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Panorama

25. Juli 2016 | 04:22 Uhr

Streitbar : Bevor ein Tablet in die Schule kommt

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Gut gemeintes kommt in Deutschland nicht immer gut an, besonders Pilotprojekte werden rasch zu Spielbällen ideologischer Blöcke, analysiert Jan-Philipp Hein.

Dass ich mir den Namen Spitzer merken muss, wurde mir irgendwann mal beim Wegdämmern bewusst. Beim Versuch, über einer Podcastfolge einzuschlafen, drang der doppelt promovierte (Medizin und Philosophie) und immerhin noch einfach habilitierte Psychiater an und in meine Ohren. Sein unbedingter Wille, der Moderne im Weg zu stehen und das Unaufhaltsame wenigstens noch etwas zu verzögern, beeindruckte mich damals sehr. Spitzer schimpfte, zeterte und maulte über Google, Wikipedia und das Internet im Allgemeinen. Wir würden alle total verblöden und behämmert wegen der ganzen Technik um uns herum. Am schlimmsten sei jedoch, dass auch Schüler im Unterricht an die neuen Medien herangeführt würden, die ja irgendwie so neu nun auch gar nicht mehr sind.

Jetzt ist er wieder da, dieser Manfred Spitzer, Leiter der Psychiatrischen Universitätsklinik Ulm und Autor von Büchern wie „Digitale Demenz“ oder „Vorsicht Bildschirm“ heißen. Bei Spitzer ist immer kurz vor Untergang. Und jetzt ist Spitzer Nebendarsteller einer skurrilen Aufführung, die gerade in Hamburg gegeben wird. Auftakt des Zweiakters war Ende November: „Hamburg legt Pläne für W-Lan an Schulen auf Eis“ lautete die Überschrift eines Berichts. Demnach hatte der parteilose Bürgerschaftsabgeordnete Walter Scheuerl mit zwei kleinen Anfragen ein lange geplantes Projekt der Bildungsbehörde erfolgreich torpediert. Schulsenator Ties Rabe wollte an sechs Schulen Tafeln, Schulbücher, Hefte und Stifte durch Laptops und Tablets ersetzen. Scheuerl problematisierte, dass das kabellose Netzwerk in hoher Mikrowellenfrequenz Daten übertrage und die Schüler so schädige.

Auch diesen Spitzer, den ich noch vom Einschlafen kannte, fuhr Scheuerl als Kronzeugen immer mal wieder auf. Die Behörde machte schließlich einen Salto rückwärts und wollte nochmal ein paar Prüfungen unternehmen.

Kurz darauf, wird sind im zweiten und letzten Akt, dann diese Überschrift: „Pilotprojekt mit Laptops geht in Hamburg doch an den Start“. Jetzt zeigte sich die Behörde auf einmal besorgt darüber, dass eine kleine Initiative außerhalb der Schule ein Verbot von W-Lan an Schulen durchsetzen wolle. Es sei doch absurd, wenn Schülerinnen und Schüler zu Hause, in Cafés und im öffentlichen Raum selbstverständlich W-Lan nutzen und ausgerechnet Schulen von dieser modernen Technik ausgeschlossen wären, argumentierte die Behörde, die zuvor noch die Notbremse zog.

Die Entscheidung ist zwar völlig richtig und logisch. Betrachtet man allerdings andere Entscheidungen von Behörden und Parlamenten, müssten eigentlich doch alle drahtlosen Netzwerke an Schulen abgeschaltet werden. So rufen Kommunen und Städte landauf und landab „gentechnikfreie Zonen“ aus. Begründung: Die Langzeitfolgen von Lebens- und Futtermitteln, die gentechnisch behandelt sind, wären nicht ausreichend erforscht. Zwar gibt es nicht den Hauch eines Hinweis' darauf, dass vom Verzehr einer gentechnisch erzeugten Pflanze irgendwer krank werden könnte. Doch wer hier warnt und mahnt gilt als umsichtig, vorsichtig und weise.

Greenpeace & Co. wachen sogar darüber, dass weltweit keine Gentechnik zum Einsatz kommt. Städte und Kommunen, die sich als „gentechnikfrei“ bezeichnen, teilen diese Ängste offenbar. Gentechnik ist den Deutschen nicht geheuer.

Nur: Logischerweise müssten dann auch Tablets, Mobiltelefone und Computer ab sofort nicht mehr zum Einsatz kommen dürfen. Tablet-Kritiker Scheuerl argumentiert schließlich auch damit, dass die Langzweitwirkungen der W-Lan-Strahlung nicht ausreichend erforscht seien, um eine abschließende Risikobewertung vornehmen zu können. Bei ihm gilt das jedoch nicht als weise, umsichtig und vorsichtig, sondern als verbohrt, vernagelt und ewig-gestrig. Warum eigentlich?

Auch Scheuerls Kronzeuge Spitzer will Computer, selbst wenn sie per Kabel ins Internet gehen, deshalb von Schülern fernhalten, weil er schwerste Nachteile für die Entwicklung des Gehirns vermutet, wenn man sie zum Lernen nutzt. Ich vermute mal stark, dass das genauso blödsinnig ist, wie die Angst vor Gentechnik. Klar: Spitzer hat sich über die Jahre den Ruf des konservativen Knochens erarbeitet.

So sehen ihn vermutlich auch solche, die jubeln, wenn Greenpeace mal wieder ein Feld mit Genpflanzen zerstört hat. Was deren Geisteshaltung von Spitzer unterscheidet, verstehe ich allerdings nicht. Und was bei diesen Leuten im Kopf los ist, die eigene Bigotterie so konsequent ignorieren zu können und sich selbst dabei auch noch für aufgeklärt und fortschrittlich zu halten, ist mir ein ganz gewaltiges Rätsel.

Logisch ist das alles nicht, weshalb ich den etwas plumpen und lärmenden Professor, Doktor, Doktor Spitzer schon mal auf einer witzigen Mission wähnte. Vielleicht, so dachte ich, will er mit seinen steilen Thesen nur die Absurdität der Gentechnik-Feinde aufzeigen. Falls ja: Spitzer, Sie sind durchschaut!

Die Frage, welche Zivilisationsängste wir pflegen und welche vermeintlichen oder tatsächlichen Gefahren wir ignorieren, ist spannend. Kürzlich brach gegen Mittag das Internet zusammen. Per Eilmeldung ging die Kunde von einem „Atom-Unfall“ in der Ukraine um. Kurz darauf entpuppte sich der „Gau-Alarm“, „Super-Gau“ und was sonst noch so gemeldet wurde, als harmloser und zwei Tage alter Zwischenfall im nicht-nuklearen Teil des Atomkraftwerks Saporoschje, dem leistungsstärksten Europas.

Kleine Anmerkung am Rande: Steffi Lemke, bekannt als Zuschlägerin der Grünen in den Berliner Runden nach Landtagswahlen, schien fast etwas enttäuscht darüber, dass nicht mehr los war am ukrainischen Meiler – immerhin verdanken die Grünen dem Fukushima-Unfall den ersten und bisher einzigen Ministerpräsidenten ihrer Geschichte: „Warum weist Jazenjuk eine Pressekonferenz an, wenn ein Generator ein technisches Problem hat?“ fragte sie via Twitter. Wenn in Deutschland eine verkalkte Kaffeemaschine beim Pförtner eines Atomkraftwerks der Öffentlichkeit verschwiegen würde, wären die Grünen freilich die Ersten, die Vertuschung und Gemauschel anklagen würden.

In den Minuten der Unklarheit wurden Erinnerungen an Fukushima wach. Damals, im Frühjahr 2011, kannte die Hysterie in Deutschland keine Grenzen mehr. Tiefkühlfisch, der Wochen vor dem GAU gefangen und gekauft wurde, wanderte in deutsche Hausmülltonnen. Aus Angst wurde im Schweinsgalopp der Atomausstieg beschlossen und sofort in Angriff genommen. Wer heute darauf hinweist, dass die Atomkraft im weltweiten Vergleich die wenigsten Todesopfer pro erzeugter Kilowattstunde Strom gefordert hat und dass der Atomausstieg nicht ganz wenig Probleme nach sich gezogen hat, wird dennoch sofort als eiskalter Zyniker abgefertigt. Die Strahlenangst ist uns so heilig wie die Angst vor Gentechnik.

Warum? Vielleicht ist alles ganz einfach. Strom kommt aus der Steckdose und mit Pflanzenschädlingen müssen sich Landwirte rumschlagen. Die fertigen Lebensmittel stehen schließlich im Bio-Supermarkt. Landwirt ist jedenfalls kein Bewohner der großstädtischen Angst- und Meinungsmachermilieus. So ein drahtloses Netzwerk und ein iPhone sind hingegen sehr praktisch und nur schwer verzichtbar.

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