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Panorama

03. Dezember 2016 | 07:46 Uhr

Täglicher Begleiter : Die Psychologie der Musik

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt: Wie Rhythmen uns helfen, berühren und verführen.

Musik ist ein ständiger Begleiter unseres Alltags. Wir schalten das Radio morgens ein, unsere Lieblingsband versüßt uns Autofahrten, mit Schlafliedern bringen wir unsere Kinder ins Bett. Alle diese Klänge und Rhythmen haben eine Wirkung auf uns. Ein Boxer etwa putscht sich beim Einlaufen in den Ring mit lauter Musik auf. Beim Joggen bringen uns schnelle Rhythmen auf Trab. Ein Konzert kann uns zu Tränen rühren. Warum gelingt es der Musik, dass wir uns beruhigen, aufregen und uns von ihr berührt fühlen? Wie schafft sie es, uns zu verführen und sogar Heilmittel zu sein?

Unsere Reaktionen auf musikalische Klänge sind vielfältig. Ein sehr bekanntes Phänomen: Gänsehaut. Nicht nur bei Kälte oder Angst stellen sich die Härchen auf den Armen oder im Nacken in die Höhe. Auch wenn wir unangenehme Geräusche wie Kreidequietschen hören, bekommen wir eine Gänsehaut – und bei Musik. Insbesondere bei solcher, die wir als sehr schön erleben. Wissenschaftler untersuchen diese Reaktion schon seit Jahrzehnten. Prof. Dr. Christian Kaernbach, Emotionsforscher an der Christian-Albrechts Universität (CAU) zu Kiel, beruft sich unter anderem auf die Forschung des amerikanischen Musikpsychologen David Huron. In dessen Buch „Sweet Anticipation“ beschreibt dieser, dass eine emotionale Befriedigung entstehen kann, wenn Erwartungen erfüllt werden. Lauscht man einem Musikstück und die eigenen Erwartungen daran werden nicht erfüllt, führt dies nicht zwangsläufig zu negativen Gefühlen. Das Ergebnis kann Lachen, Staunen oder eben auch Gänsehaut sein. Etwas Unerwartetes wie der Übergang von einem Tutti zum Solo ist überwältigend und überraschend zugleich – und kann Gänsehaut auslösen. Meist empfinden wir solche Momente als besonders schön.

Doch nicht nur diese Augenblicke bringen unsere Härchen zum Stehen. Kaernbach erwähnt eine weitere Theorie, die erklärt, weshalb Musik Gänsehaut auslöst: Bestimmte Frequenzen und Tonfolgen rufen ähnliche Reaktionen hervor wie Schreie von Tierkindern, die von ihrer Mutter getrennt sind. Die Laute verstärken das Trennungsgefühl, welches dem Gefühl von sozialer Kälte nahekommt.

Die Macht der Musik spiegelt sich ebenso in ihrem Einfluss auf unsere Gefühle wider. Clemens Wöllner, Professor für Systematische Musikwissenschaft an der Universität Hamburg, spricht von einer möglichen Wirkung von Musik als Katharsis. In der Psychologie steht dieser Begriff für die seelische Reinigung durch das Ausleben verdrängter Gefühle. So wählen wir häufig Lieder aus, die gerade zu unserer Stimmung passen. Bei Aggressionen etwa tendieren wir zu Heavy-Metal und Rock; wenn wir gut gelaunt sind, zu Popmusik.

Bei der Auswahl spielen Faktoren wie Alter, Geschlecht, Sozialstatus und Bildung sicherlich eine Rolle, erinnert Wöllner. Generell könne aber von dem sogenannten Isoprinzip ausgegangen werden, nach dem Menschen vorzugsweise stimmungskongruente Musik auswählen: Indem wir aus einer melancholischen Stimmung heraus ein trauriges Lied hören, geben wir unseren Gefühlen also Raum und können diese verarbeiten – vorausgesetzt, wir mögen das jeweilige Stück. Fans von extremer Musik werden daher eher Beruhigung beim Hören von Heavy-Metal erfahren.

Wenn Musik uns dazu bringt, dass wir uns bewegen, Gänsehaut bekommen und uns beruhigen, was schafft sie noch alles? In unserem Alltag werden wir häufiger verführt, als wir denken: durch Kaufhausmusik zum Beispiel. Der Musikberater Heiko Maus aus Hamburg beschäftigt sich seit Jahren mit Filmmusik sowie Musik und Emotionen. Für unterschiedlichste Auftraggeber erstellt der 44-Jährige Konzepte. Zu seinen Kunden gehören neben Filmproduzenten, Theatern und Werbeagenturen auch Hotels, Optiker, Banken und Shops. Für sie erstellt Maus zunächst eine Bedarfsanalyse. Er erfasst die Atmosphäre der Räume, definiert die Zielgruppe und die Besonderheiten des Anbieters. „Das Ziel ist es, eine Musik zu finden, die harmoniert. Dafür erarbeite ich ein Konzept, erstelle Playlisten und befrage auch die Mitarbeiter, die der Musik den ganzen Tag ausgesetzt sind“, erklärt Maus. „Alles muss zusammenpassen.“

Für Kaufhäuser würde er keine extremen Klänge auswählen, eher Mainstream oder Melodiöses. Dabei spiele das Tempo eine wichtige Rolle. „Musik beeinflusst eben nicht nur das limbische System – also unsere Gefühle –, sondern auch das vegetative Nervensystem“, erklärt der Musikberater. Schnelle Rhythmen steigern unsere Herz- und Atemfrequenz und schließlich unsere Schrittgeschwindigkeit. Wir passen uns sozusagen der gehörten Musik an. Kein Kaufhausbetreiber wird jedoch wollen, dass seine Kunden durch die Gänge hetzen. Musikberater wie Heiko Maus empfehlen für Kaufhäuser vorwiegend gemäßigte Stücke. Das führt dazu, dass die Menschen entspannt sind und sich länger im Kaufhaus aufhalten. „Natürlich spielt es auch eine Rolle, ob die Kunden die Musik mögen“, ergänzt Maus. Ein Kaufhaus stelle daher eine besondere Herausforderung dar, weil die Käuferschicht hier sehr bunt gemischt ist.

Wie Musik unsere Handlungen beim Einkaufen beeinflussen kann, zeigte erstmals eine Studie aus dem Jahr 1997. Diese wurde in einem Supermarkt in England durchgeführt. Im Weinregal befanden sich eine deutsche und eine französische Weinsorte, die hinsichtlich des Preises und der Süße identisch waren. Über zwei Wochen hinweg wurde am Weinregal abwechselnd deutsche und französische Musik gespielt. Das Ergebnis: Bei Blasmusik wurden deutsche Weine und bei Klängen aus Frankreich französische Weine bevorzugt. Später sind viele weitere Studien erschienen mit widersprüchlichen Ergebnissen. Wöllner sagt jedoch, dass dieses Beispiel als Hinweis darauf gesehen werden kann, dass Musik uns beim Einkaufen beeinflusst. „Wir können unsere Ohren nicht verschließen, und selbst wenn wir daran gewöhnt sind, dass fast überall Musik zu hören ist, können wir sie eben nicht komplett ausblenden.“

Insbesondere nutzt die Werbung die Kraft der Musik. Heutzutage sind es häufig Lieder, die Emotionen hervorrufen und eine Stimmung oder ein gutes Lebensgefühl vermitteln. Über den Schall, der viel schneller als andere Sinneswahrnehmungen zu einer Aufmerksamkeits- und Orientierungsreaktion führt, werden wir regelrecht von dem Song angesteckt und verbinden – im besten Fall – dieses positive Gefühl mit dem Produkt und dem Hersteller dahinter. „Musik kann Produkte auch wertiger erscheinen lassen“, fügt der Musikberater Maus hinzu. Edle Klänge tragen dazu bei, dass die Kunden das jeweilige Produkt mit den Klängen im Hintergrund in Verbindung setzen.

Während die Werbung Musik nutzt, um die Werbebotschaft einer Marke zu unterstreichen und die Kunden zum Kauf zu verführen, untersuchen Forscher den Einsatz von Musik als Medizin. Auf psychotherapeutischer Ebene spielen Rhythmen, Melodien und Klänge eine wichtige Rolle. Allein das gemeinsame Musikhören schafft ein Gefühl der Verbundenheit zwischen Patient und Therapeut. Diese Therapie hilft Schlaganfallpatienten über das gemeinsame Erleben von Klängen, Liedern und vertrauten musikalischen Formen, zurück zu sich zu finden und Bewegungen wieder zu koordinieren.

Menschen mit Parkinson können durch Tanzen oder rhythmische Übungen ihren Bewegungsablauf verbessern sowie ihr Gedächtnis, die Aufmerksamkeit und die Reaktionsfähigkeit trainieren. Zudem kann Singen dazu führen, dass Parkinsonpatienten Sprachfertigkeiten wiedergewinnen, Menschen mit Alzheimer oder anderen Demenzerkrankungen ihre Aggressionen mildern oder sogar verlorene Erinnerungen zurückholen. Die Musik der Jugend ist für viele Menschen mit Demenz noch präsent. Kinderlieder etwa, die wir jahrelang nicht gehört haben, können wir von jetzt auf gleich trotzdem noch singen. Über die Musik aus der Vergangenheit versuchen Therapeuten, Kontakt mit den Patienten aufzunehmen. Die Sprache der Musik ist sozusagen der Schlüssel.

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erstellt am 05.Nov.2016 | 10:00 Uhr

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