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Panorama

04. Dezember 2016 | 07:02 Uhr

Luftqualität : Ungesundes Europa

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Luftqualität in den Städten immer schlechter. 50 Millionen EU-Bürger leiden unter chronischen Krankheiten

Mehr Fahrverbote für Straßen mit dicker Luft, Sperrungen der Innenstädte für alte Fahrzeuge – Forderungen wie diese haben führende Umwelt- und Gesundheitsforscher der EU gestern in Brüssel, Straßburg und Kopenhagen erhoben.

Angesichts von 467000 Menschen, die jedes Jahr in der Union an Krankheiten sterben, welche durch eine zu hohe Luftverschmutzung ausgelöst oder gefördert wurden, seien „drastische Maßnahmen nötig“, sagte der Geschäftsführer der Europäischen Umweltagentur (EUA) in der dänischen Hauptstadt, Hans Bruyninckx, bei der Vorlage des Jahresberichtes zur Luftqualität. Besonders dramatisch ist demnach die Lage für Stadtbewohner. Legt man Grenzwerte der EU zugrunde, waren im Berichtsjahr 2014 rund 17 Prozent der Städter gefährlich hohen Feinstaubkonzentrationen ausgesetzt. Noch alarmierender sei die Situation, wenn man die Höchstwerte, die laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) bereits als schädlich gelten, als Basis nimmt. Dann leben 85 Prozent der Bewohner von Ballungsgebieten mit einer Belastung, die gesundheitsgefährdende Auswirkungen auf ihre Gesundheit hat. Davon betroffen ist Deutschland, wo – wie auch in den Niederlanden, Großbritannien und Griechenland – der Verkehr der Hauptverursacher der schlechten Luft sei, hieß es in Kopenhagen.

Vor keiner Krankheit fürchten sich die Deutschen so sehr wie vor Krebs. Wie eine Umfrage im Auftrag der DAK-Gesundheit ergab, haben 69 Prozent der Befragten Angst, an einem bösartigen Tumor zu erkranken. 50 Prozent äußerten die Sorge, eines Tages an Alzheimer oder Demenz zu leiden. Einen Schlaganfall fürchten 47 Prozent. Ein Unfall mit schweren Verletzungen (43 Prozent), ein Herzinfarkt (40) oder eine schwere Augenerkrankung (34) folgen auf der Liste der am meisten gefürchteten Gesundheitsrisiken, wie aus den gestern veröffentlichten Ergebnissen der Forsa-Umfrage weiter hervorgeht. Bereits bei den Befragungen in den Vorjahren seit 2010 hatten jeweils um die 70 Prozent der Teilnehmer angegeben, sie fürchteten sich am meisten vor Krebs. Überdurchschnittlich groß ist diese Besorgnis in der Altersgruppe der 30- bis 44-Jährigen.

Die Bundesrepublik bekam noch einen zusätzlichen Rüffel, weil vor allem die Landwirtschaft durch einen deutlich zu hohen Ausstoß von Ammoniak zur Bildung von riskanten Luftpartikeln beitrage.

Tatsächlich ist der Gesundheitszustand der Europäer  nicht gut. „Ungefähr       50 Millionen Menschen in der EU sind mehrfach chronisch krank, und mehr als eine halbe Million Menschen im erwerbsfähigen Alter sterben jedes Jahr an chronischen Krankheiten“, sagte der für Gesundheitsfragen zuständige EU-Kommissar Vytenis Andriukaitis gestern in Brüssel. Dort stellten die EU-Behörde sowie die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) eine weitere Studie vor, die die Frage beantworten sollte: „Wie gesund leben die Europäer?“

Um das Fazit vorwegzunehmen: Es gibt Probleme an allen Ecken. 37 Prozent der Menschen überlebten 2013/14 Herz-Kreislauf-Erkrankungen nicht. Krebs blieb mit 27 Prozent die zweithäufigste Todesursache, danach folgten mit acht Prozent Atemwegserkrankungen. Zwar habe sich die Lebenserwartung auf nunmehr 78,1 Jahre für Männer (plus vier Jahre gegenüber 1990) und 83,9 Jahre für Frauen (80,9) deutlich erhöht. Aber man komme weder beim Abbau vermeidbarer Risiken wie Alkohol, Rauchen oder Übergewicht wirklich weiter, noch bei der Sanierung maroder Strukturen im Gesundheitswesen.

Kommentar: Machen uns selber krank

Die Menschen werden sich an den Gedanken gewöhnen müssen, dass der Ruf nach autofreien Innenstädten nicht länger mehr nur eine unsinnige grüne Vision bleiben kann. Zumindest nicht, so lange unsere Autos Stick- und Schwefeldioxide in die Luft blasen, denen ein Großteil der Bevölkerung in den Ballungsräumen hilflos ausgesetzt ist.

Was die EU-Experten gestern vorgebracht haben, passt zu dem Ziel der deutschen Länderregierungen, bis 2050 überhaupt keine Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren mehr in die Citys zu lassen. Aber selbst dieses ehrgeizige Ziel klingt noch viel zu weit weg, um all jenen, die heute leben, helfen zu können.

Dass die Fachleute fast schon im gleichen Atemzug die Qualität der Gesundheitsfür- und -vorsorge kritisieren, verdüstert das Bild zusätzlich. Die Botschaft lautet: Wir machen uns selber krank, haben dann aber nicht die Instrumente, um Behandlungen durchzuführen.

Das ist ein bitteres Zeugnis für die europäischen Staaten, aber mehr noch für jene, die zu den Opfern beider Entwicklungen werden.

 

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erstellt am 24.Nov.2016 | 08:00 Uhr

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