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09. Dezember 2016 | 14:37 Uhr

Ruhe, Rooibos, Reporterleben : «Tagesthemen»: Thomas Roth geht in Rente

vom

Nach über drei Jahren als Moderator verabschiedet sich Thomas Roth am Sonntagabend in den Ruhestand. Seine Abschiedsworte an die Zuschauer hat er natürlich schon im Kopf, aber behält sie bis zuletzt für sich.

Völlig platt im doppelten Sinne war Thomas Roth, als ihn nach einer langen Wanderung durch den Grand Canyon die Mail mit der Frage erreichte: Ob er sich vorstellen könnte, die «Tagesthemen» zu moderieren?

Nein - erinnert er sich an seinen ersten Reflex damals in Arizona. «Tagesthemen war sicher der unvorhergesehenste aller meiner Jobs», sagt Roth über die letzte Station seiner Karriere.

Geboren, studiert und volontiert in Baden-Württemberg, hatte der Journalist sein Leben lang Aufregung gesucht und gebucht: Johannesburg zum Ende der Apartheid, Moskau inmitten des Zerfalls der Sowjetunion, Köln als WDR-Hörfunkdirektor, wieder Moskau, dann Chef im ARD-Hauptstadtstudio in Berlin, nochmal Moskau und schließlich das pulsierende New York. Dagegen ist Hamburg in einem abgeschirmten Fernsehstudio spätabends natürlich vergleichsweise ruhig.

«Mit der Ruhe ist das so eine Sache, das kriege ich nicht hin», nennt der 64-Jährige den Grund, weshalb er erst mit der Zusage gezögert hat. Es geht doch - das hat er nach einem halben Jahr festgestellt. Solange habe er gebraucht, um seinen eigenen Moderationsstil zu finden, meint er. «Ich wollte mit Ruhe und Übersicht und Empathie die Ereignisse präsentieren.»

Die überwiegende Mehrheit der abendlichen Zuschauer hat ihm das wohl auch abgenommen. Trotzdem gab es schon kurz nach der Premiere im Sommer 2013 Sticheleien im Netz gegen das neue Gesicht im NDR-Studio. Als Märchenonkel wurde Roth bezeichnet, den man nicht verstehe, weil er so nuschele. Und Häme gab es auch wegen seines optischen Trios: weiße Haare, weißer Schnauzbart, weiße Zähne. Gekränkt hat ihn das vielleicht, auch wenn er es nicht zugibt - nur soviel: «Ich habe ein differenziertes Verhältnis zum Rampenlicht». Das sagt jemand, der eigentlich immer lieber im schattigen Umfeld einer Kamera gestanden hat. «Andere Menschen, Länder und Kulturen kennenzulernen und darüber zu berichten, deswegen bin ich Journalist geworden».

Unbändige Neugier attestiert sich der Leser von täglich zehn Zeitungen selbst und beginnt gleich, von den prägendsten Begegnungen seiner Laufbahn zu schwärmen. Wie er den südafrikanischen Freiheitskämpfer Nelson Mandela interviewte; dass der russische Präsident Boris Jelzin ein sehr warmherziger Mensch gewesen sei, dass er Wladimir Putin gut kenne, aber seinetwegen besorgt gewesen sei. Aber nicht so sehr wie im Fall Donald Trump, den US-Präsidentschaftskandidaten. «Gott behüte, dass es dazu kommt. Der entgrenzt und ist deswegen so gefährlich», sagt Roth und ist einmal nicht ganz so neutral wie sonst, wenn das Kameralicht rot ist.

Und Sorgen, seufzt er, machten ihm auch die Vorwürfe an die «Lügenpresse»: «Ich bin überrascht, wie einfach uns heutzutage unterstellt werden kann, dass wir von nichts eine Ahnung hätten. Dagegen müssen wir uns wehren».

Über drei Jahre «Tagesthemen» - was war der schwierigste Moment? «Als wir das Bild von dem kleinen Jungen zeigten, der tot an einen türkischen Strand angeschwemmt wurde». Zwei Stunden lang habe er an der Anmoderation für den Beitrag geschrieben, so Roth. Und was war der Höhepunkt? Als er die Nacht vor dem WM-Finale 2014 nicht schlafen konnte und er dann hochnervös die kurze Sendung in der Halbzeit moderierte, als rund 30 Millionen Fans vor dem Fernseher saßen. Normalerweise ist es nur rund ein Zehntel davon.

Von allen wird er sich natürlich verabschieden am 2. Oktober. Mit anderen persönlichen Worten als seine typischen «Kommen Sie gut durch die Nacht». Die kleine Rede habe er schon grob im Kopf.

Ab dann wird auch er die «Tagesthemen» nur noch vor dem Bildschirm verfolgen. Und der Kollegin Caren Miosga zuschauen, «die ich ungern verlasse», sowie seinem Nachfolger Ingo Zamperoni, «für den ich mich sehr freue». Außer dem Umzug nach Berlin, wo Familie samt Enkel und Freunde leben, hat er noch keine konkreten Pläne, wenn sein befristeter Vertrag jetzt ausläuft. Den Rooibostee benötigt er dann wohl nicht mehr weit nach Mitternacht, um nach der Moderation «runterzukommen». Für die Rente fällt Roth dann doch die Losung eines Reporterlebens ein: «Einfach mal gucken, was passiert».

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erstellt am 01.Okt.2016 | 00:01 Uhr

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