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Leute

29. März 2017 | 01:31 Uhr

Interview Peter Wohlleben : Wohlleben im Wald

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Der Bestsellerautor und Förster Peter Wohlleben kämpft für einen Ausgleich zwischen Mensch und Natur.

Peter Wohlleben ist Deutschlands berühmtester Förster. Sein berufliches Zuhause ist der Wald der kleinen Gemeinde Hümmel in der Eifel, die Arbeit mit Bäumen sein Leben. Ihnen hat er mit seinem Bestseller „Das geheime Leben der Bäume“ ein Denkmal gesetzt. Sein Plädoyer, Tiere und Pflanzen als fühlende Wesen wahrzunehmen, stößt auch auf Kritik. Den Förster ficht das aber nicht an.

Herr Wohlleben, haben Sie in Ihrem Forst schon einen Weihnachtsbaum für Ihr Wohnzimmer ausgesucht?

Nein. Die Fichten, die ich dort eigentlich gerne loswerden möchte, nadeln nämlich sehr, zum Ärger meiner Frau schon nach wenigen Tagen. Deshalb wird in diesem Jahr der Weihnachtsbaum gekauft. Und zwar soll es eine echte Tanne sein, die nicht nadelt, und keine Fichte aus dem Revier.

Ihr Verhältnis zu Fichten ist ja ohnehin etwas gestört …

Das kommt darauf an: Unseren Urlaub verbringen meine Frau und ich oft in Lappland. Da ist die Fichte zu Hause, und es gibt dort ganz tolle Fichten-Urwälder. Bei uns aber sind Laub-Urwälder heimisch. Und weil sie hier einfach nicht hingehören, stehen in Deutschland die Fichten in Plantagen. Insofern würde ich gerne eine Fichte nehmen und so in meinem Forst mehr Platz für Laubbäume schaffen.

Nach der Lektüre Ihres Buches „Das geheime Leben der Bäume“ hätte man auch denken können, dass Sie grundsätzlich was gegen die Tradition des Weihnachtsbaumes haben …

Nein. Mir geht es immer um Ausgewogenheit. Wenn man den Wald nutzt, sollte das möglichst schonend passieren. Das heißt, es muss genügend Fläche übrig bleiben, sodass sich der Wald auch natürlich entwickeln kann. Wir Menschen sind Bestandteil der Natur. Wir müssen sie ja nicht bis zum Letzten ausschöpfen.

Ihr Engagement hat Ihnen den Titel „Rebell des Waldes“ eingebracht ...

Aber ein Radikaler, der etwa die Menschheit als Krebsgeschwür der Erde bezeichnet, bin ich deshalb noch lange nicht. Solche Sprüche finde ich sogar ganz schrecklich. Wir Menschen sollten nur kompromissbereiter sein, als wir es derzeit sind. Das gilt für die Forstwirtschaft genauso wie für den biologischen Anbau.

Ihre beiden letzten Bücher sind ein Plädoyer, Tiere und Pflanzen als fühlende Lebewesen zu behandeln und wertzuschätzen. Im Fall von Tieren ist das für viele Menschen sicher noch nachvollziehbar. Bei Pflanzen, konkret geht es ja in Ihrem Buch um Bäume, dürfte das schwerer fallen. Wie also fühlen Bäume?

Das machen sie mit ihren Wurzelspitzen, in denen gehirnähnliche Strukturen sind. Bei Pflanzen laufen solche Prozesse aber natürlich viel, viel langsamer ab als bei den meisten Tieren. Deshalb sind sie für uns auch so schwer zu verstehen.


Geben Sie mal ein Beispiel ...

Bäume kümmern sich zum Beispiel aktiv um ihren Nachwuchs. Mutterbäume können über Wurzelverwachsungen ihre Kinder versorgen. Neueste Forschungsergebnisse zeigen sogar, dass die Mutterbäume ihre eigenen Sämlinge unter anderen erkennen können. Und dass die Bäume miteinander kommunizieren, weiß die Forschung schon seit den 70er Jahren.

Was die Fähigkeit zu fühlen angeht, machen Sie zwischen Tieren und Pflanzen keinen großen Unterschied. Und wo bleibt da der Mensch?

Ebenso wie Tiere und Pflanzen sind wir ja Teil der Natur. Wenn wir möchten, können wir uns als Art aber natürlich wichtiger nehmen. Das macht jede andere Art ja vermutlich auch. Die wesentliche Frage ist aber, funktionieren wir wirklich so einzigartig anders? Ist es wirklich gerechtfertigt, Tieren und Pflanzen ein Gefühlsleben abzusprechen und sie als Bioroboter zu betrachten? Und da sage ich: Das wird weder den Tieren noch den Pflanzen und auch nicht den Menschen gerecht.

Für welches Buch haben Sie eigentlich mehr Prügel bezogen: Für das über die Bäume oder für „Das Seelenleben der Tiere“?

Interessanterweise für mein Buch über die Bäume: Das hängt wohl damit zusammen, dass die Menschen nach der Lektüre des Buches anfingen, Fragen zu stellen. Zum Beispiel, ob es nicht besser sei, Forstwirtschaft schonender zu betreiben, als das bisher Praxis ist. Das hat Teile der Forstwirtschaft offenbar sehr unter Druck gesetzt. Hinzu kam natürlich auch, dass ich als ehemaliger Förster im Staatsdienst ja eigentlich einmal dazugehört habe. Da wird man dann schnell zum Nestbeschmutzer abgestempelt.

Sie hatten vor einigen Jahren ein Burn-out. Waren die Anfeindungen der Auslöser?

Ja, sagen wir mal, es war eine Mischung. Es ist ja nicht einfach, sich gegen Lobbyismus aus Forst und Jagd durchzusetzen. Das habe ich am eigenen Leib auch in meinem direkten Umfeld zu spüren bekommen. Das war sehr, sehr schwer. Andererseits wollte ich schon als kleines Kind Naturschützer werden und hatte viele große Ziele. Ich wollte möglichst schnell viel mehr erreichen, als in meinen Kräften stand. Ich habe mich selbst völlig überfordert.

Wie sind Sie zu dieser Einsicht gekommen?

Mir ist auch mit psychotherapeutischer Hilfe klar geworden, dass ich nicht alles und sofort ändern kann. Ich habe gelernt, mit dem zufrieden zu sein, was ich im Rahmen meiner Kräfte erreichen kann. Und dass ich es auch ertragen muss, wenn Dinge einmal schlecht laufen, ohne daran gleich zu verzweifeln.

In Ihrem Buch über die Gefühle der Tiere kritisieren sie Wildfütterungen im Winter, wie sie ja vor allem Jäger durchführen. Was stört Sie daran?

Normalerweise reguliert der Winter die großen Bestände der Pflanzenfresser. Dazu gehören Wildschweine, Rehe, Hirsche, aber auch andere Tierarten wie zum Beispiel Eichhörnchen, Füchse und so weiter. Weil es im Winter kalt ist, ist der Energiebedarf relativ hoch, und gleichzeitig gibt es wenig zu fressen. Auch die Bäume tragen zu dieser natürlichen Regulation übrigens bei: Eichen und Buchen zum Beispiel blühen und fruchten nur alle paar Jahre, damit sich die Wildbestände nicht auf einen dauernden Futtersegen im Winter einstellen können. So halten auch sie die Wildbestände gezielt niedrig.

Und die zusätzlichen Fütterungen durch den Menschen stören diesen natürlichen Kreislauf?

Ja, genau. Wenn man die Regulierung der Bestände der Natur überlassen würde, müsste unter Umständen gar nicht mehr gejagt werden, und das Töten hätte ein Ende.

Sie möchten die Jagd abschaffen?

Die Jäger wären darüber sicher nicht glücklich. Da würde es wohl große Widerstände geben. Aber einen Versuch wäre es wert. So hat man im Kanton Genf in der Schweiz schon vor 40 Jahren die private Jagd verboten. Das hat dazu geführt, dass die meisten Arten über die oben beschriebene natürliche Regulierung hinaus keinerlei Eingriffe durch den Menschen mehr benötigen. Nur beim Schwarzwild muss in Ausnahmefällen von Amts wegen noch geschossen werden. Außerdem bekommen wir inzwischen ja auch wieder ein wenig Unterstützung durch den Wolf. Leider tauchen da aber ja auch ständig illegale Abschüsse auf.

Apropos Wolf. Stimmt es, dass Sie am liebsten ein Wolf sein möchten, wenn Sie als Tier wiedergeboren würden?

