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Panorama

29. Juli 2016 | 21:47 Uhr

Streitbar : Der Krieg der Fußball-Götter

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Wie moderne Technik das Geschehen neben dem Rasen und vor den TV-Geräten verändert, analysiert Jan-Philipp Hein

Wochenende für Wochenende mutiert ein kultivierter, intelligenter und elegant gekleideter Mann fortgeschrittenen Alters in seiner Bremer Stammkneipe in der Nähe des Weserstadions zu einem pöbelnden Brüllaffen. Seine ganze Wut im seit vielen Jahren währenden Dauerabstiegskampf des SV Werder gilt allerdings nicht dem glücklosen Trainer Viktor Skripnik oder dem tollpatschigen Keeper Felix Wiedwald und auch sonst keinem Werderaner. Der hauptberufliche Jurist hat es stets auf den Schiedsrichter abgesehen. Die Beschimpfungsorgien des HB-Männchens wollen wir an dieser Stelle nicht vertiefen. Unterm Strich geht der hier beschriebene Sportfan davon aus, dass die Bremer Fußballer um die Champions League-Qualifikation mitspielen und nicht auf dem Relegationsplatz stehen würden, wenn nicht permanent die Referees alles verpfeifen würden. So ist Fußball halt. Wenn es nicht läuft, sind andere schuld. Natürlich nicht der bessere Gegner, sondern die Flasche mit der Pfeife, „dieses Astloch“. Zuschauer können sich diese Sicht aufs Geschehen auch gerne erhalten.

Doch diese wutbürgerliche Perspektive auf die Unparteiischen hat miefige Kneipen und den Fanblock im Stadion schon länger verlassen. Und da wird es bedenklich. Mittlerweile hat sich das Gefühl einer systematischen Benachteiligung durch Schiedsrichter bis in die Coaching-Zonen ausgebreitet. Während draußen im wahren Leben immer mehr Leute das Vertrauen in die Demokratie verlieren, gibt es die ersten Fußballfunktionäre, die den Schnellgerichten auf zwei Beinen das Schlimmste unterstellen. Schiedsrichter sind in den Fokus geraten. Noch nie wurde so viel und leidenschaftlich über die Götter in gelb, blau oder schwarz gestritten wie jetzt. Jürgen Klopps Ausraster sind bereits legendär, waren aber nur ein Auftakt.

Vergangenes Wochenende kochte die schon länger schwelende Schiri-Debatte in der Bundesliga über. Während eines Sonntagsspiels gegen Borussia Dortmund weigerte sich Bayer Leverkusens Trainer Roger Schmidt, einem Verweis auf die Tribüne nachzukommen. Nach heftigen Protesten des Trainers hatte Referee Felix Zwayer Schmidt dorthin verbannt. Doch der blieb einfach am Spielfeldrand stehen und stellte Zwayer damit vor eine schwierige Aufgabe. Der Unparteiische entschied sich, streng nach Regelwerk zu verfahren, was auf viele Zuschauer kleinkariert wirkte. So schickte Zwayer Leerkusens Ersatzkapitän Stefan Kießling mehrmals zum erbosten Schmidt. Der bestand jedoch darauf, dass Zwayer ihm höchstpersönlich darlegt, warum so entschied. Der Schiedsrichter hielt sich aber weiterhin streng ans Regelbuch und schickte wegen fortdauernder Verweigerung Schmidts beide Teams in die Kabinen. Die Partie wurde für fast zehn Minuten unterbrochen. Danach ging es weiter. Schmidt hatte doch noch ein Einsehen.

Nicht jedoch Bayers Sportchef Rudi Völler. Nach dem Spiel unterstellte er Zwayer in einem Interview eine Art Rachefoul an Bayer Leverkusen: „Er hat sich ja revanchiert“, sagte Völler dem Sender Sky. Nur wegen der Szene mit Schmidt, so kombinierte der ehemalige Teamchef der Nationalmannschaft vor der Kamera, habe Zwayer einen Elfmeter für Bayer nicht gepfiffen. „Na, dann gleicht sich ja wieder alles aus“, so Völler, der gar nicht bemerkte, dass er sich um Kopf und Kragen redete und die Galerie seiner peinlichen Interviews um ein weiteres Highlight bereicherte.

