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Panorama

06. Dezember 2016 | 11:12 Uhr

Jugendjahre des DDR-Staatschefs : Neue Details aus der Vita Honeckers

vom
Aus der Onlineredaktion

Ohne Ecken und Kanten sollten die DDR-Spitzenfunktionäre erscheinen – Und so wurde in Lebensläufen geschönt, geglättet oder weggelassen

Im Dezember 1946 heiratete Erich Honecker eine frühere Gefängnis-Wachtmeisterin. Doch bis zu seinem Tod hielt der spätere erste Mann im DDR-Staat das geheim. War es ihm peinlich oder passte sie ihm nicht ins sozialistische Bild – die Ehe mit einer Frau, die während des Nationalsozialismus eingesperrte Regimegegner bewachte und somit auf der anderen Seite stand? Die Ehe währte nicht lange, die Gattin starb.

Der Historiker Martin Sabrow hat in seinem neuen Buch über die Jugendjahre von Erich Honecker herausgearbeitet, dass die Wärterin im Berliner Frauengefängnis Barnimstraße Honecker kurz vor Kriegsende kennenlernte, wohin der Zuchthaus-Sträfling mit der Nummer 523/37 zu Außenarbeiten abkommandiert war. Das Gefängnis war Zwischenstation für weibliche Opfer des NS-Justizterrors, bevor sie in die Berliner Hinrichtungsstätte Plötzensee gebracht wurden.

Bei der Wärterin hatte Honecker auch nach seiner planlosen Flucht in den letzten Kriegstagen Unterschlupf gefunden, bevor er sich wieder stellte. Wie durch ein Wunder kam der überzeugte Kommunist ohne Zusatzstrafe ins Zuchthaus Brandenburg-Görden zurück, das wenig später von der Roten Armee befreit wurde.

Der berüchtigte Volksgerichtshof hatte den jungen Honecker 1937 wegen Hochverrats zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt. In der Haft habe sich sein Lavieren zwischen den Seiten als erfolgreiche Überlebensstrategie erwiesen, fasst der Autor seine Recherchen zusammen.

In der DDR-Geschichtsschreibung wird die Zuchthaus-Zeit des späteren SED-Generalsekretärs und Staatsoberhauptes nicht so konkret dargestellt. „Standhaft und unerschrocken vertrat er seine kommunistische Weltanschauung“, wird vermerkt. Etliche Details der Biografie wurden verändert oder weggelassen. So sei aus dem eher kleinbürgerlichen Elternhaus ein klassisch proletarisches geworden, Honecker als gelernter Dachdecker präsentiert, obwohl er seine Lehre abgebrochen hatte, ist zu lesen. Das Buch beleuchtet die Jahre von Honeckers Geburtsjahr 1912 bis 1945.

Sabrow, Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam, gibt überraschende Einblicke in das Leben des Spitzenfunktionärs, der an seinen einfachen Überzeugungen bis zum Schluss festhielt. Der 62-jährige Autor versteht seine differenzierte Beschreibung als „Legendenkritik“. Er habe den „Heiligenschein“ von Honeckers Leben gegen die „Blässe der biografischen Wirklichkeit“ gehalten.

Vor 27 Jahren, am 18. Oktober 1989, trat Honecker von allen Ämtern zurück. Kurz vor dem Mauerfall hatten die eigenen Genossen den damals 77-Jährigen gezwungen, seinen Rückzug aus gesundheitlichen Gründen noch selbst zu verlesen. Der schwer Kranke starb 1994 im chilenischen Exil.

Das in der DDR verbreitete Honecker-Bild sei politisch inszeniert und maßgeschneidert gewesen, schreibt Sabrow. Die Staatssicherheit habe mitgewirkt, Lebensläufe hoher Funktionäre zu glätten. Widersprüche sollten ausgeschlossen werden, um „gegnerische Angriffe“ zu unterbinden. Das Ministerium für Staatssicherheit habe einen „Maßnahmeplan“ zur Abdeckung biografischer Schwachstellen entwickelt.

Nach 1989 habe sich herausgestellt, dass Stasi-Chef Erich Mielke auch Unterlagen über die politische Vergangenheit Honeckers persönlich verwahrte, so Akten aus dem Prozess vor dem Volksgerichtshof. Das habe der SED-Chef aber gewusst, so Sabrow. Honecker selbst habe aus der „modellhaften Makellosigkeit seiner kommunistischen Vita“ einen wesentlichen Teil seiner Legitimation geschöpft, hat der Professor analysiert. Und er zeigt, dass die Wirklichkeit oft anders war. So habe Honecker wie ein Grünschnabel in der Illegalität einen Koffer mit konspirativem Material in einem Berliner Taxi vergessen und dem Fahrer noch seine Adresse genannt – wo er dann wenig später festgenommen wurde.

Der Kommunist habe sich so geständnisbereit gezeigt, dass die Untersuchung in nur fünf Tagen abgeschlossen werden konnte, heißt es. Gestützt auf Honeckers Aussagen sei Anklage gegen die Widerstandsgruppe Baum erhoben worden.

Autor Sabrow spricht von einem „biografischen Herrschaftsanspruch“, den die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) einst hatte. Doch für die alten Kommunisten sei die NS-Zeit nie tote Vergangenheit gewesen - sie „lebte weiter in ihrem eingefleischten Misstrauen gegenüber einem Volk, das sie einmal mit überwältigender Mehrheit verachtet und verraten hatte“.

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