zur Navigation springen

Panorama

26. Februar 2017 | 16:09 Uhr

Brasilien : Hundert Jahre Samba

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Schon vor über 300 Jahren brachten Sklaven die Rhythmen nach Rio

Hier, wo ab dem 17. Jahrhundert die Sklaven ankamen und den Samba nach Brasilien brachten, wird er heute noch gefeiert. An der berühmten „Pedra do Sal“, der in den Meeresfelsen geschlagenen Treppe im Zentrum Rios, wird montags und freitags ein Tisch aufgebaut: Musiker kommen, setzen sich, fangen an zu spielen.

Und Tausende Menschen auf dem ganzen Platz, auf der Treppe, summen mit, bald ist es eine wogende, glückselige Masse. Früher schleppten hier die ihrer afrikanischen Heimat entrissenen Zwangsarbeiter die Salzsäcke von den Schiffen zum Salzmarkt die breite Treppe hinauf.

Ihre Kraft zogen sie aus den mitgebrachten Melodien und Instrumenten.

Ganz in der Nähe des Sklavenviertels von Rio de Janeiro setzten sich im Jahre 1916 der Musiker Donga und der Journalist Mauro de Almeida hin und schrieben in einer Wohnung an der Praça Onze ein Lied. Sie konnten nicht ahnen, dass sie Geschichte schreiben würden. Quasi „per Telefon“ machten die beiden aus der bis dahin nur von Musiker zu Musiker überlieferten Musikrichtung ein weltweites Vermächtnis. „Pelo telefone“ – „Am Telefon“ – lautete ihr Titel, am 27. November 1916 wurde die Komposition als erster aufgenommener Sambasong offiziell von der Nationalbibliothek in Rio registriert – hier war damals noch die Hauptstadt. Auch wenn es immer wieder Diskussionen über Sambalieder gibt, die vielleicht zuvor schon aufgenommen worden sind, gilt dies offiziell als Geburtsstunde – und wird mit Konzerten, Führungen zu den prägenden Orten und Musik-Workshops bis Ende November gefeiert.

„Das ist unser Gründungsmythos, die Alma Carioca“, die Seele Rios, meint der Universitätsprofessor João Baptista Ferreira, der seit 14 Jahren Touren auf den Spuren der Stadtgeschichte anbietet – derzeit werden natürlich die Sambastationen besonders stark frequentiert – es ist auch ein Wandeln auf den Spuren des dunklen Sklavenkapitels.

Einer der bekanntesten Musiker Brasiliens, Dorival Caymmi (1914-2008) beschrieb es so: „Quem não gosta do samba (...), é ruim da cabeça, o doente do pé.“ „Wer Samba nicht mag, ist krank im Kopf oder fußlahm.“ Was für Buenos Aires der Tango ist für Rio der Samba. Hier liegt seine Wiege.

„Pelo telefone“, von eher schlichtem Inhalt, machte dann im Karneval gleich 1917 Furore. Es geht um einen Polizeichef, der am Telefon vom verrückten Leben der Bewohner Rios, der Cariocas, berichtet, manchmal mute es wie Roulette an. Mit dem Samba, diesem pulsierenden Lebensgefühl lasse man die Probleme hinter sich. Das bringt es bis heute auf den Punkt. Die besten Sambaschulen wie Karnevalsgewinner Mangueira sind in den Favelas beheimatet – die lauten Trommelrhythmen sind nicht zu verwechseln mit dem klassischen Samba, der weltweit Furore machte.

Gerade ab den 1960er-Jahren: Während der ursprüngliche Sambasound schwarz geprägt war, entstand damals in den weißen Strandvierteln wie Ipanema eine ganz neue, mit Jazz- und Reggae-elementen angereicherte Richtung: der Bossa Nova. Der Spielfilm „Orfeu negro“ (1959) über Rio und seine Musik gewann den Oscar für den besten Auslandsfilm. Bis zum Aufkommen der Beatles prägte die Bossa-Nova-Welle jahrelang Tanzsäle und Plattencharts. Samba und Bossa Nova wurden Weltmusik, vermittelten in kalten europäischen Wintern die Sehnsucht nach Strand, Sex und Sonne.

zur Startseite

von
erstellt am 26.Nov.2016 | 16:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen