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Leute

09. Dezember 2016 | 10:42 Uhr

Marius Müller Westernhagen : „Wo ist der Nachwuchs?“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Marius Müller Westernhagen macht seit fünf Jahrzehnten Musik – und sieht das heutige Musikgeschäft sehr kritisch

Marius Müller-Westernhagen zählt zu den erfolgreichsten deutschen Künstlern – und weiß, dass er mitunter als schwierig gilt. Dabei mache er einfach nur, was er wolle, sagte der 67-Jährige bei seinem „Unplugged“-Konzert, zu dem heute das Album erscheint. Zum Interview mit Jenny Tobien kommt Westernhagen gut gelaunt und gibt sich äußerst kommunikativ, aber auch sehr kritisch.

Ihre „Unplugged“-Show wirkt fast wie ein Familientreffen. Sie treten mit Ihrer Lebensgefährtin auf und das erste Mal überhaupt mit Tochter Mimi. Wie hat sich das angefühlt?

Westernhagen: Für mich war das relativ normal, weil ich das Private vom Künstlerischen trennen kann. Ich bin mit meiner Tochter oder meiner Lebensgefährtin genauso kritisch wie mit jedem anderen, wenn es um Musik geht. In dem Moment ist es jemand, der versucht, Kunst zu produzieren, und nicht mein Familienmitglied.

In den 1990er-Jahren kamen gigantische Massen zu Ihren Konzerten in die Stadien. War der plötzliche Abschied von der großen Bühne eine Art Selbstschutz?

Ich habe 1999 aufgehört, weil ich das, was auf mich projiziert wurde, nicht mehr aushalten konnte. Das hatte nichts mehr mit mir zu tun. Da gerätst du in eine Rolle, die du nicht mehr ausfüllen kannst und nicht ausfüllen willst. Die Erwartungen an mich waren überzogen. Das war wie in Heiligen Messen. Die Leute haben mir ihre Kinder hochgehalten. Da wurde es mir unheimlich. Da geschehen Dinge in deinem Namen, die du nicht mehr kontrollieren kannst. Das empfand ich als schädlich für meine Arbeit. Der Hype wurde zu riesig.

Zum Unplugged-Konzert haben Sie auch Ihren alten WG-Kumpel Udo Lindenberg eingeladen. Mit ihm und Otto Waalkes haben Sie einst in Hamburg gewohnt. Was erinnern Sie aus dieser Zeit?

Udo kenne ich ja schon sehr sehr lange. Wir lernten uns kennen, als wir beide noch unbekannt waren. Aber ich hab nie wirklich in der WG gewohnt, sondern immer in dem Zimmer desjenigen geschlafen, der gerade verreist war. Wenn das nicht ging, gab es noch eine Dachkammer mit alten Zeitungen und einer Matratze. Wir haben viel zusammen ins Glas geschaut und geredet.

Sie sind seit fünf Jahrzehnten im Geschäft, was waren Ihrer Meinung nach die besten Zeiten für die Musik?

Ganz klar die 60er- und 70er-Jahre. Rock ’n’ Roll war damals an einem Punkt, durch die nächste Tür zu gehen und eine Kunstform zu werden, so wie es Jazz geworden ist. Mit Bob Dylan, Led Zeppelin, den Beatles, Jimi Hendrix und und und. Das sind alles Leute, die heute bei einem Major-Label wohl keinen Vertrag mehr bekommen würden, weil sie nicht in die Rundfunkformate passen. Die Qualität der Musik ist seither schon sehr runtergefahren worden. Für meine Begriffe aus Gier – weil die Musik zu einer reinen Industrie verkommen ist. Es hat nichts mehr wirklich mit Musik zu tun, es ist heute mehr wie in einem Bordell. Eine riesige Gruppe von Prostituierten biedert sich an – sowohl den Medien als auch dem Publikum.

Lindenberg, Grönemeyer, Maffay und Sie gelten noch immer als die Alphatiere des deutschen Rock. Wie stehen Sie etwa zu Grönemeyer? Ihnen wurde immer eine sehr scharfe Konkurrenz nachgesagt?

Ich glaube, dass Herbert sich mal von irgendjemand hat provozieren lassen und dann einfach emotional reagiert hat. Er ist ja ein impulsiver Mensch. Inzwischen ist unser Verhältnis vollkommen entspannt.

Aber wo Sie die Namen nennen: ich finde es ja schade, dass immer noch diese paar Leute als die großen Heroen gelten. Was ist nach uns gekommen? Wo ist der Nachwuchs?

Warum mangelt es denn Ihrer Meinung nach am Nachwuchs?

Ich glaube, da liegt es wieder an der Haltung: sein eigenes Ding durchzuziehen, koste es, was es wolle, aber nicht um den Preis der Anpassung. So ist Peter und so ist Herbert und so ist auch Udo. Und daran fehlt es, glaube ich, allzu oft, wenn Musiker den Glauben an sich verlieren, irgendwann aufgeben und sich dann fügen. Und das darf ein Künstler nie: Sich fügen – um Gottes willen!

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