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Leute

06. Dezember 2016 | 13:07 Uhr

Wochenend-Interview : Tote zum Frühstück

vom
Aus der Onlineredaktion

Rechtsmediziner Michael Tsokos über die Arbeit am Obduktionstisch

Totenschädel im Schrank, Obduktionsberichte auf dem Tisch: Im Büro von Rechtsmediziner und Autor Michael Tsokos herrscht trotzdem keine morbide Stimmung. Im Interview spricht der Leiter des Instituts für Rechtsmedizin an der Berliner Charité von seinen spannendsten Fällen und Klischees über seinen Berufsstand.

Herr Tsokos, wie viele Leichen haben Sie in Ihrem Leben schon gesehen?
Ich habe schon mehr als 200  000 Leichen in meinem Leben gesehen. Der Grund für diese hohe Zahl ist, dass ich sowohl die Opfer des Massakers von Sebrenica im Jahr 1998 und die des Kosovokrieges von 1999 untersucht habe. Zudem war ich 2004 bei dem Tsunami in Thailand. Allein das macht mehr als hunderttausend Opfer aus. Diese große Zahl erstaunt immer alle, aber sie entsteht eben durch meine Auslandseinsätze nach Kriegen oder Massenkatastrophen. Hinzu kommen mindestens 100  000 weitere Tote, die ich in Deutschland gesehen habe. Während meiner zehn Jahre in Hamburg habe ich jeden Morgen im Krematorium die Leichenschau durchgeführt. Hier lagen täglich um die 80 Verstorbenen. Ich habe das fünf Tage die Woche für zehn Jahre gemacht, da kommt einiges zusammen.

Sehen ist das eine, obduzieren das andere.
Genau. Ungefähr 30  000 Menschen habe ich in meinem Leben bislang obduziert. Irgendwann habe ich aufgehört, zu zählen und nur noch grob geschätzt. Das ist jedoch hier in Berlin sehr einfach, da wir an der Charité 2000 Obduktionen im Jahr durchführen, von denen ich mindestens an der Hälfte beteiligt bin.

Viele Polizisten haben diesen einen ungelösten Fall, der sie nie loslässt. Kennen Sie das?
Nein. Denn ich muss die Fälle nicht ermittlungstechnisch oder juristisch abschließen. Natürlich gibt es den einen oder anderen Fall, bei dem ich anderer Meinung bin als die Polizei. Aber diese Fälle verfolgen mich nicht, weil ich sie niemals klären werde. Ich erinnere mich an einen Fall, der von Staatsanwaltschaft und Polizei als Suizid eingestuft wurde. Ich war mir sicher, ich bin es auch heute noch, dass es ein Tötungsdelikt ist. Das habe ich mit den Ermittlern thematisiert und protokolliert. Aber wenn sie den Fall anders bewerten und abschließen, kann ich das nicht ändern.

Verfolgen Sie das Ende der Fälle?
In manchen Fällen sind wir Rechtsmediziner noch anschließend beteiligt und treten als Sachverständige vor Gericht auf. An diesen Fällen bin ich natürlich am Ausgang interessiert und mache mir vorher ein Bild des Prozesses. Dennoch muss man sich klarmachen, dass 80 Prozent unserer Fälle am Obduktionstisch eingestellt werden. Das sind Menschen, die aufgrund eines Herzinfarktes auf der Straße umfallen, oder jemand stürzt vom Hochhaus und die Polizei findet einen Abschiedsbrief. Diese Fälle sind schnell abgeschlossen. Nur bei einem geringen Teil der Verfahren sind noch Fragen offen.

Sie obduzieren Opfer von Umweltkatastrophen oder von bedeutenden Kriminalfällen. Wie schalten Sie ab?
Ich schalte – wie jeder andere Arbeitnehmer auch – mit meiner Familie ab. Ich spreche mit meinen Kindern über ihren Tag, gehe mit ihnen zum Sport, im Wald spazieren oder ins Kino. Auch mit guten Serien kann ich hervorragend abschalten. Ich wache nicht nachts auf und habe die Lösung für einen Fall. Ich lasse alles hier im Institut.

Haben Sie denn eine Lieblingskrimiserie?
Die amerikanische Serie „True Detective“ fand ich richtig gut. Ich schaue auch gerne Tatort. Natürliche habe ich auch hier meine Lieblingsteams. Den Kieler Tatort mit Axel Milberg finde ich super.

Kommen wir zu einem schwierigeren Thema: Neben Erwachsenen müssen Sie als Rechtsmediziner auch Kinder obduzieren. Können Sie sich noch an das erste Kind erinnern, dass Sie untersucht haben?
Ich erinnere mich nicht mehr im Detail, weiß aber, dass das Kind am plötzlichen Kindstod, also eines natürlichen Todes, gestorben ist. Sehr gut kann ich mich hingegen an meine ersten Fälle von Kindesmisshandlung in einem Hamburger Krankenhaus erinnern. Mich hat dieses Thema sehr geprägt, weshalb ich auch ein Debattenbuch darüber geschrieben habe.

Warum lässt Sie dieses Thema nicht los?
Ich habe festgestellt, dass sich über die Jahrzehnte hier nichts verändert hat. Die Fälle von Kindesmisshandlung laufen immer noch in den gleichen Konstellationen ab. Jugendämter sind informiert, Behörden wissen Bescheid, Großeltern gehen zur Polizei – trotzdem wird nichts unternommen und am Ende ist ein Kind tot.

