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Panorama

11. Dezember 2016 | 07:05 Uhr

Interview mit Historiker : Ein Grund zum Feiern

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Ein Interview über den Tag der Einheit und den Geist des bornierten, deutschtümelnden Nationalismus

Im Gespräch mit unserem Korrespondenten Andreas Herholz spricht Professor Heinrich August Winkler, Historiker an der Humboldt Universität Berlin, über die Geschichte von Ossis und Wessis. Und auch darüber, dass Westdeutsche mehr Zeit hatten, um sich an die Demokratie zu gewöhnen.

26 Jahre Deutsche Einheit – das Fest in Dresden findet unter erhöhten Sicherheitsvorkehrungen statt und wird von Pöbeleien bei den Feiern und Anschlägen sowie Gewalt im Vorfeld überschattet – gibt es dennoch gute Gründe zu feiern?
Winkler: Die Aktivitäten von Terroristen und Rechtsextremisten dürfen kein Grund sein, den Tag der Deutschen Einheit nicht zu feiern. Am 3. Oktober 1990 wurde ein Jahrhundertproblem gelöst: die Deutsche Frage. Wenn das kein Grund zum Feiern ist, dann gibt es für die Deutschen wenig Anlässe zum Feiern.

Bundeskanzlerin Merkel warnt vor Geschichtsvergessenheit. Der Ruf „Wir sind das Volk“ werde von Rechtsextremen und Fremdenfeinden vereinnahmt und diskreditiert. Wird so das Credo der friedlichen Revolutionäre missbraucht?
Ja, und die Gefahr der Geschichtsvergessenheit besteht durchaus. Da werden freiheitliche Parolen nicht nur in den neuen Bundesländern, sondern auch in den alten umgedeutet. Es werden auch altdeutsche Vorurteile gegenüber dem wiederbelebt, was man als politische Kultur der westlichen menschlichen Demokratie versteht. Das ist das Bekenntnis Deutschlands zu den unveräußerlichen Menschenrechten, zu den Geboten des Rechtsstaates und der repräsentativen Demokratie. Dies gehört zu den größten Errungenschaften der Bundesrepublik.

Wer fremdenfeindliche Parolen ausgibt und Anschläge auf Flüchtlingsheime verübt, fällt zurück in den schrecklichen Ungeist, der schon zur Zerstörung der ersten deutschen Demokratie beigetragen hat. Es ist der Geist eines bornierten, deutschtümelnden Nationalismus. Dem heißt es mit aller Kraft zu widerstehen.

Wie müssen Politik und Gesellschaft darauf reagieren und wirksam gegensteuern?
Es ist ganz offensichtlich, dass die Westdeutschen sehr viel mehr Zeit hatten, sich an die politische Kultur der westlichen Demokratie zu gewöhnen. Der Philosoph Jürgen Habermas hat dies einmal die größte intellektuelle Errungenschaft der westdeutschen Nachkriegszeit genannt.

Nach 1989 hatten auch die Menschen in den ostdeutschen Bundesländern diese Möglichkeit. Solange die Mauer stand und die DDR existierte, war dies den Ostdeutschen verwehrt worden. Dazu kamen große Umstellungen, Verwerfungen, Arbeitslosigkeit und das verbreitete Gefühl, abgehängt zu sein. Es stellt sich auch die Frage, was im Schulunterricht und bei der politischen Bildung versäumt wurde.

Waren ähnliche Entwicklungen auch im Westen in den Gründerjahren der Bundesrepublik zu beobachten?
Ja. Vor allem in den fünfziger Jahren hat es in Westdeutschland noch massive Vorbehalte gegenüber der westlichen, angelsächsisch geprägten Demokratie gegeben. Amerikaner und Briten wurden anfangs als Besatzer empfunden. Auch die Gastarbeiter wurden nicht überall freundlich empfangen. Der nationalapologetische Ungeist war auch im Westen noch lange lebendig. Auch die Westdeutschen haben also selbstkritisch auf ihre Versäumnisse und Fehler zu blicken, was Vorurteile und Fremdenfeindlichkeit angeht.

Hat der Kurs der Bundeskanzlerin in der Flüchtlingspolitik zu einer Spaltung der Gesellschaft beigetragen?
Bundespräsident Joachim Gauck hat es treffend gesagt: Unser Herz ist weit, aber unsere Möglichkeiten sind endlich. Die Kanzlerin hat sich längst ähnlich geäußert. Menschen, die nicht politisch verfolgt oder Bürgerkriegsflüchtlinge sind, dürfen nicht ermutigt werden, unter lebensgefährlichen Bedingungen nach Europa zu kommen. Deutschland kann nicht Jahr für Jahr eine solch große Zahl von Migranten aufnehmen wie 2015. Das würde die Gesellschaft überfordern.

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erstellt am 03.Okt.2016 | 21:00 Uhr

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