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Panorama

03. Dezember 2016 | 22:53 Uhr

Deutsch-Deutsche Geschichte : „Warte nicht auf bessre Zeiten!“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Kurz vor seinem 80. Geburtstag erzählt Wolf Biermann seine Lebensbilanz. Ein Gespräch über die DDR, Kampf, Schikane und die Einheit

Wolf Biermann hat die deutsch-deutsche Geschichte geprägt wie kaum ein anderer. Die Ausbürgerung des regimekritischen Liedermachers vor 40 Jahren läutete das Ende der DDR ein und ebnete den Weg für die deutsche Einheit. Kurz vor seinem 80. Geburtstag legt der wortmächtige Poet, der aufmüpfige Widerständler und bekehrte Kommunist heute seine Lebenserinnerungen vor – wie kann es anders sein, unter einem seiner Liedtitel: „Warte nicht auf bessre Zeiten“. Die 576 Seiten sind kein Enthüllungsbuch, das neue Einblicke in die Zermürbungs- und Bespitzelungsmaschinerie der Stasi gibt. Aber die zahllosen verrückten Geschichten, die kleinen unglaublichen Vorfälle und die großen traumatischen Brüche fügen sich zu einem Bild, das die Geschichte eines ganzen Jahrhunderts spiegelt. Nada Weigelt sprach mit Biermann.

Gibt es etwas, was Sie im Nachhinein anders machen würden?

Biermann: Nein. Ich weiß ja die Gründe viel zu genau, warum ich mich so oder anders ver-halten habe. Und man kann nicht klüger sein, als man ist – oder wie es in dem grobianischen Sprichwort der Deutschen heißt: Kein Mensch kann höher springen, als der Arsch kommt!

Sie haben trotz jahrelanger Schikanen und Berufsverbot noch sehr sehr lange auf eine Wende in der DDR gehofft. Warum?

Ich kam aus der Nazizeit und habe die kommunistische Religion mit der Muttermilch gesoffen. Anders als die Kinder der Nazis war ich deshalb viel enger gefesselt an die Hoffnung auf ein kommunistisches Narrenparadies, in dem der Löwe Gras frisst. Ich habe lange gehofft, dass es eine Demokratisierung in der DDR geben könnte. Ich hielt mich für den richtigen und die Herrschenden für die falschen Kommunisten.

Wie hat der Tod ihres Vaters im KZ Auschwitz Sie beeinflusst?

Ich bin intensiver mit meinem Vater aufgewachsen als die meisten Kinder, in deren Leben der Vater jeden Tag rumläuft. Ein Toter kann sehr lebendig sein! Die Tatsache, dass mein Vater Widerstandskämpfer war und ermordet wurde, hat mich geprägt und verpflichtet. Es hat mir aber auch die Kraft und den Mut gegeben, mich mit den mächtigen Schweinehunden in der DDR auf Streit einzulassen.

Hätte es anfangs nicht vielleicht doch die Chance gegeben, dass aus Ihrem „kommunistischen Paradies“ etwas wird?

Nein, nein, nein! Das ist ja die schmerzliche Einsicht, zu der ich mich hinarbeiten musste, weshalb ich brechen musste mit dem Kommunismus und ein treuer Verräter, ein guter Renegat wurde: Der Weg in dieses Paradies ist mit Notwendigkeit immer ein Weg in die Hölle von Massenmord, Krieg, Ausbeutung und Lüge. Das ist leider der kleine Fehler an dieser schönen Idee.

Was hat diese Wende in Ihrem Kopf ausgelöst?

Da gibt es keinen schönen, klaren Knackpunkt. Ich war ja von Anfang an konfrontiert mit der Ungerechtigkeit und Barbarei im Namen des Sozialismus. Erst denkt man, das sind einzelne Idioten, schlechte Menschen, unglückliche Umstände. Dann kommt die Phase der Selbstzweifel: Sehe ich alles verkehrt? Muss ich mir neue Augen einsetzen? Aber wenn man Gedichte schreiben will, ist man drauf angewiesen, dass die Musen einen küssen.

Und das kann ich sagen: Die Musen sind nicht Mitglieder der kommunistischen Partei, sie haben unglaublich feine Nasen für den Gestank der Heuchelei und der Karrieregeilheit.

Die Ausbürgerung hat Sie trotzdem nicht erleichtert...

