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Panorama

07. Dezember 2016 | 11:33 Uhr

Fragen & Antworten : Das Lebensversicherungs-Dilemma

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Axel Kleinlein, Vorstand des Bundes der Versicherten, zu Unternehmen, die Kunden aus lukrativen Altverträgen drängen

Lebensversicherer versuchen verstärkt, ihre Kunden aus lukrativen Altverträgen zu drängen. Darüber sprach Tobias Schmidt mit Axel Kleinlein, Vorstandssprecher des Bundes der Versicherten.

Was steckt hinter diesen Versuchen der Lebensversicherer?

Kleinlein: Es geht um klassische Verträge mit relativ hohen Garantiezinsen, in denen auf den Sparbetrag bis zu vier Prozent gewährt werden. Den Kunden wird in Anschreiben entweder ans Herz gelegt, in einen anderen Tarif mit niedrigeren Zinsen zu wechseln, und jetzt verstärkt sogar, den Vertrag ganz zu kündigen. Man lockt die Kunden mit Hinweisen, sie könnten sich durch die Auszahlung Wünsche erfüllen, die sie angeblich hätten. Ziel der Versicherungen ist es natürlich, diese Verträge loszuwerden, um von ihren Zinsverpflichtungen runter zu kommen.

In welchem Ausmaß treten die Unternehmen hier an die Kunden heran?

Eine exakte Übersicht haben wir noch nicht, aber immer mehr unserer 50 000 Mitglieder wenden sich mit Fragen an uns, weil sie angeschrieben worden sind. Besonders in Erscheinung getreten sind die Unternehmen Neue Leben und Gothaer. Die Versicherungen haben offenkundig den 31. 12. des Jahres im Blick, wenn die Bilanzen abgeschlossen werden müssen. Davor wollen sie möglichst viele Zinsverpflichtungen loswerden, denn die kosten richtig Geld, weil der Gesetzgeber dafür Reserven verlangt. Und je höher der garantierte Zins, desto dicker müssen die Polster sein.

Die Versicherer führen die Kunden gezielt hinters Licht, um sie um Vorteile zu bringen?

Die Versicherungswirtschaft verabschiedet sich gerade von ihrem Kerngeschäft. Sie gibt auf. Die Kunden werden als reine Manövriermasse angesehen. Vertragstreue spielt keine Rolle mehr. Was wir hier erleben, ist der Niedergang einer Branche. Fair wurden die Kunden von den Versicherungen noch nie behandelt. Aber das Vorgehen jetzt zeigt die Fratze des legalen Betrugs!

Was sollten die Kunden tun, die solche Briefe bekommen?

Ganz nüchtern prüfen, was die richtige Entscheidung ist – Kündigung, Beitragsfreistellung oder Fortsetzung. Für diejenigen, die eine Garantieverzinsung von 3,25 Prozent oder mehr haben, ist eine Kündigung in der Regel völlig uninteressant, wenn man nicht ganz dringend Geld braucht. Vorsicht auch vor dem Lockangebot der Versicherer, bei einer Kündigung auf Stornogebühren zu verzichten: In den meisten Fällen dürfte der Versicherer überhaupt keine Stornoabzüge kassieren.

Und wenn jemand Schwierigkeiten mit den Raten hat, das Geld dringend gebrauchenkann?

Dann kann es durchaus sinnvoll sein, zu kündigen und sich das Geld auszahlen zu lassen – etwa wenn man Kredite zurückzahlen muss, bei denen höhere Zinsen anfallen. Ein Ausstieg aus der Versicherung ist ansonsten nur anzuraten, wenn man mit dem Geld durch eine andere Anlage einen höheren Zins erzielen kann. Das sollte man sich genau überlegen.

Ist es heute noch angebracht, eine neue Lebensversicherung abzuschließen?

Die Lebensversicherung war noch nie ein vernünftiges Produkt, sondern von jeher legaler Betrug. Den Kunden wurden immer recht geringe Werte garantiert und hohe Kosten in Rechnung gestellt. An den Überschüssen sind die Kunden nie fair beteiligt worden. Und der Gesetzgeber hat das immer wieder aufs Neue unterstützt, den Anbietern ermöglicht, die Gewinnbeteiligung kleinzurechnen.


Stehen manche Versicherungen durch die niedrigen Zinsen derzeit womöglich vor dem Kollaps – und Kunden könnten ihre Ansprüche dadurch verlieren?

Wir sehen kein Unternehmen, bei dem diese Gefahr gegeben ist. Aber wir beobachten sehr genau, was in der Branche vorgeht.


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