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Autobahn-Museum Erkner : Mehr als ein Stück Asphalt

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Die Autobahngeschichtliche Sammlung in Erkner zeigt, dass Straßen- und Brückenbau nicht nur praktische, sondern auch ästhetische Komponenten hat

Leidenschaft hat viele Gesichter. Und sie hat viele Objekte. „Emma“ zum Beispiel, eine grellgrüne Straßenwalze von 1961. Neben ihrer Kollegin, einer Dieselelektrischen Raupenfräse mit Panzerfahrgestell von 1941, sieht „Emma“ fast aus wie ein Spielzeug. Ist sie aber nicht. „Emma“ könnte sofort loslegen, betont Andreas Müller, Leiter der Straßenmeisterei Erkner (Oder-Spree) und Mitbegründer der Autobahngeschichtlichen Sammlung.

Die große graue Raupenfräse, eine der Attraktionen der Sammlung, pflügte sich ursprünglich durch Norwegen, bis sie zum Großglockner versetzt wurde. Eine bis zu 1,20 Meter dicke Schneedecke könne sie bewältigen. „Nicht schnell, aber effektiv“, sagt Müller.

Autobahngeschichtliche Sammlung, An der Autobahn 1, Erkner, Besichtigung nur auf Anfrage, Anmeldung bei Andreas Müller unter Telefon
03302/ 8043020

2009 haben er und seine Kollegen auf dem Gelände der Autobahnmeisterei Erkner eine Autobahngeschichtliche Sammlung eröffnet, die immer größer wird – auch durch unverhoffte Geschenke. Vor einiger Zeit etwa kam per Post ein Fotoalbum – mit alten Aufnahmen der Raupenfräse in Aktion. Bilder, Bücher und Hinweise tauchen oft unversehens auf. Es hat sich herumgesprochen, dass in der Meisterei Autobahngeschichte bewahrt wird.

Zeitzeugnis: Bildband „Das Erlebnis der Reichsautobahn“ (1943)
Zeitzeugnis: Bildband „Das Erlebnis der Reichsautobahn“ (1943) Foto: Dreyer

Erkner ist eines von sieben Brandenburger Meistereigehöften, die Ende der 1930er- bis Anfang der 1940er-Jahre in Betrieb gingen. Das Gelände wirkt wie ein kleines Dorf. An der Straße entlang kleine, sandfarbene Backsteinreihenhäuser, in denen früher Mitarbeiter wohnten. Hinter dem Hauptgebäude öffnet sich der Blick auf den Hof.

In einem ehemaligen Silo lagerten früher 500 Tonnen Split, heute schätzungsweise 500 Tonnen Erinnerungen. Lange schon war der Turm nicht mehr in Gebrauch, als er 2007 schließlich saniert wurde. Bei dieser Gelegenheit sei das alte Becherwerk spaßeshalber an den Strom angeschlossen worden, berichtet Müller. Es lief! „Das war der Punkt, an dem wir gedacht haben: Wir müssen aus dieser Sache was machen.“

Immer noch fahrtüchtig: die Straßenwalze „Emma“ im Hof der Autobahnmeisterei. Dahinter steht der Turm des früheren Split-Silos.
Immer noch fahrtüchtig: die Straßenwalze „Emma“ im Hof der Autobahnmeisterei. Dahinter steht der Turm des früheren Split-Silos. Foto: Dreyer
 

Das Becherwerk transportierte den Split bis nach oben in den 20 Meter hohen Speicher, wo er in das Silo herunterfiel. Damit das Streugut im Winter nicht gefror, gab es eine Heizung und, damit es nicht aneinander pappte, eine Druckluftanlage.

Das alles erzählt Müller, während er die steilen Stufen in dem schmalen Treppenhaus nach oben steigt, an dessen Wänden Bilder und Zeitungsausschnitte hängen. Zusammen mit seinem Kollegen Reinhard Arndt, der inzwischen in Rente ist, hat Müller die Sammlung aufgebaut, die sich vor allem durch Spenden finanziert. Zwei Jahre haben die beiden auf die Eröffnung hingearbeitet. Träger der Sammlung ist die Arbeitsgemeinschaft Autobahngeschichte. Das ehemalige Silo wird vom Landesbetrieb Straßenwesen zur Verfügung gestellt, aber es zu füllen ist Liebhaberei. „Das machen wir so nebenbei“, sagt Müller. Weil die Kollegen der Meisterei dies nach Feierabend tun, ist die Sammlung auch kein Museum mit geregelten Öffnungszeiten.

„Zuerst haben wir alles wild gesammelt“, erinnert sich Müller. Inzwischen aber haben sich Schwerpunkte herauskristallisiert – darunter historische Autobahnbrücken und ihre Schmuckelemente. Unter anderem sind Nachbildungen jener Berliner Bären zu sehen, die die Brücken an den Einfahrten nach Berlin zieren. Vor den Olympischen Spielen 1936 seien sie dort angebracht worden, um die Besucher der Hauptstadt zu empfangen, erzählt Andreas Müller. Es braucht heute schon einen Stau, damit solche Details Beachtung finden. Kleine Schönheiten an tristen Straßen zu bewahren, das können die Erkneraner besonders gut.

