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Panorama

03. Dezember 2016 | 03:29 Uhr

Raumstation ISS : Umzug im Weltall

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Die Internationale Raumstation ISS ist voraussichtlich noch bis 2024 bewohnt. Wohin die Astronauten dann ziehen werden, ist unklar.

In dieser Woche sind zwei chinesische Astronauten mit einer Rakete vom Typ Langer Marsch 2F zum Raumlabor „Tiangong-2“ (Himmlischer Palast) geflogen. 30 Tage sollen die Taikonauten in dem Modul bleiben, das bis 2022 zu einer großen Raumstation ausgebaut werden soll. Da die „Internationale Raumstation“ (ISS) wohl nur noch bis 2024 betrieben wird, geht man in China davon aus, „nach 2024 die einzige Raumstation für die Menschheit“ zu betreiben – so Vizekommandeur des Projekts Zhang Yulin.

Möglicherweise irrt sich Yulin. Denn zum einen ist nicht ausgeschlossen, dass die ISS doch noch über 2024 hinaus betrieben wird. Und überdies hat der russische Präsident Wladimir Putin angekündigt, dass sein Land bis 2023 eine nationale Raumstation aufbauen wird. Immerhin hat Russland von 1986 bis 2001 schon einmal eine eigene Raumstation betrieben. Sie trug den Namen „Mir“, ein Wort, das im russischen zwei Bedeutungen hat: Welt und Frieden. Jetzt wird intensiv an einer neuen russischen Raumstation gearbeitet.

Neue Allianzen

So ganz alleine will Russland diese wohl doch nicht bauen. Um das ambitionierte Vorhaben zu finanzieren, sucht Moskau nach Partnern. Dabei hätten die Brics-Staaten Priorität, sagt Igor Komarow, der Generaldirektor des Staatskonzerns GK Roskosmos. Das wären also Brasilien, Indien, China und Südafrika. Mit China sei man bereits in der „Anfangsphase“ einer Erörterung. Als Einstieg in das Zukunftsprojekt könne man schon jetzt über die Entsendung gemeinsamer Besatzungen zur ISS sprechen, schlägt Komarow vor. Auch mit der Nasa und der Esa wolle man ins Gespräch kommen.

Die russische Raumstation werde aus volkswirtschaftlichen und vielen anderen Gründen gebraucht, sagte Putin mit dem Hinweis darauf, dass aus der ISS lediglich fünf Prozent des russischen Territoriums zu sehen seien. Das Zukunftsprojekt werde „unter unserer Kontrolle“ stehen und die Möglichkeit neuer strategischer Allianzen bieten.

Esa-Generaldirektor Johann-Dietrich Wörner sagte auf Anfrage, dass die Russen in dieser Angelegenheit noch nicht offiziell an ihn herangetreten seien. „Aber wir haben schon inoffiziell darüber beraten, dass wir über die Zeit nach der ISS eine internationale Aktivität entwickeln sollten. Prinzipiell halte ich es für richtig, dass wir auf internationaler Ebene breit zusammenarbeiten.“ Bislang haben die Europäer ihre Beteiligung an der ISS lediglich bis 2020 zugesagt. Auf der nächsten Esa-Ratstagung Anfang Dezember in Luzern wird über eine mögliche Verlängerung entschieden. „Ich gehe fest davon aus, dass die beteiligten Esa-Mitgliedstaaten eine Verlängerung der ISS über das Jahr 2020 wünschen“, sagt Wörner. Im Detail seien aber noch „Fragen des finanziellen Umfangs zu klären, da einerseits die Kosten relativ hoch sind, andererseits aber die Nutzung der ISS nach den Jahren des Aufbaus so intensiv wie möglich erfolgen sollte“.

Nasa-Chef Charles Bolden hat unterdessen die Esa eindringlich aufgerufen, ihr Engagement in der ISS bis mindestens 2024 zu verlängern. Er wisse um die sozialen, politischen und finanziellen Herausforderungen für die 22 Mitgliedsländer in dieser Frage, sagte Bolden auf einer Esa-Tagung in Paris. Aber die Station sei „nicht nur für die kurzfristigen Ziele, sondern auch für unsere langfristige Zukunft von Bedeutung“, fügte er unter Hinweis auf das Europäische Service Modul (ESM) hinzu. Mit dem ESM liefere die Esa ein „Schlüsselelement“ für das neue bemannte Orion-Raumschiff, mit dem die USA zum Mond und später zum Mars fliegen wollen.

Leuchtturm für Menschlichkeit

Angesichts des Extremismus, des Terrorismus und der Intoleranz in der Welt erweise sich die ISS als das Beste, was die Menschheit zu bieten habe, betonte Bolden. Sie bedeute Zusammenarbeit und Toleranz, motiviere die junge Generation und vermittle Hoffnung. „Sie ist in der Tat ein Leuchtturm für Menschlichkeit und Zivilisation.“

Was die Zeit nach der ISS betrifft, hat die Nasa noch keine offizielle Stellungnahme abgegeben. Sie kann sich aber eine „kommerzielle Weiternutzung“ vorstellen. Privatunternehmen könnten eine „Weltraumökonomie“ in der Erdumlaufbahn schaffen, sagte Nasa-Sprecherin Kathryn Hambleton. Derzeit werde geprüft, wie das aussehen könnte.

Bis zu einer Entscheidung über die Zukunft der ISS wollen die Nasa und GK Roskosmos die Station effektiver nutzen. Das solle mithilfe eigener russischer Entwicklungen und auch durch Zusammenarbeit mit den amerikanischen, kanadischen, japanischen und europäischen Partnern geschehen, sagte Roskosmos-Vize Sergej Saweljew nach Gesprächen in Washington.

