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Panorama

04. Dezember 2016 | 23:23 Uhr

DAK-Versorgungsreport : Keine Therapie bei Fettsucht?

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Experten schlagen Alarm und fordern verstärkte Prävention – neuer Report der DAK Gesundheit

Volkskrankheit Fettleibigkeit – 16 Millionen Deutsche sind viel zu dick. Aber Therapie bei Fettsucht? Hilfe beim Abnehmen? Fehlanzeige. „Die Krankheit als solche wird kaum behandelt“, berichtet Herbert Rebscher, Vorstandsvorsitzender der DAK Gesundheit, gestern bei der Vorstellung des neuen DAK-Versorgungsreports über Adipositas, wie Fettleibigkeit von Fachleuten genannt wird. Das Problem: Starkes Übergewicht an sich ist noch keine Krankheit, Therapien werden also nicht von den Krankenkassen ersetzt.

Dabei macht das Übergewicht krank: Diabetes, Herzstörungen, Krebs. Für insgesamt 60 sogenannte Folgekrankheiten wird Fettsucht verantwortlich gemacht. „Wir helfen nicht schon den Menschen, die zu dick sind. Wir behandeln erst aufs Massivste, wenn die Folgekrankheiten auftauchen“, erklärt Hans-Dieter Nolting, Geschäftsführer des Beratungsinstituts IGES, das den Report erstellt hat. „Die simpelsten Maßnahmen werden nicht ergriffen, obwohl das Problem gewaltig ist.“ Nolting fordert eine Kehrtwende und liefert dafür gewichtige Argumente.

Die Lösung liegt auf der Hand: Wer abspeckt, ist gesünder, lebt länger, wird seltener depressiv. Aber gerade mal ein Prozent der DAK-Versicherten mit Adipositas-Diagnose erhält Kostenerstattung für Ernährungsberatung. Eine kombinierte Ernährungs-, Bewegungs- und Verhaltenstherapie auf Krankenkassenkosten machen lediglich 0,025 Prozent der Versicherten. Zwar legten sich vergangenes Jahr 9225 Fettleibige unters Messer, um sich den Magen verkleinern zu lassen. „Aber angesichts der Zahl von 1,3 Millionen Menschen mit einem Body-Maß-Index von mehr als 40 sind das Peanuts“, fasst Nolting zusammen.

Er hat auf Grundlage einschlägiger Studien ein Szenario berechnet, indem 15 Prozent der Fettleibigen an einer Behandlung teilnehmen – die meisten an einer optimierten Ernährungsberatung, die vom Arzt kontrolliert wird. Die Folgen: Zehn Jahre nach einer entsprechenden Umstellung des Systems wären zwei Millionen Menschen weniger fettleibig als heute. Die Zahl der Todesfälle würde um 2300 sinken, die Krankheitslast – also die Folgekrankheiten – um 35 Prozent zurückgehen.

Warum ist nicht längst gegengesteuert worden – ist das Phänomen doch seit Jahren auf dem Vormarsch? Die richtige Weichenstellung werde meist bei den Hausärzten verpasst, sagt Matthias Blüher, Leiter der Adipositas-Ambulanz der Universitätsmedizin Leipzig: Übergewichtige würden nicht wegen ihres Übergewichtes behandelt, weil die Ärzte dies nicht vergütet erhalten. Stattdessen werde gewartet, bis Diabetes oder Herzprobleme auftauchten. „Hier muss ein Umdenken stattfinden. Wer Adipositas behandelt, verhindert Krankheiten“, sagt der Mediziner. Kleinste Effekt hätten enorme Wirkung:
„Wer zwei Jahre nacheinander drei Kilogramm abnimmt, dessen Krankheitsrisiko sinkt um 60 Prozent“, so Blüher. Auch acht Jahre später seien die Menschen noch deutlich gesünder.

„Die Politik muss jetzt den Anstoß geben, damit der Gemeinsame Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen (GBA) Adipositas-Behandlungen in den Leistungskatalog der Gesetzlichen Krankenkassen aufnimmt“, fordert DAK-Vorstandschef Rebscher. Natürlich stiegen durch die zusätzlichen Behandlungen die Kosten zunächst an. „Aber alleine das Minus bei den Klinikkosten für die Behandlung der Folgekrankheiten würde die Mehrkosten rasch ausgleichen.“ In drei, vier Jahren nach einer Umstellung würde sich die Reform tragen, ist Rebscher überzeugt.
 

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erstellt am 09.Nov.2016 | 08:00 Uhr

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