Schmidt und Völler sind für ihre groben Unsportlichkeiten vom DFB-Gericht drastisch bestraft worden. Der Trainer muss fünf Spiele auf der Tribüne verbringen, zwei davon werden bis Mitte 2017 zur Bewährung ausgesetzt. Obendrauf sind 20 000 Euro zu bezahlen. Sportchef Völler bekam 10 000 Euro aufgebrummt. Von einem Interviewverbot war leider nichts zu hören.

Auf dem Fußballplatz verwandeln sich Schiedsrichter zu unumschränkten Herrschern. Die Absolutisten werden zu Polizist, Staatsanwalt und Richter in einer Person. Wer sich auf das Fußballspielen einlässt, hat der Aufhebung der Gewaltenteilung für mindestens zweimal 90 Minuten zugestimmt und seine bürgerlichen Rechte abgegeben. Spieler, Manager oder Trainer, die das nicht kapieren, sind ein echtes Problem. Denn was in Bundesligastadien vorgemacht wird, spielen die Kicker in den Amateurklassen eine Woche drauf einfach nach. „Das schlägt bruchlos nach unten durch“, sagt Alex Feuerherdt, der schon diversen „Mini-Klopps“ und „Mini-Tuchels“ an der Seitenlinie beim Nacheifern ihrer Idole zusehen musste.

Der Kölner Feuerherdt ist Schiedsrichterbeobachter und hat lange selbst Partien bis in die Oberliga geleitet. Mittlerweile tritt er als Experte bei n-tv und im Schiedsrichterpodcast „Collinas Erben“ auf. Wenn man sich mit Feuerherdt unterhält, dämmert einem, wie wichtig es war, dass Zwayer nicht persönlich bei Roger Schmidt auftauchte und ihm darlegte, warum er des Innenraumes verwiesen wurde. Feuerherdt: „Alles andere wäre fatal gewesen. Jeder Trainer im Amateurbereich würde dann für Entscheidungen Erklärungen verlangen.“ Die Absolutisten mit den Karten müssen das jedoch nicht tun. Ihr Wort ist Gesetz. Nur noch der Papst verfügt über eine ähnliche Stellung auf Erden.

Der Papst hat jedoch den Vorteil, dass nicht dauernd versucht wird, seine Unfehlbarkeit anzuzweifeln. Dass „Urbi et orbi“ wird ja auch nicht in Zeitlupe wiederholt. Denn dass die Kritik an Schiedsrichtern immer heftiger wird, liegt nicht daran, dass diese blinder und langsamer geworden sind. In den Stadien ist stattdessen in den vergangenen Jahren massiv aufgerüstet worden. Jede Szene liegt in unzähligen Kameraperspektiven vor, jede Berührung einer Zehenspitze kann in Zeitlupe und Superzeitlupe wiederholt werden. Schiedsrichtern bleiben nur Bruchteile von Sekunden, Wiederholungen stehen ihnen nicht zur Verfügung, der Videobeweis wird aus guten Gründen nicht eingeführt. Was heute jeder angetrunkene Kneipenbesucher auf einem hochauflösenden Bildschirm als hauchdünne Abseitsstellung sofort in der Zeitlupe erkennen kann, wäre vor ein paar Jahren keinem aufgefallen.

Und weil sich Fehlentscheidungen oder deren Sichtbarkeit deshalb zwangsläufig häufen, geben die Vereinsdiven nun logischerweise auch immer öfter die verfolgte Unschuld. Man kennt das ja bereits von den Kinoeinlagen gefoulter Stars, die sich mit schmerzverzerrten Gesichtszügen am Boden wälzen, um nach einer Spontanheilung rund 30 Sekunden später den nächsten Angreifer abzugrätschen. Fußball ist eben – das ist wieder eine Parallele zur katholischen Kirche – auch Show. Nur hat das Schiedsrichtergespann darin nichts verloren. Beim Boxen käme auch kein Kämpfer auf die Idee, den Ringrichter zu attackieren oder seine Anweisungen zu ignorieren. Deshalb bleiben die Jungs steif und kleinkariert. Und deshalb sind harte Strafen für diejenigen, die das nicht verstehen wollen, völlig richtig. Eine gute Erkenntnis verbirgt sich im Dauergenörgel über die Schiedsrichter jedoch auch. Dass die Deutschen sich nach autoritärer Führung sehnen, kann man aus ihr nun wirklich nicht ableiten.

Linkempfehlung „Collinas Erben“ http://fokus-fussball.de/category/collinaserben


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erstellt am 27.Feb.2016 | 16:00 Uhr

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