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27. September 2016 | 05:37 Uhr

Medien : Vor 50 Jahren hob Raumschiff «Orion» ab

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Vor 50 Jahren landete das westdeutsche Nachkriegsfernsehen mit der Science-Fiction-Reihe «Raumpatrouille Orion» einen seiner größten Erfolge. Im Rückblick ist es allerdings keine Serie über die Zukunft, sondern über die Vergangenheit.

«Orionmuseum» steht auf der Klingel des altertümlichen Wohnhauses in Golzheim bei Köln. Aber nur ganz klein. Denn ein richtiges Museum ist es nicht, eher ein Hobby, das sich verselbstständigt hat.

Als vor genau 50 Jahren, am 17. September 1966, zum ersten Mal der Schnelle Raumkreuzer «Orion» abhob, gehörte der damals neun Jahre alte Josef Hilger nicht zu den Zuschauern. «Das ist zu spät für dich», meinte seine Mutter. Mit diesem Verbot begann eine lebenslange Faszination.

Hilger, heute 59, sah die Serie bei der ersten Wiederholung zwei Jahre später. Wobei: Von der siebten und letzten Folge verpasste er alles bis auf die Schlussszene, weil er an dem Tag zu seinem Onkel musste und der lieber «Bonanza» gucken wollte. Ein kleines Drama, denn Hilger war zutiefst beeindruckt. Mittlerweile hat er das anerkannte Nachschlagewerk zu der Serie geschrieben, die größte Sammlung aufgebaut und enge Bande zu allen noch lebenden Beteiligten geknüpft.

«Raumpatrouille - Die phantastischen Abenteuer des Raumschiffes Orion» war die bis dahin teuerste Serie des deutschen Fernsehens - so teuer, dass sie nie fortgesetzt wurde, obwohl sie mit einer Einschaltquote von bis zu 56 Prozent ein Riesenerfolg war. Die Staffel, produziert von den größten ARD-Sendern und samstags zur besten Sendezeit nach der «Tagesschau» zu sehen, verhalf dem damals 40-jährigen Dietmar Schönherr (1926-2014) zu bleibendem Ruhm. Der Österreicher machte Eindruck als eigensinniger «Orion»-Kommandant Cliff Allister McLane.

Körbeweise Fanpost erhielt auch Eva Pflug (1929-2008), die Commander McLane als Sicherheitsoffizierin Tamara Jagellovsk sogar Befehle erteilte. Tragischerweise bedeutete der Erfolg für sie das Ende ihrer Fernsehkarriere: Für die damaligen Produzenten war sie nunmehr auf die Rolle einer Männer kommandierenden «Emanze» festgelegt. «Die Männer haben sich damals bedroht gefühlt», sagte sie später.

Wer die Serie heute anschaut, kann den Erfolg nicht mehr nachvollziehen. Es passiert unglaublich wenig, stattdessen steht die Crew die meiste Zeit in ein- und demselben Kontrollraum und redet. Eindeutig ist die Zeit über die Serie hinweggegangen, doch ihrem Kultstatus tut das keinen Abbruch.

Fans wie Josef Hilger können allein Stunden über die Deko erzählen, die sich großenteils aus leicht verfremdeten Haushaltsutensilien zusammensetzte. Bleistiftanspitzer, Wasserhähne, Uhrpendel, Lineale, Nähgarnrollen und ein Bügeleisen - all das war Bestandteil der Kulisse in den Münchner Bavaria-Studios. Eisportionierer und Geburtshilfezangen wurden zu Roboterarmen. Das Schmuckstück in Hilgers Sammlung ist einer der originalen Astronautenhelme. Oben hat er eine Öffnung, da das Plastik sonst vom Atmen beschlagen wäre, und diese Öffnung ist in der Serie auch ständig zu sehen. Vieles muss noch von der Fantasie des Zuschauers ausgefüllt werden - vielleicht eines der Erfolgsgeheimnisse.

Wie es im Vorspann heißt, sind die Nationalstaaten in der «Orion»-Welt aufgehoben. Dies ändert allerdings nichts daran, dass die Serie im Rückblick sehr deutsch wirkt. «Haben wir uns verstanden?» - «Jawohl, General!» oder «Ich bitte um Freigabe des Einsatzbefehls!» Da klingt noch der Ton einer Zeit nach, die bei den Dreharbeiten 1965 gerade einmal 20 Jahre zurücklag.

Der Politologe Reinhard Wesel sieht «Raumschiff Orion» als «echtes Zeitgeistdokument» der jungen Bonner Republik. Auf technischer Seite hätten die Macher durchaus kreative Einfälle gehabt, doch im übrigen hätten sie einfach die späte Adenauer-Zeit in die Zukunft verlängert. Der von Schönherr dargestellte McLane - im Dauer-Clinch mit seinen deutlich älteren Vorgesetzten - verkörpere dabei die nachwachsende Generation, die autoritäre Strukturen aufbrechen wolle. «Aber alles im Rahmen, schön schaumgebremst. Nicht Rudi Dutschke, sondern quasi die Uschi-Glas-Variante: schick, jung, anders, aber noch keine Revoluzzer», sagt Wesel. «Es beschreibt damit die Lage kurz vor der 68er Revolution, eine verkrustete, starre Welt, die knirscht und knackt und moralisch unglaubwürdig geworden ist.»

Elektroningenieur Hilger wird «Raumschiff Orion» treu bleiben. «Wenn früher jemand gesagt hat 'Die Serie beeinflusst dein ganzes Leben', dann habe ich gesagt 'Quatsch, das ist eine Parallelwelt, weiter nichts'. Aber inzwischen sehe ich ein: Natürlich ist das so. Die «Raumpatrouille» wird mich nie mehr loslassen.»

Orion-Museum

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erstellt am 16.Sep.2016 | 15:00 Uhr

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