zur Navigation springen

Panorama

03. Dezember 2016 | 05:41 Uhr

Streitbar : Fortschritt lässt sich nicht verordnen

vom
Aus der Onlineredaktion

Ob Mikrochip oder Verbrennungsmotoren, ob Energiewende oder Elektromobilität – neue Technologien müssen sich am Markt durchsetzen.

„Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen.“ Diese weise Bemerkung wurde bereits diversen klugen Köpfen zugeschrieben; dem Schriftsteller Mark Twain etwa, auch dem Kabarettisten Karl Valentin und dem Physiker Niels Bohr. Ein Politiker der Grünen war noch nicht unter den mutmaßlichen Zitatgebern.

Das liegt daran, dass kein Anhänger oder Repräsentant der Ökopartei große Schwierigkeiten damit hat, die Zukunft zu beschreiben. Im Gegenteil: Sie haben ein recht simples Bild der Zukunft. Grüne sehen für morgen und übermorgen einfach schwarz.

Düstere Zukunftsvisonen Gentechnik: unbeherrschbar. Atomkraft: ebenso. Klimawandel: wird die Welt zerstören. Aus dieser katastrophistischen Grundhaltung heraus entsteht die grüne Verbotspolitik, die fälschlicherweise oft als Lust an der Gängelei fehlinterpretiert wird. Dabei treibt die Grünen weniger der Drang, anderen Vorschriften zu machen als die nackte Angst und ihr Streben nach einer Absolution, die sie sich einfach selbst geben. Wer Müll trennt, wird vom Fegefeuer verschont. Glaube versetzt bekanntlich Berge.

So ist jeder Einkauf gentechnisch unbehandelter Biotomaten im Ökosupermarkt aktive Seelsorge, jede Jahresabrechnung überteuerten Stroms aus Wind- und Solarenergie eine beherzte Gabe für den Öko-Klingelbeutel und der Verzicht auf Fleisch, Eier und Käse ein Sakrament. Nur auf diesem Weg, so denkt es im Milieu, lässt sich der Untergang noch aufhalten. Und schließlich haben wir die Welt ja auch nur von unseren Kindern geborgt. Grüne denken dystopisch. Die Zukunft ist per se schlecht und sie sind die Auserwählten, die Menschheit vor der Apokalypse zu bewahren.

Das Problem dabei ist: Je mehr Leute den Lebensstil der Grünen annehmen, je erfolgreicher die Ökokirche also beim Missionieren ist, umso weniger taugt der „Green Way of Life“ noch als Distinktionsmerkmal. Seit sogar Discounter Bio-Produkte in den Regalen stehen haben, umweht die säkulare Ökokirche der Hauch des Banalen.

Immer radikaler Als Ausweg bleibt dann nur die Verschärfung der Lehre. Und da haben sich die Grünen was Besonderes einfallen lassen. Ab 2030, so soll ein neues Gebot bald lauten, dürfen keine Autos mehr zugelassen werden, die mit Verbrennungsmotoren fahren. Im Land von Daimler, BMW und Volkswagen ist das eine durchaus gewagte Radikalisierung der eigenen Theologie. Die grüne Bundesdelegiertenkonferenz soll das neue Ge- und Verbot im November beschließen.

Konflikt mit grünen Erfolgspolitikern Nur unverrückbarer und fester Glaube statten eine Partei mit der Selbstsicherheit aus, ein Verbot Gesetz werden zu lassen, das ausschließlich das eigene Weltbild bedient. Sogar mit ihrem erfolgreichsten Regionalbischof, dem baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann, legen sich die Gläubigen jetzt an. Der Regierungschef eines Landes, dessen Rückgrat die Automobilindustrie und ihre Zulieferer bilden, lehnt die erweiterte Lehre ab: „Die Landesregierung hält von solchen konkreten Terminen nicht viel“, sagte Kretschmann. Man würde mit der Jahreszahl 2030 falsche Erwartungen schüren, da die Politik nur bedingt Einfluss darauf habe, ob ein solcher Termin zu halten sei. Sogar vor einem „Crash“ der Automobilindustrie warnte Kretschmann.

Den Pius-Brüder-Flügel der Partei vertritt beim der Frage nach den Verbrennungsmotoren Annalena Baerbock, die als „Klimaschutzexpertin“ der Bundestagsfraktion firmiert. Rhetorisch geschickt macht sie aus dem Verbot eine milde Gabe an Daimler & Co: „Die Industrie pocht immer wieder darauf, dass sie klare Rahmenbedingungen und Planungssicherheit braucht“, sagte Baerbock.

