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Panorama

06. Dezember 2016 | 03:37 Uhr

Interview Vince Ebert : Warum es sinnlos ist, sein Leben zu planen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Der Physiker und Wissenschaftskabarettist Vince Ebert glaubt, dass die Zukunft unberechenbar ist. Er hat aber einen Rat, wie man damit gut umgehen kann.

Menschen wünschen sich Sicherheit und machen Pläne für die Zukunft. Doch die Zukunft lässt sich nicht vorbestimmen. Vince Ebert erklärt, wie man mit Zufällen umgehen kann.

Sie haben Physik studiert, weil Sie von der Berechenbarkeit der Welt fasziniert waren.

Ja, aber im Studium merkte ich schnell, dass es mit der Berechenbarkeit der Welt nicht weit her ist. Bereits die klassische Mechanik versagt, wenn es lediglich darum geht, die Bewegung von drei Körpern zu berechnen. Und in der Quantenphysik sind grundsätzlich nur noch Wahrscheinlichkeitsaussagen möglich. Die meisten Dinge kann man nicht berechnen – nicht mal in der Physik. Das hat mich frustriert und zugleich fasziniert.

Sie haben das Studium aber nicht abgebrochen.
Zum Glück nicht. Doch es hat mich demütig gemacht. Auf viele Fragen gibt es schlicht keine Antworten. Das wollen aber viele nicht glauben. Die Menschen sehnen sich nach Sicherheit und einfachen Antworten. Ich erlebe es immer wieder in Talkshows, dass denjenigen, die dort selbstsicher auftreten und vorgaukeln, eine eindeutige Antwort zu haben, eher vertraut wird als den Seriösen, die ehrlich sagen, dass man etwas nicht genauer wissen kann.

Big Data soll uns ja auf viele Fragen eine Antwort geben. Sogar Tatorte von Verbrechen sollen vorhersagbar sein. Wo sind die Grenzen der Vorhersagbarkeit?
Die Grenze ist dort, wo das Irrationale des Menschen ins Spiel kommt. Natürlich lässt sich mit Big Data vieles vorhersagen. Wenn man das Kaufverhalten von 10  000 Kunden analysiert, dann wird man herausfinden, welches Buch am häufigsten gekauft wird. Aber mit so irrationalen Dingen wie Terrorismus sind Computer heillos überfordert. Ich halte es auch für Unsinn, wenn behauptet wird, dass Computer bald intelligenter als die Menschen sein werden und sie die Macht auf dem Planeten übernehmen.

Warum?
Bis heute versteht kein Computer eine einfache Kindergeschichte, die Sie ihm vorlesen. Computer können sich auch keine eigenen Ziele setzen. Oder fragen Sie mal einen Computer, was ein Bleistift mit einer Musikkassette zu tun hat. Daran scheitert er. Computer sind hochanalytische Maschinen, doch sie sind nicht kreativ. Deshalb scheitern sie an typisch menschlichen Eigenschaften, wie dem Irrationalen. Ich finde das sehr beruhigend. Stellen Sie sich vor, ein Google-Computer hätte vorhergesagt, dass Portugal Fußball-Europameister wird, dann wäre das Turnier total doch witzlos gewesen. Die Unberechenbarkeit der Welt macht das Leben ja erst spannend.

Der Physiker Stephen Hawking sieht in intelligenten Maschinen eine große Gefahr für die Menschheit. Sie haben da keine Sorgen?
Ganz und gar nicht. Computer können viele Dinge tun, die wir umgangssprachlich als intelligent bezeichnen. Doch wenn ein Computer gegen einen Menschen im Schach gewinnt, dann ist das noch lange nicht ein Zeichen von Intelligenz. Auch die besten Computer erfüllen nur vorgegebene Aufgaben. Für mich wäre ein Computer intelligent, wenn er sagen würde: So, jetzt habe ich genug Schach gespielt, jetzt spiele ich lieber mit der Playstation oder gehe Pokémons jagen. Doch Computer können sich keine eigenen Ziele setzen. An diesem Punkt ist man bislang überhaupt nicht weitergekommen.

Es gibt aber auch Dinge, die sich berechnen lassen. Wäre an dieser Stelle nicht auch ein Lob der Berechenbarkeit nötig?
Völlig richtig. Wer nicht rechnen kann, lässt sich leicht von absurden Statistiken täuschen. Berechnungen sind in vielen Bereichen des Lebens wichtig. Pläne und Prognosen haben durchaus ihren Sinn – und sei es als Orientierungshilfe. Pläne nutzen aber nichts, wenn man sie nicht ständig mit der Realität abgleicht. Da manövrieren wir uns in Deutschland mit unserer Planungswut gerne mal in eine Sackgasse. Wir machen einen Plan und ziehen ihn durch, ohne auf die Realität zu schauen. Die Folge sind dann solche Dinge wie die Elbphilharmonie in Hamburg oder der neue Berliner Flughafen. Ich bin also durchaus ein Freund von Berechnungen. Doch die sollte man in kleinen Schritten machen und immer nach dem Prinzip Versuch und Irrtum. Wenn es nicht passt, muss man die Dinge neu berechnen.

Hängt das mit unserer Unfähigkeit zusammen, Risiken einzuschätzen?
Ich habe mal in einem früheren Programm darauf hingewiesen, dass beim Lottospiel die Chance auf einen Hauptgewinn mit Superzahl 1 zu 140 Millionen beträgt und die Leute sagen: Es könnte mich treffen! Beim Rauchen jedoch ist die Wahrscheinlichkeit an Lungenkrebs zu erkranken größer als 1:1000, und die meisten sagen: Warum sollte es ausgerechnet mich treffen? Das Absurde ist, dass wir Risiken entweder komplett unter- oder überschätzen. In uns steckt eben noch immer der Steinzeitmensch, der nicht gut rechnen konnte. Wenn der einen Säbelzahntiger sah, hat er keine Risikoanalyse, sondern sich schnell vom Acker gemacht. Risikoabschätzungen gibt es maximal seit 300 Jahren. Das ist evolutionsbiologisch ein Sekunde.

Dann lässt sich also mit Aufklärung nicht viel erreichen?
Es ist jedenfalls sehr schwierig. Ich ertappe mich oft dabei, dass ich Risiken falsch einschätze. Wenn ich im Flugzeug sitze und es kräftig wackelt, habe ich durchaus ein mulmiges Gefühl. Ich zwinge mich dann dazu, den Statistiken zu glauben. Demnach stürzen ja Flugzeuge nur recht selten ab. Aber es kann natürlich immer mal passieren. Das ist der nicht vorhersehbare, nicht planbare Zufall.

Welcher Zufall hat Sie besonders stark geprägt?
Im Sommer 2005 gab es in Berlin eine Party zum zehnjährigen Jubiläum des Quatsch-Comedy-Clubs. Ich wollte da gar nicht hin, doch meine Managerin hat mich überredet. Da musst du unbedingt mit den Fernsehleuten Networking machen. Die habe ich zwar nicht getroffen, doch ich habe meine heutige Frau kennen gelernt.

Glück in der Liebe ist also eine Sache des Zufalls und nicht berechenbar?
Die Algorithmen von Partnervermittlungen können zwar ausrechnen, ob zwei Menschen grundsätzlich zueinander passen, doch ob es auch tatsächlich funken wird, ist nicht vorhersagbar. Das ist und bleibt komplett irrational. Einfacher scheint die Vorhersage zu sein, ob eine Beziehung in naher Zukunft zerbricht. Der amerikanische Psychologe John Gottman hat einen Algorithmus entwickelt, der mit 95-prozentiger Sicherheit vorhersagen kann, ob ein Paar in drei Jahren noch zusammen sein wird. Dazu müssen die beiden nur 15 Minuten miteinander über ein beliebiges Thema reden. Gottman zeichnet das auf, analysiert Reaktionen, Mimik, Gestik, Augenbewegungen, Lachen und gibt das alles in sein Modell ein. Die meisten Paare, die zu ihm in die Therapie kommen, wollen jedoch diese grausame Wahrheit gar nicht wissen. Es gibt also Dinge, die berechenbar sind, die wir aber nicht wissen wollen.

Haben Sie die Sorge, dass die Menschen verblöden?
Ganz und gar nicht. Wir leben allerdings in sehr unruhigen, schwierigen Zeiten. Aus der Psychologie weiß man, dass Menschen dann stärker emotional und weniger faktenbasiert entscheiden. Das Bauchgefühl führt uns allerdings oft in die Irre. Verblöden würde ich das nicht nennen. Doch mehr Kenntnisse in Mathematik und Naturwissenschaften wären für unsere Gesellschaft sicher gut.

Welchen Rat können Sie Menschen für das Leben in einer von Zufällen geprägten Welt geben?
Das Leben vieler Menschen ist komplett durchgeplant. Manche warten auf den 17. Mai 2038, weil da die Rentenzahlungen beginnen. Ein monotones Leben ohne neue Einflüsse, nur mal von zwei Wochen Strandurlaub unterbrochen, finde ich ziemlich traurig. Ein naher Verwandter von mir hat immer alles so gemacht, wie man es ihm sagte. Er verdient zwar ordentlich Geld, hat ein Haus und eine Familie, ist aber total unglücklich. Man kann alles richtig machen und dennoch – oder gerade deshalb – unglücklich werden. Ich hingegen habe immer Lust auf Neues gehabt und viele Dinge ausprobiert. Mein größter Schritt war die Kündigung bei einer Unternehmensberatung und der Start als Kleinkünstler.

Wie lautet Ihr Lebensmotto?
Trial and Error! Ohne großen Plan kleine Schritte gehen und ausprobieren.

Also lieber planlos als atemlos?
Ja, so könnte man das auch sagen.

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von
erstellt am 05.Nov.2016 | 10:00 Uhr

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