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Panorama

09. Dezember 2016 | 06:45 Uhr

Gewalt bei der Geburtenhilfe : Die Geburt als Trauma

vom

„Ich fühlte mich wie auf einer Schlachtbank.“ – „Eigentlich wollte ich immer viele Kinder. Jetzt habe ich Angst, schwanger zu werden.“ Psychologin Claudia Watzel spricht über Gewalterfahrungen im Kreißsaal

Zum internationalen „Roses Revolution Day“ am 25. November erzählten Mütter anonym auf Facebook über ihre Geburtserfahrungen. Bundesweit legten Betroffene rosa Rosen vor die Kreißsäle. Diplom-Psychologin Claudia Watzel aus Berlin unterstützt den Aktionstag gegen Gewalt in der Geburtshilfe und erzählt warum Aufklärung wichtig ist.

<p>Psychologin Claudia Watzel </p>

Psychologin Claudia Watzel

Was bedeutet „Gewalt in der Geburtshilfe“ eigentlich genau?

Watzel: Körperliche Gewalt reicht von einem ungefragten Dammschnitt, Festschnallen an das Bett oder Weitung des Muttermundes ohne das die Frau überhaupt informiert wird. Oder Medikamente, die ohne Rücksprache mit verabreicht wurden. Aber auch psychische Gewalt spielt im Kreißsaal eine große Rolle. Die Intimsphäre von Frauen wird im Krankenhaus-Alltag oft ignoriert.

Was heißt das konkret?

Eine Frau ist mitten im Geburtsvorgang. Plötzlich geht die Flurtür auf und Mitarbeiter kommen herein gestürmt. Die Gebärende liegt ungeschützt in Richtung Tür und jeder kann vom Flur aus herein schauen. Solche Geburten können zu einer traumatischen Erfahrung für die späteren Mütter werden. 

Wie kann der 25. November den Betroffenen helfen?

Den „Roses Revolution Day“ gibt es erst seit vier Jahren in Deutschland. An diesem Tag haben Frauen die Gelegenheit, sich mit ihren negativen Erfahrung im Kreißsaal auseinander zusetzen, ob nun privat oder politisch. Wir haben hunderte Erfahrungsberichte bekommen, die wir teilweise auch veröffentlichen durften.

Fällt es vielen Frauen so schwer, darüber offen zu sprechen?

Ja, es gibt unglaublich viele Tabus. Es heißt oft „eine Geburt tut nun mal weh.“ Aus diesem Grund reden viele Frauen nicht darüber. Dabei ist eine gesunde Geburt eine sehr kraftvolle Erfahrung, aus der die Frauen positiv hervorgehen und nicht traumatisiert.

Welche Verbesserungen fordern sie?

Medizinische Eingriffe im Kreißsaal müssen abgesprochen oder wenigstens erklärt  werden. Im medizinischen Alltag im Umgang mit Patienten ist dies auch selbstverständlich. Bei vielen Entbindungen wird die Frau einfach nicht informiert, warum etwas mit ihr gemacht wird. Das kann zu Verunsicherung und Panik führen. Besonders bei Frauen mit Gewalt- oder Missbrauchserfahrungen.

Inwiefern?

Im Kreißsaal findet ein sehr intimes Ereignis statt.  Schon eine unangekündigte Berührung während des Geburtsvorgangs kann bei solchen Frauen ein erneutes Trauma auslösen. Deshalb raten wir Hebammen und Ärzten, dass jeder Handgriff besprochen werden sollte. Allein eine bessere Kommunikation kann Wunder bewirken.

Richtet sich ihre Kritik an das Krankenhaus-Personal?

Nicht pauschal. Es gibt auch Hebammen, die unser Anliegen unterstützen. Zu wenig Personal in den Krankenhäusern ist ein Problem. Viele Hebammen hetzen von Geburt zu Geburt. Stress und Routine können diesen schönen Tag in einen schlimme Erfahrung verwandeln. Deshalb haben wir uns auch an das Bundesgesundheitsministerium gewandt, um auf die Probleme aufmerksam zu machen.

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erstellt am 25.Nov.2016 | 20:45 Uhr

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