jahre später führte ein Zufall sie wieder zusammen. Berit Kleemann machte 2004 eine Weiterbildung in Weimar an der Bauhaus-Universität. Bei einem Einkaufsbummel stieß sie in einer Buchhandlung auf den gerade erschienenen Roman „Besuchsreise“, die Autorin hieß Anke Gebert. Sollte das etwa die Freundin aus Kindertagen sein? „Das war ja eher unwahrscheinlich. Dennoch habe ich im Internet recherchiert – und siehe da: Volltreffer!“ Berit Kleemann rief in Hamburg an, und nur eine knappe Woche später saß Anke Gebert im Bus, um die Freundin aus Kindertagen im Berliner Speckgürtel zu besuchen. Stundenlang redeten sie miteinander, erzählten alles, was in den letzten 30 Jahren passiert war.

Dieses Fotos entstand 1965 in Perleberg: Es zeigt Anke Gebert (links) und Berit Kleemann (rechts) mit einer Freundin.  Fotos: privat
Dieses Fotos entstand 1965 in Perleberg: Es zeigt Anke Gebert (links) und Berit Kleemann (rechts) mit einer Freundin. Fotos: privat
 

Berit Kleemann hatte es nach Potsdam verschlagen, wo sie vor der Wende als Einkäuferin bei einer großen Baufirma arbeitete. Sie heiratete, bekam 1985 ihr erstes Kind. Es ging der Familie gut, auch, weil Verwandte aus dem Westen sie mit Dingen versorgten, die es in der DDR nicht gab. „Dennoch wuchs zunehmend der Unmut über das System“, erinnert sie sich. „Und mit der Lockerung der Reisefreiheit wurde alles noch schlimmer. Nicht jeder durfte reisen. Ich gehörte zu den Glücklichem, die 1987 kurz in den Westen durften, aber ohne Mann und Kind.“ Ihnen zuliebe sei sie wieder nach Hause zurückgekehrt.

Anders Anke Gebert. Sie hatte am Institut für Lehrerbildung in Dömitz studiert und anschließend als Unterstufenlehrerin in Schwerin gearbeitet. Später studierte sie noch einmal am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig, arbeitete danach als künstlerische Mitarbeiterin in der Galerie des Verbandes Bildender Künstler in Schwerin. Die DDR, so sagt sie heute, hätte sie lange nicht in Frage gestellt. „Das tat ich erst mit über 20. Weil ich nicht reisen durfte, wohin ich wollte, und weil man so vielen Menschen misstrauen musste – was gar nicht meinem Naturell entspricht.“ Auch sie durfte 1988 nach Bayern reisen, zum Geburtstag ihrer Oma. Zehn Tage lang galt das Besuchsvisum, und bis zum Schluss rang die junge Frau mit sich, ob sie zurück nach Hause fahren oder im Westen bleiben sollte. „In der DDR hatte ich es zwar nicht schlecht, aber ich wollte frei leben und träumte von Reisen nach Griechenland und Paris. Und von Hamburg.“ Dort stieg sie schließlich auf der Rückreise mit ihrem kleinen Koffer aus dem Zug – und blieb.

Dieses Foto entstand 1965 in Perleberg: Berit ist das Mädchen in der Mitte, Anke steht rechts.  Fotos: privat
Dieses Foto entstand 1965 in Perleberg: Berit ist das Mädchen in der Mitte, Anke steht rechts. Fotos: privat

Ihre Familie in der DDR wurde von der Staatssicherheit verhört. „Sie konnten aber glaubhaft machen, dass sie nichts davon wussten, dass ich nicht wiederkommen wollte.“ Anke Gebert erfuhr davon erst viel später – „das war ja das Schlimme, dass man nicht viele Informationen von der jeweils anderen Seite kriegte.“ Sehr lange habe sie sich mit Schuldgefühlen geplagt, erzählt Gebert, die der Hansestadt seitdem die Treue gehalten hat. „Erst als die Grenze aufging, war da eine ungeheure Erleichterung.“ Wobei es noch einmal beklemmend gewesen sei, als sie zum ersten Mal wieder zu den Eltern in die DDR fuhr. „Die ganzen Grenzanlagen standen da ja noch. Und ich war mir nicht sicher, ob mich nicht doch jemand festhalten würde.“ Doch alles ging gut.

Auch Anke Gebert gründete eine Familie, behielt aber ihren Namen. 1995 machte sie sich als Autorin selbstständig. „Besuchsreise“ ist ihr einziges Buch, in dem sie sich an das Thema DDR heranwagt. Dass ausgerechnet dieses Buch sie wieder mit ihrer Freundin aus Kindertagen zusammengeführt hat, macht es für sie noch mehr zu etwas Besonderem.

Beide Frauen telefonieren seitdem viel und sehen sich regelmäßig, auch mit ihren Männern. Im letzten Sommer erzählte Anke Gebert ihrer Freundin dann von einer Geschäftsidee, die ihr schon seit einiger Zeit nicht mehr aus dem Kopf ging: einem Anzeigenportal, das Menschen zusammenbringt, die gewerbliche, betriebliche, private oder gemeinnützige Räume zeitweise vermieten oder mieten möchten. „Berit, die Immobilienkauffrau ist, hat sofort gesagt, dass sie dabei ist.“ Im Oktober 2015 gründeten die beiden Frauen dann die room for less network GmbH. „Im Grunde haben wir geheiratet“, meint Anke Gebert. Und ihre Freundin sagt augenzwinkernd: „Früher haben wir Gummitwist gespielt, heute machen wir größere Sprünge.“

 

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erstellt am 03.Okt.2016 | 09:00 Uhr

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