Gehen Sie mit diesen Fällen anders um?
Klar. Kindliche Todesfälle, ob es Kinder sind, die ertrinken, überfahren werden oder aus großer Höhe fallen, sind immer besonders. Denn es passt nicht, wenn ein 60 Zentimeter kleines Bündel Mensch auf einer zwei Meter großen Stahlplatte vor uns liegt. Für uns ist das ein ungewohntes Bild. Oft kann ein Kind nichts dafür, weil es so unschuldig und unbedarft ist, dass in den meisten Fällen ein Erwachsener an seinem Tod schuld ist. Auch nach vielen Jahren haben diese Fälle für mich immer noch eine große Tragik.

Wie kann die Gesellschaft verhindern, dass Kinder zu Opfern werden?
Wir sind in der Gesellschaft in eine Schieflage gekommen und es wird sehr schwer, diese wieder zu begradigen. Das traditionelle Familienbild schwindet und damit vergrößert sich für Kinder die Gefahr, zu verwahrlosen. Heute ist es für Kinder gefährlicher als vor Jahrzehnten. Früher lebte die ganze Familie gemeinsam in einem Haus, bei Streit oder Alkoholismus in der Familie konnten die Großeltern die Kinder rausziehen. Doch zum einen wohnen die wenigsten Familien heute noch zusammen und zum anderen halten Ehen nicht mehr lange. Somit gibt es viele Patchworkfamilien, was problematisch ist. Denn der größte Risikofaktor für Kinder ist der neue Lebenspartner der Mutter. Es ist statistisch erwiesen, dass die meisten Tötungsdelikte an Kindern durch den neuen Partner begangen werden. Doch wie wollen wir diese Entwicklung politisch und gesellschaftlich wieder auffangen? Es gibt zwar Privatinitiativen, trotzdem müsste sich die Politik hier mehr einmischen.

Sie haben selbst fünf Kinder - wie sehr beeinflusst sie das in Ihrer Arbeit?
Sehr. Denn meine Kinder sind zwischen vier und 15 Jahre alt, so habe ich immer ein Kind in dem Alter, wie das, was gerade auf meinem Tisch liegt. Durch meine Arbeit habe ich einiges für mein Privatleben mitgenommen. So müssen Steckdosen ordentlich gesichert werden. Zudem können kleine Kinder Höhe nicht einschätzen und glauben, dass sie aus dem vierten Stock springen können, ohne dass ihnen etwas passiert. Trotzdem versuche ich, keine Angst zu haben, wenn ich meinen siebenjährigen Sohn alleine zum Brötchenholen schicke. Einerseits kenne ich genug Fälle, in denen Kinder in diesem Alter, als sie das erste Mal alleine irgendwohin gingen, entführt, vergewaltigt und getötet wurden. Andererseits muss ein Kind auch selbstständig werden. Kinder dürfen nicht überbehütet werden.

Wie erklären Sie Ihren Kindern Ihre Arbeit?
Meine älteren Kinder wissen, was ich tue, und besuchen auch Lesungen von mir. Die Kleinen denken in der Dimension von Räuber Hotzenplotz, dass ich für die Polizei arbeite und Verbrechen untersuche.

Auch wenn Sie die Angst nicht in Ihr Leben lassen wollen – wie gehen Sie mit dem Monster im Menschen um?
Ich habe nicht mehr Angst vor Menschen als jeder andere auch.

Können Sie eine Erklärung finden, warum ein Mensch zum Mörder wird?
Nein. Viele Wissenschaftler und Kriminologen haben schon versucht, diese Frage zu klären, aber es ist schwierig. Es ist mit Sicherheit ein Mix aus Genetik und Umwelteinflüssen. Sadisten können aus behüteten Elternhäusern oder den allerschlimmsten Verhältnissen stammen. Wir können nicht erklären, warum Menschen unerklärliche Dinge tun.

Sie haben in Berlin die Gewaltschutzambulanz gegründet. Wie stehen Sie zur Entwicklung des Sexualstrafrechts?
Die Diskussion ist mir zu hitzig und zu schnell geführt worden. Ich halte es für wichtig, dass das deutsche Sexualstrafrecht zeitgemäß reformiert wird. Aber wir sollten diese Debatte in gemäßigten Schritten angehen und nicht in Hektik verfallen. Der aktuelle Fall von Gina-Lisa Lohfink zeigt, wie schnell eine Debatte darüber hochkocht und voller Emotionen geführt wird. Das halte ich für gefährlich und nicht zielführend.

Warum fesseln uns als Leser die wahren Fälle mehr?
Weil viele Leser meiner Bücher während der Geschichten ein wohliges Gruseln bekommen und sich vorstellen können, dass der Mörder auch mit ihnen im Flugzeug durch Europa getourt ist. „True crime“ eben.

Sie haben sich auch selbst in einem TV-Krimi gespielt. Wie ist der Spagat zwischen Fiktion und Realität?
Mein TV-Experiment fiel mir wirklich sehr schwer. Ich hatte die Drehbuchautorin Elisabeth Herrmann rechtsmedizinisch beraten und am Ende sagte sie, dass ich den Rechtsmediziner spielen könnte. Ich sagte aus Spaß zu und auf einmal war klar, dass ich tatsächlich mitdrehen soll. Das Drehbuch in der Mail hatte ich anschließend übersehen und kam vollkommen unvorbereitet ans Set. Das war mein letzter Ausflug zum Film – zumindest mit sprechender Rolle (lacht).

Zuletzt müssen wir noch ein Klischee aufklären: Wie viel Mentholpaste verbrauchen Sie im Jahr?
Sie spielen jetzt auf die Szene aus „Das Schweigen der Lämmer“ an, in der sich alle die Mentholpaste unter die Nase reiben, ehe sie das ein Mordopfer obduzieren. Aber in meinem Leben spielt diese Paste überhaupt keine Rolle. Das ist einer der großen Mythen der Rechtsmedizin.
 

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