zur Navigation springen

Panorama

01. September 2016 | 03:49 Uhr

NSU-Prozess : Kronzeuge bringt Brisanz in Fall

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Der einstige Top-Nazi war ganz nahe am Terror-Trio dran. Er lebt seit 14 Jahren im Zeugenschutzprogramm.

Die Ladung eines ehemaligen V-Mannes als Zeuge sorgt schon vorab für Konflikte. Der Mann gilt als gefährdet und lebt seit 14 Jahren im Zeugenschutz. Damals war er als V-Mann des Brandenburgischen Verfassungsschutzes enttarnt worden. Das Gericht will ihn über die Beschaffung von Waffen und Geld für das NSU-Trio befragen. Vernommen werden soll er am 4. November. Streit gibt es aber darüber, ob er persönlich erscheinen muss und ob die Öffentlichkeit zum ersten Mal seit Beginn des Prozesses aus dem Gerichtssaal ausgeschlossen werden soll.

Seine Adresse kennt das Gericht nicht, auch nicht den Namen, unter dem er heute lebt. Die Zeugenladung schickte es an Brandenburgs Innenministerium.

Früher hieß der Mann Carsten Szczepanski. Sollte er aussagen, könnte er einer der spannendsten Zeugen des Verfahrens sein – weil er dicht am Trio dran war und sein Beispiel die Verwicklungen zwischen Terrorszene und Geheimdiensten zeigt.

Ein Beamter des Bundesamtes für Verfassungsschutz veröffentlichte 2001 unter dem Namen Christian Menhorn ein Buch mit dem Titel „Skinheads: Portrait einer Subkultur“. Menhorn kannte Szczepanski als Autor, aber auch dienstlich. Er habe von ihm erfahren, als er noch unter dem Decknamen „Piatto“ für Brandenburgs Verfassungsschutz die Szene ausspähte. Das sagte Menhorn 2013 als Zeuge vor dem NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestags. In seinem Buch beschreibt er Szczepanski als gewalttätig und umtriebig. Seine Untergrundzeitschrift stehe dem Ku Klux Klan nahe. Szczepanski „legte dabei anscheinend auch Wert auf die Einheit von Wort und Tat“. „Im Mai 1992 war er dabei, als eine Gruppe Skins einen Nigerianer fast totschlug. Hierfür erhielt er im Februar 1995 eine Haftstrafe von sieben Jahren.“

In der Prozessakte heißt es, Szczepanskis Spitzeltätigkeit habe im Juli 1994 begonnen, als er in Untersuchungshaft saß. Er habe „plastiktütenweise Briefe, rechtsextremistische Publikationen“ und anderes Material geliefert, schwärmte einer seiner V-Mann-Führer, Gordian Meyer-Plath. Der Verfassungsschutz habe ungeahnte Einblicke in die bundesweite und internationale Szene erhalten. „Es war ein Quantensprung“, so Meyer-Plath, der inzwischen Chef des Verfassungsschutzes in Sachsen ist.

Im August 1997 wurde Szczepanski in den offenen Vollzug verlegt. Seine V-Mann-Führer erleichterten ihm den Wiedereinstieg in die Szene, indem sie ihn mehrmals vom Gefängnis in Brandenburg/Havel zu Treffen mit „Blood & Honour“-Anführern nach Sachsen brachten. Auch ein Handy stellten sie ihm zur Verfügung. 1998 meldete „Piatto“, einer seiner Gesinnungsgenossen wolle Waffen für das NSU-Trio besorgen. Die drei wollten sich ins Ausland absetzen. Eine Frau aus dem Führungszirkel von „Blood & Honour“ wolle Beate Zschäpe ihren Pass zur Verfügung stellen. Bei einer Telefonüberwachung fingen die Ermittler eine SMS an Szczepanski ab. Sie lautete: „Hallo. Was ist mit den Bums“. Gemeint waren wohl Waffen. Bei den Verfassungsschützern sprach sich „Piattos“ Meldung herum.

Auch Menhorn erfuhr davon: „Da ging es um Waffen, um Abtauchen, um Pässe. Dass das wichtig war bei der Suche nach den Dreien, war uns völlig klar.“

Zwei Jahre nach „Piattos“ Meldung begann die Mordserie, der neun türkisch- und griechischstämmige Kleinunternehmer und eine Polizistin zum Opfer fielen.

zur Startseite

von
erstellt am 31.Okt.2014 | 21:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen