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Leute

04. Dezember 2016 | 15:18 Uhr

Hommage an eine Ikone : Ulknudel mit Herz

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Helga Hahnemann starb vor 25 Jahren. Für ihre Berliner Schnauze und ihren Humor wurde sie geliebt

„Jetzt kommt die Süße, dein kleines Engelein.“ Unvergessen ist, wie DDR-Entertainerin Helga Hahnemann singend über die Bühne schwankt: Ihre „Süße“ hat einige Kilogramm zu viel auf den Rippen, zig Schnäpse intus und viele Rachegedanken im benebelten Kopf. Der oftmals tief ins Glas schauende Ehemann „Hugo“ bekommt von ihr sein Fett weg. Mit ihrem berlinischen Dialekt reißt Hahnemann das Publikum mit. Nicht nur als sie ihre imaginären nassen Engelsflügel schüttelt, lachen die Zuschauer.

Lange sind die Auftritte der fülligen Künstlerin mit den flippigen Bühnenoutfits her. Vor 25 Jahren, am 20. November 1991, starb Hahnemann. Sie wurde nur 54 Jahre alt.

Seit 1995 trägt der Medienpreis „Goldene Henne“ ihren Spitznamen. Die Zeitschrift „Super Illu“ vergibt ihn gemeinsam mit dem MDR und dem RBB. Alljährlich werden Stars aus Sport, Musik und Fernsehen, aber auch Persönlichkeiten aus Politik und Gesellschaft geehrt; in Erinnerung an die umjubelte „Henne“.

Doch für Moderatorin Inka Bause, deren Vater Arndt Bause (1936-2003) die unvergessenen Hits für Hahnemann komponiert hat, gibt es einen großen Wermutstropfen: „Dass es nie eine ,Henne’ für Henne gab, das ist empörend! Aber der Zug ist inzwischen abgefahren“, sagt die 47-Jährige.

Helga Hahnemann, 1937 in Berlin geboren, war in der DDR bekannt wie ein bunter Hund. Sie sang, tanzte, spielte im Berliner Friedrichstadt-Palast und war in vielen Sendungen im DDR-Fernsehen zu sehen. Mit „Helgas-To(p)-Musike“ hatte sie eine eigene Radioshow. Auch den Fans der „Olsenbande“ war ihre Stimme vertraut: Hahnemann synchronisierte die Film-Nervensäge Yvonne in ihrer typischen Tonlage, ohne Punkt und Komma.

In Sketchen schlüpfte „Henne“ in verschiedene Rollen. Sie war „Diplomraumpflegerin“ Traudel Schulze, mit zünftiger ostiger Kittelschürze. Da nahm sie kein Blatt vor den Mund, äußerte sich über Gott und die Welt und den realen sozialistischen Alltag mit fehlenden Waren in den Geschäften. Mit lockerer Moderation führte sie durch „Ein Kessel Buntes“, den Quotenhit des DDR-Fernsehens. Die Zuschauer wählten „Big Helga“ mehrmals zum Fernsehliebling.

Ihre Karriere hatte die quirlige Künstlerin beim Leipziger Kabarett „Pfeffermühle“ begonnen. Fans liebten die Berliner Schnauze, die kessen Lieder, aber auch die gefühlvolle Hommage „100 Mal Berlin“ an ihre Heimatstadt. Sie schien nie still zu sitzen, wollte dem Publikum immer 100 Prozent Leistung abliefern. Trotz ihrer Körperfülle konnte sie mit Profitänzern einen formvollendeten Spagat hinlegen.

Es gelang ihr auch, die DDR-Oberen um den Finger zu wickeln. Dies zeigt etwa eine Episode, die Komponist Bause in seiner Biografie beschreibt: „Helga wollte unbedingt eine Platte machen. Aber zu dieser Zeit war Bause für die Platte tabu. Da lief nichts und würde nichts laufen.“ Doch die Sängerin habe nur gesagt: „Na, das wolln wir doch mal sehen.“ Als der Außenminister sie für seine Betriebsfete engagieren wollte, bekam er von „Henne“ einen Korb: „Nee. Wat soll ich in einem Land bei einem Minister singen, wo ich keine Platte kriege.“ Kurz danach kam ein Rückruf: „Ihr könnt ins Studio, wann ihr wollt. Tag und Nacht, Sonnabend und Sonntag, das Studio wird für euch reserviert, so lange ihr wollt.“

Gegen den abrupten Karriere-Absturz nach dem Mauerfall – den alle DDR-Künstler erlitten – hatte selbst die pfiffige „Henne“ kein Mittel. Sie buhlte um ein gesamtdeutsches Publikum, bekam aber nur Absagen. Man brauchte nicht so einen Spaßmacher, schreibt ihre langjährige Autorin und Texterin Angela Gentzmer in einem Buch, das an ihre Freundin erinnert. Anfang November 1991 erfuhr „Henne“ von ihrer Krebserkrankung. Zwei Wochen später starb sie.

In Erinnerung bleibt eine lebenslustige Frau mit großem Herzen. Sie spielte Skat, kochte gern und war ein Fan von US-Schauspieler Robert Redford. Kinder hatte sie nicht. Auf dem Berliner „Boulevard der Stars“ hat sie seit Jahren einen Stern. Das Gemeindehaus ihres langjährigen Wohnortes Schöneiche bei Berlin trägt ihren Namen.
 

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erstellt am 19.Nov.2016 | 05:00 Uhr

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