Ja. Der Grund ist, dass der Wolf sehr stark familiär integriert ist und in sozialen Verbänden lebt. Rudelhierarchien und die damit verbundenen Beißereien gibt es bei Wölfen kaum. Sie nehmen sehr viel Rücksicht aufeinander und arbeiten im Verbund. Das finde ich sehr schön. Auf der anderen Seite kommen Wölfe auch herum. Sie leben nicht so stationär wie zum Beispiel ein Reh. Rehe sind Einzelgänger, die alleine leben und sich in ihrem ganzen Leben oft nicht aus ihrem auf wenige Quadratkilometer begrenzten Revier herausbewegen.

Gibt es ein Tier, das für Menschen auf der Gefühlsebene ein Vorbild sein könnte?

Kolkraben sind uns besonders ähnlich, weil sie sehr, sehr treu sind, vermutlich treuer als so mancher Mensch, und in einer lebenslangen Ehe leben. Sie bedienen sich einer individuell angepassten Sprache, haben auch Namen untereinander und können sich an Freunde erinnern, wenn die nach langer Zeit zurückkommen. Nicht ohne Grund sagt man über Rabenvögel, dass sie im Prinzip gefiederte Affen seien, weil sie mindestens so intelligent sind wie Menschenaffen.

Ihr Hahn Fridolin ist auch nicht dumm, aber nicht sehr sympathisch…

Na ja, er ist halt ein Hahn. Zunächst ist er ja auch zu den Hühnern ausgesprochen nett. Wenn er zum Beispiel etwas zum Futtern findet, dann gurrt er sehr tief. Dann wissen die Hennen, dass es was gibt. Er lässt ihnen dann auch den Vortritt. Aber natürlich ist er auch an Sex interessiert. Die Hühner aber weniger, weil er ihnen zu schwer ist. Er springt ihnen ins Kreuz und verbeißt sich in ihren Nackenfedern. Das finden die nicht so toll, und sie gehen ihm möglichst aus dem Weg.

Ihre Liebe zur Natur hat begonnen, als Sie als Gymnasiast 1972 das Buch „Club of Rome – Über die Grenzen des Wachstums“ gelesen haben. Dort heißt es, dass, wenn die Menschheit nicht das Ruder umwirft, die absoluten Wachstumsgrenzen auf der Erde im Laufe der nächsten hundert Jahre erreicht sein werden. Was bewegt Sie beim Gedanken an den Jahreswechsel?

Das überrascht Sie vielleicht, aber ich schaue durchaus mit Optimismus in die Zukunft. Obwohl ich zugeben muss, dass wir mit all den Trumps, Le Pens und wie Sie alle heißen mögen, schwierigen Zeiten entgegensehen. Andererseits hat es diese Leute mit ihrem inakzeptablen Gedankengut auch bei uns doch schon immer gegeben. Nur haben sie sich nicht geoutet, jetzt aber tun sie es. Wir wissen nun immerhin, wer sie sind, und können uns ihnen widersetzen.

Und wo ist da der Anlass für Optimismus?

Für uns kann das ein Weckruf sein, eine Art Prüfstein, eine Chance zu sehen, wie es um den Menschen und um die Demokratie wirklich steht. Als Art unterliegen ja auch Menschen ganz starken Instinkten. Das zeigt sich zum Beispiel in der Gier, immer mehr haben zu wollen, und auch in dem aktuellen Ausbruch populistischer Strömungen. Jetzt wird sich zeigen, ob unser Verstand in der Lage ist, die Dinge so zu regeln, dass auch die nächsten Generationen was von dieser Erde haben. Um die Natur ist mir übrigens überhaupt nicht bange. Die ist so robust, die regelt sich wieder ein.

Und was ist mit der wachsenden Bedrohung durch den Klimawandel?

Da sehe ich seit der Klimakonferenz in Marokko durchaus Zeichen der Hoffnung. Immerhin haben 43 Staaten gesagt, dass sie in den nächsten Jahren komplett aus den fossilen Energien aussteigen wollen. Und Russland und China wollen sich weiter engagieren, obwohl die USA unter Trump wohl nicht mehr dabei sein wird. Die Dinge sind endlich in Bewegung geraten. Mehr als ich in den letzten Jahren zu hoffen gewagt hätte.

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erstellt am 10.Dez.2016 | 09:00 Uhr

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