Im Gegenteil. Die ersten vier, fünf Jahre im Westen waren die schwierigste Zeit meines Lebens. Ich war in die westliche Gesellschaft, in ein mir neues Koordinatensystem geworfen und wusste nicht, was links und rechts, oben und unten, richtig und falsch ist. Ich war plötzlich der Anfänger, der keine Ahnung hatte. Meine treuen Feinde haben sich übrigens trotzdem weiter um mich gekümmert – nicht mehr Stasi-Chef Mielke, sondern sein Stellvertreter Markus Wolf, der Chef für Westspionage. Ich war ja nun in dem Revier, in dem er jagte.

War dann die Wiedervereinigung nicht noch mal ein Bruch? Sie haben Ihre Feinde verloren ...

Als juristische Person ist die Partei Die Linke heute immer noch die SED-Partei. Nur der Name hat sich geändert. Mit Hilfe von Gregor Gysi und Konsorten haben sie es geschafft, sich in die Demokratie rüberzumogeln, indem sie ihr geistiges und materielles Erbe gerettet haben vor der neuen Zeit.

Wie beurteilen Sie Deutschland heute?

Deutschland ist heute das wohlhabendste und wohl freieste Land dieser verrückten Welt. Aber eine Folge von zwei hintereinander blühenden Diktaturen in Deutschland, der Nazi-Diktatur und der DDR-Diktatur, ist jetzt zu beobachten: die Angstbeißer. Das gibt es bei Hunden, das gibt es aber auch bei Schweinehunden.

Was sehen Sie als Grund?

Noch nie in der Menschheitsgeschichte ist so viel Geld von A nach B geliefert worden wie nach der Wiedervereinigung, um Kohls Wahlpropaganda von den blühenden Landschaften wahr zu machen. Wenn man so eine Hilfe nicht zurückgeben kann, egal in welcher Währung, dann passiert es fast automatisch, dass man die genossene Hilfe klein- oder schlechtredet. Und dann geht man eben zu den Linken von Gregor Gysi oder zur AfD. Zusammen haben diese beiden Parteien in Ostberlin 55 Prozent aller Stimmen errungen. Dort möchte ich nicht wohnen.

Haben Sie inzwischen nicht wieder Sehnsucht nach Berlin?

Mal sehn! Auf dem Brecht-Friedhof warten ja schon alle auf mich, weil sie sich zu Tode langweilen: der Hegel, der Brecht, der Heiner Müller und die Anna Seghers, Ruth Berlau, Helene Weigel, Hanns Eisler, Wolfgang Langhoff, Stephan Hermlin – die freuen sich, wenn der kleine Biermann kommt, dieser Schreihals, dann lohnt es sich, zur Geisterstunde mal wieder rauszukommen und sich mit dem ein bisschen rumzustreiten.

Sie reden so locker übers Sterben. Setzen Sie sich viel mit dem Thema auseinander?

Nein, gar nicht. Ich bin schon als Kind im großen Brand der Bombennächte in Hamburg dem Tod entkommen.

Was hat Sie bewogen, Ihr Leben aufzuschreiben?

Ich habe das Projekt seit 1983 vor mir hergeschoben. Bei einem Besuch in Paris hat Manès Sperber damals zu mir gesagt: „Sie müssen unbedingt Ihre Memoiren schreiben!“ Ich war 46 Jahre alt und sagte: „Ich bin doch noch viel zu jung dazu!“ Da blaffte mich der alte Sperber an: „Seine Memoiren muss man schreiben, wenn man selbst noch was davon lernen kann.“

Haben Sie selbst unter Ihren Hunderten von Liedern ein Lieblingslied?

Es gibt drei, vier, die mir wirklich gefallen. Auf jeden Fall das kleine Liebeslied, mit dem Refrain: „Ich möchte am liebsten weg sein – und bliebe am liebsten hier.“ Dass man diesen unauflösbaren Widerspruch in seiner kleinen Menschenbrust aushält, ist ein sehr stabiles Gefühl bei mir.

Was machen Ihre Musen derzeit?

Sie haben ihren Abscheu gegenüber einem Greis noch einmal überwunden. Und deshalb erscheint in meinem neuen Gedichtbuch eine Ballade, die mich wirklich freut, „Biermanns Bilanzballade im 80. Jahr“. Darin heißt es: „So viele gingen an Schlägen zugrund/ Die sie leider nicht ausgeteilt haben“. Und das ist meine Lebenserfahrung. Natürlich geht man kaputt, wenn man totgeschlagen wird. Aber man geht auch kaputt, wenn man sich nicht wehrt.

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