Nach den Vorstellungen Moskaus sollen drei Module die Grundlage der neuen nationalen Station bilden: Das Multifunktionale Labormodul MLM „Nauka“ (Wissenschaft), das Kopplungs- und Verbindungsmodul UM „Pritschal“ (Ankerplatz) sowie das noch namenlose Energie-Wissenschaft-Modul NEM. Alle drei sind bereits im Bau, können aber noch an neue Aufgaben angepasst werden. Zusammen kosten sie rund 165 Millionen Euro. Nauka und Pritschal sollen 2018 am russischen Segment der ISS andocken, NEM ein Jahr später. Damit wäre der russische Teil der ISS nach jahrelanger Verzögerung komplett. Die Idee ist, diese Module nach dem Ende der ISS-Betriebszeit wieder abzukoppeln und sie als Grundbaustein für eine eigene russische Station zu nutzen.

Nauka sei das am sehnlichsten erwartete und zugleich problematischste Modul der Russen, schrieb die Nachrichtenagentur Tass. Es soll vor allem die im russischen ISS-Segment bislang eher bescheidenen Möglichkeiten für wissenschaftliche Experimente erweitern. Der Bau dieses 70 Kubikmeter großen Moduls wurde 1995 im Chrunitschew-Zentrum begonnen. Damals war es noch als Double für Sarja, das erste ISS-Modul, geplant. 2004 wurde beschlossen, es zum vollwertigen Wissenschaftsmodul umzubauen, das 2007 in den Orbit geschossen werden sollte. Doch daraus wurde nichts. 2013 stellte man bei Tests fest, dass einige Rohrleitungen des Moduls verstopft waren. Deshalb wurde es ins Herstellerwerk zurückgeschickt.

Nauka hat 29 Laborplätze. Nach Angaben von Chrunitschew übertrifft das Modul in mancher Hinsicht das europäische Pendant Columbus und das japanische Modul Kibo. Naukas hoher Automatisierungsgrad ermögliche es, die Zahl der teuren Ausstiege in den freien Weltraum zu reduzieren. Nauka verfügt über neueste Computer- und Steuerungstechnik, zusätzliche Lebenserhaltungssysteme, eine zweite russische Toilette neben der im Swesda-Modul sowie Aufbereitungsanlagen für Sauerstoff und Urin. Doch bevor Nauka mit einer Proton-M-Rakete gestartet werden kann, sind umfangreiche Vorarbeiten an der ISS nötig. Die Integration des Moduls in die Station erfordert elf Ausstiege von Astronauten in den freien Weltraum – vier davon für die Vorbereitung der An- und Abkopplung des alten Moduls Pirs, aus dem zuvor die Apparaturen und Arbeitsplätze in das kleine Wissenschaftsmodul Poisk gebracht werden müssen.

Pirs, das knapp vier Meter lang ist und eine Masse von 3,8 Tonnen hat, wird von einem Progress-Frachter gezielt zum Absturz gebracht und verglüht über dem Pazifik. Erst dann kann Nauka an seiner Stelle angedockt werden. Bei weiteren sieben Ausstiegen muss das neue Modul mit der Station verbunden werden. Zudem werden an Nauka eine Schleusenkammer und der europäische Roboterarm montiert.

Von März bis Ende 2017, also vor dem Start von Nauka, soll die Besatzungszahl von drei auf zwei verringert werden. Mit drei Astronauten sei das Segment derzeit „überbesetzt“, begründet das der Direktor für die bemannten Programme des Staatskonzern GK Roskosmos, Sergej Krikaljow. Vielleicht ist diese Entscheidung auch nur der Wirtschaftslage geschuldet. Erst Ende Juli wurde eine weitere Kürzung des ohnehin schon mageren Weltraumbudgets um 15 Prozent angekündigt. Zudem fallen nach 2018 die Einnahmen aus den USA für die Taxidienste zur ISS weg. Dann wollen die Amerikaner wieder mit eigenen, privaten Raumschiffen fliegen. Nach den jüngsten Fehlstarts der „Falcon 9“ von „SpaceX“ erscheint das allerdings wieder fraglich.

Das Verbindungsmodul Pritschal, das 2014 fertiggestellt wurde, verfügt über sechs Kopplungsstutzen. Es ist quasi eine neue Variante des Basisblocks der ehemaligen russischen Raumstation „Mir“, der einen Stutzen weniger hatte. Das Modul sei „ein großer Schritt vorwärts“ lobt der russische Raumfahrtkonzern RKK Energija.

NEM soll das russische Segment mit Strom versorgen, der bisher noch teilweise von den Amerikanern bezogen werden muss. Seine Sonnenbatterien sollen mindestens 18 Kilowatt liefern. Das Swesda-Modul produziert eine Leistung von knapp 14 Kilowatt, Nauka nochmals 2,5 Kilowatt. Das USA-Segment der ISS produziert 32 Kilowatt.

Das 92 Kubikmeter große NEM soll nicht nur ein Labor für wissenschaftliche Experimente sein, sondern auch den „Wohnraum“ der Kosmonauten um fast ein Drittel erweitern. Bislang bietet das russische Segment nur rund 203 Kubikmeter, die im Wesentlichen von wissenschaftlichen Geräten in Beschlag genommen werden.

NEM und Pritschal könnten nicht nur die Basismodule für eine russische Station im Erdorbit sein. Es wird auch daran gedacht, eine solche Station in eine Mondumlaufbahn zu bringen. Dazu müsste NEM nur mit einem autonomen Steuerungssystem ausgestattet werden, so die RKK Energija. Gespräche sollen bereits mit Boeing geführt worden sein.

 

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erstellt am 13.Nov.2016 | 08:00 Uhr

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