Außer Betrieb: die ehemalige Vermittlungszentrale
Außer Betrieb: die ehemalige Vermittlungszentrale Foto: Dreyer

Eine gut dokumentierte Geschichte ist die der „Froschbrücke“, die über die Alte Löcknitz bei Fangschleuse führt. Anfang der 2000er-Jahre wurden bei ihrer Erneuerung vier steinerne Froschskulpturen entdeckt. „Wir wussten gar nicht, wo die herkamen“, erinnert Müller sich. Die Spurensuche begann. Reinhardt Arndt fand heraus, dass der Gatower Bildhauer Julius Starcke (1895–1945) sie geschaffen hatte, und trieb sogar dessen Sohn auf.

Wenn Müller redet, offenbart sich die Autobahn nicht mehr nur als pure Notwendigkeit einer beschleunigten Welt. Müller bedauert, dass heutzutage die Ästhetik im wahrsten Sinne des Wortes auf der Strecke bleibe. „Das ist ja nicht nur ein Stück Straße. Die Gestaltung spielt eine Rolle.“

Die 1930er- und 1940er-Jahre spielen eine große Rolle in der Sammlung. Zwar betont der Leiter der Meisterei, dass die Planungen für die deutschen Autobahnen schon vor der Nazizeit begonnen haben. Trotzdem ist die Sammlung untrennbar mit dem Nationalsozialismus verknüpft. Eines von Müllers kostbarsten Stücken etwa, das er in einem Glaskasten in seinem Büro verwahrt, ist der großformatige Bildband „Das Erlebnis der Reichsautobahn“ – herausgegeben 1943 von Adolf Hitlers Stararchitekt Albert Speer. Es zeigt frische Asphaltdecken, die die Landschaften durchschneiden und sich sanft über Hügel winden.

Die Treppe im Turm windet sich weiter hinauf, die Geschichten Müllers wandern durch die Zeit. „Man könnte hier Stunden erzählen.“ Oben ein kleiner Raum, in der die alte Vermittlungszentrale der Meisterei steht. Sie wieder zum Laufen zu bringen, das wäre die Erfüllung eines Traumes, sagt Müller. Einer von vielen. Denn unermüdlich tüfteln die Mitarbeiter neue Ideen aus.

Ganz oben angekommen, öffnet sich ein großer Raum, in dem früher das Becherwerk über ein Förderband den Split in den Schacht fallen ließ. Bei schönem Wetter finden dort Veranstaltungen statt.

Draußen auf dem Hof stehen Kilometersteine und Leitpfosten aus Beton und Plaste. Neben den Brücken ist es die Wintertechnik, auf die sich die Sammlung spezialisiert hat. So findet sich dort auch ein Anhängerstreuer aus den 1960er-Jahren, den Azubis auseinander- und wieder zusammengebaut haben.

Zudem sind einige Exponate zu sehen, deren Funktion sich erst im Gespräch mit dem Fachkundigen erschließt. Eine Glatteismeldeanlage etwa, deren Fühler im Boden die Temperatur des Belages messen. Eine LED-Tafel, auf der diese dann angezeigt wird – das wäre ein weiterer dieser kostspieligen Träume. Vor der Backsteinfassade stehen Geländerteile von Brücken und Teile von Stahlstützen.

„Jede Autobahn hatte im ‚Dritten Reich‘ einen eigenen Geländertyp“, sagt Müller. Nach der Wende seien viele Brücken abgerissen worden. In Erkner werden Teile von ihnen bewahrt.

Das imposanteste Stück der Sammlung steht vor den Toren der Autobahnmeisterei: ein Teil der Rüdersdorfer Brücke, die 1936 in Betrieb gegangen ist und deren Überbau zwischen 1990 und 1994 erneuert wurde. Ursprünglich stand das Denkmal in Rüdersdorf. Doch Müller berichtet, dass es dort dem Vandalismus ausgesetzt gewesen war und verkommen sei. Fünf Jahre lang keimte in Erkner der Plan, ehe der Koloss vor zwei Jahren tatsächlich vor die Meisterei verpflanzt wurde. Zu sehen ist auch ein Stück der Brücke mit einem sogenannten Sprödriss, den sich das Bauwerk 1938 zugezogen hatte.

Im Laufe der Jahre haben die Erkneraner eine umfangreiche Bibliothek angelegt. Sie umfasst 452 Bücher und Zeitschriften, die vor Ort eingesehen, aber nicht ausgeliehen werden können. Denn die einmal erworbenen Schätze – die geben sie nicht mehr aus der Hand.

 

 

 


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erstellt am 16.Mär.2017 | 12:00 Uhr

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