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Panorama

08. Dezember 2016 | 17:04 Uhr

Armutszeugnis für Bildungsrepublik : Massenphänomen Analphabetismus

vom
Aus der Onlineredaktion

Millionen Menschen leben mit erheblichen Lese- und Schreibproblemen.

Rund 7,5 Millionen Menschen können hierzulande nicht richtig schreiben und lesen. Als „funktionale Analphabeten“ kommen sie mit Buchstaben, Wörtern und einfachen Sätzen nur sehr begrenzt zurecht, haben Mühe, zusammenhängende Texte zu lesen und zu verstehen. Analphabetismus im engeren Sinne betrifft nach einer Studie 2,3 Millionen Erwerbsfähige. Sie können nur einzelne Wörter lesen und schreiben, nicht aber ganze Sätze.

Etwa 300 000 Mitbürger können nicht mal ihren Namen korrekt schreiben. Bund und Länder wollen diesen Menschen in einer „Dekade für Alphabetisierung“ helfen. Bildungsministerin Johanna Wanka (CDU) und die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Claudia Bogedan (SPD), wollen sich für bessere Vernetzung, bessere Forschung und bessere Methoden einsetzen – und für bessere Förderung: Allein der Bund will in der Dekade 180 Millionen Euro investieren.

Woher stammt eigentlich die enorm hohe Zahl von 7,5 Millionen „funktionalen Analphabeten“? Aus der als seriös geltenden „leo.-Level-One-Studie“ der Uni Hamburg von 2011. Die Wissenschaftler fanden heraus, dass es bundesweit wohl doppelt so viele Menschen mit erheblichen Lese- und Schreibproblemen gibt wie zuvor angenommen – eine erschreckende Zahl, sagt Wanka.

Obwohl meistens zur Schule gegangen, kann jeder siebte Erwachsene bis 64 Jahre wegen stark begrenzter Lese- und Schreibfähigkeiten nur eingeschränkt am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Knapp 60 Prozent von ihnen sind erwerbstätig. Der größte Anteil findet sich unter Hilfskräften in Bau, Gastronomie und Büros, Transport- und Frachtarbeitern sowie Hausmeistern.

Kinderbuchautor Tim-Thilo Fellmer („Fuffi der Wusel“) engagiert sich als ehemaliger Betroffener seit Jahren. Nach seiner Einschätzung gibt es für Analphabetismus viele Gründe. Meist liege es an äußeren Umständen – „prekäre häusliche Verhältnisse, ein bildungsfernes Elternhaus, auch Probleme mit dem Schulsystem, der Methodik, dem Lehrer“. Schreib- und Leseschwächen würden „im Schulsystem durchaus erkannt“, meint der Schriftsteller. „Aber man wird als Betroffener irgendwann nur noch weitergereicht. Es handelt sich um eine Überforderung auf beiden Seiten – auch bei den Lehrern, die oft in einer schwierigen Situation sind mit dem Unterricht vor zu großen Klassenverbänden.“ Doch Ursachen und Entwicklung von Analphabetismus sind noch nicht gründlich genug erforscht, wie Bogedan betont. 

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