Erinnerung an das DDR-System Das erinnert ein wenig an die DDR. Ein paar Fantastilliarden seiner Plastikwährung verbrannte der Arbeiter- und Bauernstaat für ein Prestigeprojekt namens „Megabitchip“. Erich Honecker und sein Politbüro bildeten sich ein, per Beschluss mit der westlichen Leiterbahnenindustrie gleichziehen zu können. Die greisen Funktionäre bemerkten nicht einmal, dass sie vor Fotografen mit einem nicht funktionsfähigen Bauteil herumgrinsten, das äußerlich wenigstens ein paar Ähnlichkeiten mit einem echten Chip aufwies.

Das Problem mit den Grünen ist, dass ihre Religion noch nicht verinnerlicht hat, dass der Mensch mündig ist. Die Aufklärung steht bei ihnen noch aus. So wie es in den USA weder Prediger mit apokalyptischen Erzählungen noch restriktive Gesetze waren, die Elon Musk auf die Idee brachten, mit dem Tesla das bisher innovativste Elektroautomobil der Welt zu erfinden, werden auch BMW, Mercedes und VW keine Hilfestellung aus der Politik brauchen. Und auch die Kunden können darauf verzichten. Elektroautos werden gekauft, wenn ihre größten Probleme gelöst sind: die noch recht dürftigen Reichweiten und die recht langen Wiederaufladezeiten. Die Idee hinter der grünen Forderung ist, dass Ingenieure doch nur etwas Druck der Obrigkeit bräuchten, um hier Fortschritte zu erzielen. Dabei verdankt keine einzige Technologie der Welt ihren Durchbruch der Politik. Weder das iPhone noch der Wasserkocher, weder Wäschetrockner noch Mähdrescher und auch nicht Föhn oder Armbandhuhr gehen auf staatliche Impulse zurück.

Warten auf Tag X Den Druck, alltagstaugliche und serienreife Elektroautos möglichst schnell bauen zu können, macht sich die Automobilindustrie weltweit selbst. Der Hersteller, der hier den Durchbruch erzielt, wird sich vor Umsatz und Prestige kaum retten können. Kein einziger Parteitagsbeschluss wird diesen Druck ansteigen lassen. Da können grüne Delegierte so lange abstimmen, bis sie schwarz sind wie ihre Zukunftsvisionen. Ein Zulassungsverbot von klassisch angetriebenen Autos zu einem Tag X wird die Innovationsgeschwindigkeit der KFZ-Branche genau gar nicht beeinflussen. Sollte die Technologie in absehbarer Zeit erschwinglich sein und zum Alltag gehören, werden die Grünen sich wahrscheinlich noch als ihr entscheidender Geburtshelfer feiern lassen. Dabei offenbart sich mit dem nicht unwahrscheinlichen Delegiertenbeschluss ein recht altertümliches und planwirtschaftliches Politikverständnis, zu dem auch der Hauch einer Allmachtsphantasie gehört. Fragt sich nur, welchen technischen Durchbruch die Grünen als nächstes dekretieren.

Verbot und Innovationen Die Grünen verwechseln Verbote mit Innovationen. Ingenieure und Tüftler brauchen gewiss keine Anweisungen einer Glaubenskongregation der Umweltkirche. Lasst sie einfach machen. Schon dem Atomausstieg – ein urgrünes Projekt, das sich die Merkel-CDU nur ausgeliehen hat – liegt dieser Irrtum zugrunde. Weltweit ist die Atomkraft kein Auslauf- sondern ein Zukunftsmodell. Knapp 50 Kernkraftwerke sollen in China in den kommenden Jahren gebaut werden, in den USA sind es 18 und unsere polnischen Nachbarn planen sechs Anlagen. Ob es klug ist, sich durch politische Beschlüsse von solchen Entwicklungen abzukoppeln und sukzessive das Know-How auf diesem Sektor zu verlieren, darf bezweifelt werden. Bei der Gentechnik wird das Drama gerade wiederholt. Dass Politik manchmal sogar das Gegenteil von dem schafft, was sie erreichen will, ist übrigens auch eine grüne Erfahrung. Das Einwegpfand hat den Mehrweganteil nicht etwa erhöht, sondern gesenkt. Prognosen sind halt schwierig.

zur Startseite

von
erstellt am 22.Okt.2016 | 16:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen