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Meinung

08. Dezember 2016 | 05:03 Uhr

STREITBAR : Nur noch kurz die Welt retten

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Nichtregierungsorganisationen genießen quasi pro Status uneingeschränktes Vertrauen und vertreten doch durchaus eigene Interessen.

Vor ein paar Tagen, es war Ende Dezember, war Foodwatch mal wieder in aller Munde. Die sich selbst als „Essensretter“ bezeichnenden „Verbraucherschützer“ warfen ihre oft erprobte PR-Maschine an und ließen die Redaktionen wissen, dass die böse, böse, wirklich abgrundtief böse Industrie uns alle mal wieder nach Strich und Faden verarschen würde.

„Foodwatch entlarvt legale Täuschung mit Gesundheitswerbung bei Danone, Unilever und Co.“ war die Pressemitteilung überschrieben. Kurz darauf brachten Online-Portale, Zeitungen, Radiosender und Fernsehnachrichten die Foodwatch-„Enthüllung“, oft ohne auch nur einen Hauch von Distanz zum Absender. Ein Facebook-Freund von mir witzelte, dass ihm gar nicht klar gewesen sei, dass Foodwatch eine eigenständige Organisation sei. Er habe „Foodwatch“ für den Namen einer Rubrik von „Spiegel Online“ gehalten.


Grenzenloses Vertrauen


Sogenannte Nichtregierungsorganisationen (NGOs) genießen bei uns Journalisten in vielen Fällen ein beinahe grenzenloses Vertrauen. Greenpeace, der BUND, der NABU, Attac, die Friedensbewegung, Amnesty, die „Internationalen Ärzte zur Verhinderung des Atomkriegs“, Human Rights Watch, PETA oder wie sie sonst alle heißen haben extrem kurze Drähte zu den Medien.

Sie retten die Welt, die Tiere, die Umwelt, beschützen uns vor den finsteren Machenschaften der Kapitalisten und haben selbstverständlich nie, nie, nie eigene Interessen, die es zu hinterfragen gelten könnte. Verstanden?!


Medienphänomen


Neulich unterhielt ich mich mit dem Kommunikationswissenschaftler Hans Mathias Kepplinger von der Universität Mainz über das Phänomen, dass meine Branche so auf Verlautbarungen dieser Organisationen abfährt. Der sagte: „Dass NGOs Eigeninteressen vertreten, übersehen Journalisten häufig, weil sie mit deren Zielen sympathisieren.“ Leuchtet ein, oder? Mehrere Studien kamen bereits zu dem Schluss, dass Journalisten besonders oft eine Affinität zu den Grünen habe. Zu den unzähligen Umwelt-NGOs ist es da nicht mehr weit.


Gute Lobbyisten


Doch eigentlich sind NGOs nichts anderes als Lobby-Buden wie etwa auch die großen Unternehmerverbände. Dass die regelmäßig Kontakt zu Abgeordneten, Ministern und Staatssekretären haben, gilt vielen als Skandal. Wenn eine Naturschutzorganisation in einer Ausschussanhörung ihren Senf zu irgendwelchen Grenzwerten abgeben will, stört das hingegen keine Sau.

Um mich nicht mit fremden und originellen Gedanken zu schmücken, zitiere ich noch einmal aus meinem Gespräch mit Medienforscher Kepplinger: „Die (Anm. d. Red: NGOs) verfolgen oft vor allem ihre eigenen Interessen. Ein Industrieverband steht dagegen auch für Millionen Arbeitsplätze. Da geht es wirklich um das Gemeinwohl.“


Klares Eigeninteresse


Was könnte das Eigeninteresse einer NGO sein? Nun: Zunächst einmal, sich selbst am Leben zu halten. Und dafür muss das Elend da draußen in der Welt zwingend gigantisch sein. Das ist aber nicht immer der Fall. Also muss man sich behelfen und die Lage dramatisieren. Sehen wir uns also noch einmal kurz die Überschrift der eingangs erwähnten Pressemitteilung von Foodwatch an: Eine „legale Täuschung“ mit Gesundheitswerbung hätten die Robin Hoods der Fresswaren-Verbraucher „entlarvt“. Heißt im Klartext: Danone, Unilverer & Co. halten sich an Recht und Gesetz.

Es scheint vieles sehr gut zu laufen in der Lebensmittelbranche, wenn „legale Täuschungen“ zum Ereignis aufgeblasen werden. Eigentlich sieht so ein klassischer Rohrkrepierer aus. Nicht jedoch, wenn er durch die Foodwatch-Mühle läuft und auf begeisterte Abnehmer in den Redaktionen trifft.

Da kann der Präsident des Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), Andreas Hensel, noch so oft sagen, dass aus wissenschaftlicher Sicht Lebensmittel in Deutschland noch nie so sicher wie heute gewesen seien. Kurz nach ihrer sensationellen Enthüllung drehten die „Essensretter“ schon wieder auf: „Lebensmittelüberwachung versagt“ hieß es und dazu „Foodwatch fordert Neuausrichtung der Lebensmittelüberw achung“. Klagen und Fordern, das können sie bei Foodwatch besonders gut.


Warnung vor den Warnern


Vor Jahren schrieb ich mal über einen Fall, der unter normalen Umständen die Mahner und Warner vor dem Lobbyismus auf die Palme hätte bringen müssen. Der Präsident eines Vereins, dessen Mitglieder auch Unternehmen sind, hat als Mitglied des Deutschen Bundestages wesentlich an einem Gesetz mitgewirkt, von dem genau diese Firmen profitieren – bis heute. Es ging um den 2010 verstorbenen Sozialdemokraten Hermann Scheer.

Scheer war ein glühender Verfechter dessen, was mittlerweile „Energiewende“ heißt und gilt als Vater des Erneuerbare-Energien-Gesetz EEG, das den Erbauern und Betreibern von Windrädern, Solaranlagen, Biogasreaktoren und anderen Renewables feste Einspeisevergütungen garantiert.

Der Verein, dessen Präsident Scheer war, heißt „Eurosolar“ und seine Mitglieder hatten und haben ein Interesse an genau dieser Förderung. Stellen Sie sich an dieser Stelle einfach kurz vor, was los wäre, wenn der amtierende Präsident einer Vereinigung der Pillenhersteller im Parlament als Abgeordneter erfolgreich für eine deutlich höhere Bezahlung von Pharmazeutika aus öffentlichen Kassen durch die Allgemeinheit kämpft und ein passendes Gesetz dazu schreibt. Doch dass Scheer ein Lobbyist gewesen sei, hat niemand so gesehen. Die als gut geltende Sache, Deutschland vom Atomstrom zu befreien, heiligt offenbar die Mittel. So fragte ich damals den Verein „Lobbycontrol“, was man denn so von der Konstellation halte.


Lesen und staunen


Eine Dame aus dem Vorstand antwortete mir: „Wir konzentrieren uns auf Fälle, wo ein Machtgefälle eine Rolle spielt.“ Und so ein kleiner Laden, wie Scheers Eurosolar, der habe schließlich keine Macht im Gegensatz zu großen Konzernen. Ich fragte dann explizit nach, ob es nicht spätestens dann höchst problematisch sei, wenn ein solcher Verein seinen eigenen Abgeordneten im Parlament habe und ob nicht genau das Macht sei. Lobbycontrol: „Interessenvertretung gehört zur Demokratie.“ Diese Sätze werden sie sich beim Dachverband der Autoindustrie eingerahmt haben.


Akt des Widerstandes


Dass der Lobbyismus der NGOs im Gegensatz zum Lobbyismus von Unternehmen mit Heiligenschein daherkommt und auch so wahrgenommen wird, hat mit Ressentiment zu tun. Der antikapitalistische Affekt funktioniert immer und wird von den Mahnern und Warnern virtuos bedient. Während wir immer älter werden, die Gewässer immer sauberer, die Luft immer besser, während es in diesem Land unter normalen Umständen unmöglich ist, in einen Zustand ernährungsbedingten Mangels zu geraten, erzählen uns Greenpeace & Co. das glatte Gegenteil. Für sie und ihr Geschäftsmodell, das ihnen ihre Existenz sichert, ist es stets kurz vor 12 und der ganze Laden dem Untergang geweiht. Es interessiert sie nicht, dass bis heute keine einzige Studie ergeben hat, dass Gentechnik gefährlich ist. Warum auch? Wenn mal wieder ein Versuchsfeld mit Genpflanzen zerstört wird, sieht das kaum einer als kriminellen Akt, sondern als heroische Tat des Widerstands.

 


Was ist gefährlicher?


Das ist das Ergebnis, wenn Ressentiments ungestört gedeihen können. Und die sind mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit gefährlicher als jede Genpflanze.

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erstellt am 05.Jan.2014 | 10:00 Uhr

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