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Kritik an DDR-Geschichtsbild : Egon Krenz: „So war die DDR nicht“

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Egon Krenz, der letzte DDR-Staatschef, wird 80 Jahre alt. Das heutige Bild über den früheren Staat empfindet er als ungerecht.

Wenn Egon Krenz Geschichten über die DDR liest oder hört, meint er oft, dass über ein anderes Land berichtet wird. Nicht über das Land, das er mitgeprägt hat und an dessen Spitze er in der Wendezeit als Generalsekretär des Zentralkomitees der SED und als Vorsitzender des Staatsrates stand. „Ich erwarte keine Loblieder. Die Wahrheit aber schon.“ Diese Wahrheit sei viel differenzierter, als sie in den Medien oder der Politik heute widergespiegelt werde. „Es hat nicht nur Widerständler gegeben, sondern Millionen Menschen, die das Land aus Ruinen aufgebaut und gerne in ihm gelebt haben“, betont Krenz, der als ein treuer Gefolgsmann von Erich Honecker (1912-1994) galt.

Bei seinem Spaziergang durch Ribnitz-Damgarten, wo er aufgewachsen ist, wirkt Krenz, der 1997 wegen seiner Verantwortung für Todesschüsse an der Berliner Mauer zu sechs Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt wurde, rüstig und agil. Am Sonntag wird er 80 Jahre alt. Er treibe regelmäßig Sport. „Ich jogge nicht mehr zehn Kilometer wie früher. Mit schnellem Gehen und Fahrradfahren halte ich mich fit.“ Zudem schreibt er Bücher, Ende 2016 erschien ein Buch mit Gesprächen mit dem Musiker Heinz Rudolf Kunze. Vor allem die Politik lasse ihn nicht los. Er gehe auf Versammlungen, halte Vorträge und freue sich über, wie er berichtet, oft ausverkaufte Veranstaltungen. Seine Meinung zähle noch im Osten – vor allem bei den Älteren. Oft treffe er Leute, die sagten, dass es schade sei, dass es die DDR nicht mehr gebe. „Das Gerechtigkeitsgefühl ist noch sehr ausgeprägt.“ Das gelte vor allem, wenn es um den Vergleich mit der Bundesrepublik geht. „Es wird immer so getan, als sei der Weg der Bundesrepublik eine einzigartige Erfolgs- und der der DDR eine einzige Negativgeschichte – so undifferenziert ist es nicht gewesen.“

 

Zur historischen und nicht gewürdigten Wahrheit gehört für Krenz auch seine Rolle am 9. November. „Ich wäre laut Verfassung verpflichtet gewesen, die Grenzen der DDR zu schützen.“ Er sei im Besitz der militärischen Gewalt gewesen und hätte den Befehl geben können. „Ich habe einen Befehl zur Gewaltlosigkeit gegeben. Jedoch nicht, damit deutsche Soldaten wieder wie in Afghanistan im Ausland sterben.“

In der Einschätzung wird er von Martin Sabrow von der Humboldt-Universität Berlin und Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung in Potsdam zumindest in einem Punkt gestützt. Krenz habe im entscheidenden Moment dafür gesorgt, dass die Waffen geschwiegen haben. „Er hat den Untergang der DDR der militärischen Option vorgezogen – das ist sein Verdienst und es trug zu dem historischen Wunder bei, dass der Kommunismus in Europa lautlos Abschied von der Macht nahm.“ Aber, sagt Sabrow, Krenz hätte auch nicht anders gekonnt: Er hätte seine Rolle als Reformer zerstört, wenn er die militärische Karte gespielt hätte.

Krenz ist überzeugt, dass der Grund des nicht nachlassenden Interesses an ihm die einseitige Behandlung der DDR-Geschichte sei. Kommunistische Biografien würden getilgt, Straßennamen verschwänden. Viele Historiker würden die DDR verdammen, statt sie zu analysieren. „Bei den meisten Veröffentlichungen würde ich drüber schreiben: ,So war die DDR nicht’“, ereifert sich Krenz. Wie ein roter Faden ziehen sich Sätze wie „Es wird mit zweierlei Maß gemessen“ und „Es ist viel Heuchelei dabei“ durch seine Argumentation. Das gelte auch für den Zustand der DDR in den letzten Jahren – eine Zeit, in der viele Menschen nicht mehr in einer Diktatur leben wollten und die Nase voll hatten von der verfehlten Wirtschaftspolitik. „Es gab Probleme, die hätten gelöst werden müssen und können“, so Krenz. Mit dieser Haltung unterscheidet sich Krenz nicht von anderen, sagt Sabrow. Jeder trage ein auf sich selbst zugeschnittenes Weltbild mit sich herum und findet auch ihm plausible Begründungen, mit der er seine Argumentation belegt. Krenz’ Rolle sei die eines über Jahrzehnte hinweg aufgebauten Kronprinzen gewesen, der aber in der Bevölkerung nie unumstritten war. Er sei eine selbstverständliche Säule des Regimes gewesen. Dass es Missstände in der DDR und viele Unzufriedene gegeben hat, streitet Krenz nicht ab. Aber die anderen Staaten seien auch nicht besser. Das gelte selbst für das Geheimdienstsystem der Stasi, unter dem in der 40-jährigen Geschichte nach Einschätzung von Historikern eine siebenstellige Zahl von politisch Verfolgten zu leiden hatte. Er streite nicht ab, dass es bei der Staatssicherheit Dinge gegeben hat, die nicht gutzuheißen sind. „Aber wir haben doch auch heute Geheimdienst-Probleme in Deutschland“, sagt Krenz.

„Damit verkennt Krenz den gravierenden Unterschied zwischen der Geheimpolizei von Diktaturen und den Geheimdiensten in Demokratien“, sagt der Chef der Rostocker Stasi-Unterlagenbehörde, Volker Höffer. Das entscheidende Augenmerk einer Geheimpolizei wie der Stasi liege auf der politisch motivierten Überwachung und Verfolgung der eigenen Bevölkerung. Höffer kritisiert weiter, dass Krenz eine differenzierte Sichtweise auf die DDR fordert, selbst aber dazu nicht fähig sei. Krenz verweist auf die unzufriedenen Menschen, die in Deutschland und Europa leben. Zu DDR-Zeiten habe es mit der Bundesrepublik eine System-Alternative gegeben. Das gebe es heute nicht mehr. Aber wer sich heute gegen die Regierungspolitik stelle, werde schnell als „Populist“ abqualifziert. In diesem Zusammenhang sieht er auch den Begriff „postfaktisch“, wenn die öffentliche Meinung weniger von Tatsachen als von Gefühlen und Ressentiments beeinflusst wird. „Die DDR wird seit 1990 postfaktisch aufgearbeitet – es wird gelogen und nicht differenziert“, klagt Krenz.

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erstellt am 14.Mär.2017 | 05:00 Uhr

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