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Panorama

07. Dezember 2016 | 17:18 Uhr

NSU-Morde: Fünf Jahre danach : Nur bruchstückhafte Antworten

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Die NSU-Morde und die Enttäuschung der Angehörigen der Opfer – fünf Jahre nach Aufdeckung der rechten Terrorzelle

Ihr Vater, ermordet von Rechtsterroristen? Semiya Simsek erinnert sich noch genau an diesen Tag vor fünf Jahren, als der Zusammenhang plötzlich klar zu werden begann. Damals war sie 14. Vorher war immer nur von den „Döner-Morden“ die Rede gewesen, weil vor allem Türken unter den Opfern waren. Nach dem 4. November 2011, als Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt nach ihrem Selbstmord in einem Wohnmobil in Eisenach gefunden wurden und sich einige Tage später Beate Zschäpe der Polizei stellte, mussten die Ermittler einräumen, die falschen Spuren verfolgt zu haben.

Die neun Morde an Migranten in Nürnberg, München, Hamburg, Rostock, Dortmund und Kassel, der Tod einer Polizistin in Heilbronn, der Nagelbombenanschlag in Köln und mindestens 15 Banküberfälle gingen auf das Konto einer rechten Terrorzelle. „Nationalsozialistischer Untergrund“, nannte sie sich, kurz: NSU. Ein zynisches Bekennervideo wurde per Post verschickt. Die Republik hielt den Atem an – ob des jahrelangen Versagens der Sicherheitsbehörden. „Nachdem rauskam, dass der NSU hinter den Taten steckte, habe ich mich in therapeutische Behandlung begeben“, erzählt Simsek heute. Ihr Vater Enver, ein Blumenhändler in Nürnberg, war das erste Opfer der Mordserie. Sie schrieb ein Buch über ihre Erlebnisse. Heute lebt sie in der Türkei, verfolgt von dort aus aber die Entwicklungen beim laufenden NSU-Prozess in München. Das 2013 eröffnete Verfahren brachte für sie eine Wende. „Wir wurden endlich als Opfer wahrgenommen. Plötzlich haben sich wildfremde Leute bei uns entschuldigt“, erinnert sich Simsek. „Das Finanzamt erließ uns Steuerschulden. Und in dem Moment haben wir uns zum ersten Mal selbst als Opfer gefühlt.“

Die Angehörigen der Opfer und die als Mörderin angeklagte Beate Zschäpe Auge in Auge im Gerichtssaal – die Bilder gehen um die Welt. Zu Beginn verfolgen viele der Familien, die zu den Nebenklägern im Prozess zählen, vor Ort das Geschehen in München mit. Eine erhebliche, emotionale Belastung. In einem schriftlichen Statement, das im Dezember 2015 verlesen wird, streitet Beate Zschäpe jede Beteiligung an den NSU-Verbrechen ab, bittet die Opfer und deren Angehörigen dennoch um Entschuldigung. Für die Familien bleibt der Eindruck, dass sich da jemand windet und vor seiner Verantwortung davonzulaufen versucht. Der Prozess zieht sich hin, die Plädoyers von Staatsanwaltschaft und Verteidigung haben noch nicht begonnen. Spätestens Anfang 2017 könnte es soweit sein. Für die Familie geht es in dem Verfahren auch um ein Stück Genugtuung und natürlich darum, mehr über mögliche NSU-Komplizen und Hintermänner zu erfahren.

Zuletzt machten mögliche Verbindungen zum Mordfall Peggy große Schlagzeilen, nachdem DNA-Spuren von NSU-Mann Böhnhardt auf den sterblichen Überresten des 2001 verschwundenen Mädchens gefunden wurden.

Wie hat der NSU seine Opfer ausgewählt? Warum wurde solange nicht wegen eines möglichen rechtsextremen Hintergrundes ermittelt? Fünf Jahre nach Entdeckung der Terrorzelle sind die Antworten immer noch bruchstückhaft.

Ernüchterung ist bei den Hinterbliebenen der Opfer eingekehrt. „Die Familien lernen gerade, dass der Staat nicht nur den Mord an ihren geliebten Angehörigen nicht verhindern konnte. Sie müssen nun auch zur Kenntnis nehmen, dass er die Morde nicht vollständig aufklären kann“, erklärte Barbara John, Ombudsfrau der Bundesregierung für die Familien der Opfer, gestern im Gespräch mit unserer Berliner Redaktion.

Kommentar: Völlig versagt

Was für eine Blamage! Umfassende Aufklärung war versprochen worden, nicht nur von der Kanzlerin. Doch fünf Jahre nach Aufdeckung der rechten Terrorzelle „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) sind immer noch viele Fragen offen. Mehr als ein Dutzend Untersuchungsausschüsse und Kommissionen haben sich über die Materie gebeugt und doch nur Stückwerk abgeliefert. Wie es sein konnte, dass diese rechte Terrorbande 13 Jahre im Untergrund unbehelligt blieb, mordend und raubend durchs Land ziehen konnte, dafür fehlt bis heute jedenfalls eine überzeugende Erklärung. Hier haben die Sicherheitsbehörden auf geradezu dramatische Art und Weise versagt.

Die Bitterkeit der Angehörigen der Opfer darüber, dass die ganze Wahrheit wohl nie mehr ans Licht kommen wird, ist nachvollziehbar. Umso wichtiger ist es, die Sicherheitsbehörden für die Zukunft richtig aufzustellen. Sie dürfen nicht auf dem rechten Auge blind sein.

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erstellt am 04.Nov.2016 | 08:00 Uhr

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