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Panorama

11. Dezember 2016 | 07:08 Uhr

Umweltschäden : Der Fluch der Ananas

vom
Aus der Onlineredaktion

In Costa Rica hat die Ananas mittlerweile als Exportgut Nummer eins Banane und Kaffee den Rang abgelaufen. Doch die unsachgemäße Entsorgung der riesigen Mengen von organischem Abfall beim Anbau ruiniert Bauern und Viehzüchter in dem Land, das sich gern als Ökoparadies bezeichnet.

Costa Rica ist heute der größte Exporteur von frischer Ananas in der Welt (2015 Ausfuhr im Wert von 807 Millionen US-Dollar). Hauptabnehmer sind die EU mit 45 Prozent und die USA/Kanada mit 49 Prozent. In der EU ist Deutschland der größte Importeur. Der erste multinationale Konzern, der in Costa Rica im großen Stil Ananas als Monokultur anbaute, war Del Monte. Weitere große Produzenten sind die US-Giganten Chiquita und Dole.

Heute kultivieren 31 meist multinationale Unternehmen auf etwa 60  000 Hektar diese Frucht – mit immer noch steigender Tendenz. War die Ananas-Produktion früher nur im Süden Costa Ricas angesiedelt, so sind in den letzten Jahren auch große Monokulturen im Norden und in der Karibikregion entstanden. Die Ananas ist eine bis zu 1,2 Meter hoch wachsende Staude aus der Familie der Bromeliengewächse, mit bis zu einem Meter langen, meist stachelig gezähnten, harten Blättern. Bei der Ernte wird die ganze Staude abgeschnitten und die Frucht von ihr getrennt. Somit entstehen riesige Mengen von organischem Abfall. In dem feuchtheißen Klima ist der vor sich hinfaulende organische Abfall die ideale Brutstätte für die Stechmücke Stomoxys Calcitrans, eine äußerst aggressive Mücke, die sich so millionenfach vermehren kann und sehr große Schäden anrichtet. Mücken in unseren Breitengraden entnehmen ihren Opfern in drei bis fünf Sekunden das Blut – die dortige Art saugt bis zu mehreren Minuten.


Ein verheerender Kreislauf


Riesige Mückenschwärme fallen über das Vieh der angrenzenden Viehfarmen und kleinen Fincas her und bedrohen so deren Existenz. Man sieht total zerstochene Rinder mit blutigen Wundmalen, die sich zum Teil entzünden. Durch die unsagbare Qual zeigen die Tiere ein permanentes, nervöses Abwehrverhalten. Es kommt zu keiner regelmäßigen Nahrungsaufnahme mehr. Die Milchproduktion lässt nach, Kälber gehen ein, Fleischrinder nehmen ab.

Eigentlich müssten die Plantagenbesitzer die Stauden nach der Ernte zerkleinern und unterpflügen, so schreibt es das Gesetz vor. Doch die Kontrolleure vom Agrarministerium werden häufig mit einer „Zuwendung“ gnädig gestimmt, sodass sie ihrer Aufgabe nicht nachgehen. Da der lehmig-tonartige Boden knochenhart ist, wäre die fachgerechte Entsorgung für die Produzenten mit großen Kosten verbunden. Und schließlich gibt die Ananaswirtschaft 27  000 Menschen Beschäftigung und bringt dringend benötigte Devisen ins Land. Deshalb bildet die Organisation der Ananasproduzenten CANAPEP eine mächtige Lobby im Land.

Viele Ananaspflanzer behandeln die organischen Abfälle mit einem chemischen Entlaubungsmittel, um den Stechmücken den Nährboden für die Eiablage zu entziehen. Doch die unsachgemäße Anwendung kann zu schweren gesundheitlichen Schäden führen.

Der einzige Politiker in Costa Rica, der sich ernsthaft bemüht, gegen diese Mückenplage und die dadurch verursachten immensen Schäden für die Viehzüchter und Kleinbauern anzugehen, ist der ehemalige Parlamentsabgeordnete Manrique Oviedo der PAC-Partei, ein Veterinär. Letztendlich steht er aber auf verlorenem Posten und es gelingt ihm nicht, diese korrupten Strukturen zu durchbrechen. Er ist der Ansicht, dass Druck auf die nicht nachhaltig produzierenden Konzerne nur über den Verbraucher ausgeübt werden kann.


Gütesiegel mit wenig Relevanz


In einer Fabrik kleben die Siegel der Zertifizierungsinstitute Rainforest Alliance und GlobalGab auf den Kisten für den Export. Doch wenn man die Anbaumethoden in Augenschein nimmt, kommt man zu der Erkenntnis, dass die Zertifizierer äußerst nachlässig mit ihrem Gütesiegel umgehen. Ein Insider: „Sie werden zum Teil von den Multis mitfinanziert und stecken so mit ihnen unter einer Decke.“ Beim Ombudsmann im Parlament stapeln sich die Klagen von Bürgern, die unter der Mückenplage leiden. Zudem haben sich mehr als 100 Milchbauern und Rinderzüchter zusammengetan, um die 19 größten Ananasproduzenten im Land auf 26 Millionen Dollar Entschädigung zu verklagen. Die Landwirte wollen, dass sie ihr Gütesiegel verlieren. Doch die Chancen sind gering. Die Bauern haben nur einen Anwalt, die Ananaszüchter Dutzende.


Nicht nur auf Zertifikate verlassen


Die großen deutschen Supermarktketten betonen immer wieder, wie viel Wert sie auf nachhaltigen Anbau legen, verlassen sich aber wohl einzig und allein auf die Überprüfung der Anbaumethoden durch die Zertifizierungsinstitute. Dabei gibt es sehr wohl einige kleinere Ananas-Kooperativen, die alle costaricanischen Umweltgesetze einhalten. Doch wie soll der deutsche Verbraucher erkennen, wer nachhaltig produziert und wer nicht, wenn nahezu alle Früchte mit irgendeinem Gütesiegel versehen sind? Die deutschen Importeure sollten sich nicht einzig und allein auf die Zertifizierung verlassen, sondern wären gut beraten, auch selbst vor Ort die Anbaumethoden in Augenschein zu nehmen.

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