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03. Dezember 2016 | 16:41 Uhr

Abschied von Oleg Popow : Schlussapplaus für einen Clown

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Es ist der Schlussakkord einer Ära: Mit dem Tod von Oleg Popow verabschiedet sich eine Zirkuslegende aus der Manege

Einen herzlicheren Abschied hätte sich der russische Clown Oleg Popow kaum wünschen können. Mitreißend und herzerweichend wie eh und je fängt der 86-jährige Mime bei einem Gastspiel in seiner russischen Heimat die Sonnenstrahlen in einem Korb ein – es ist eine seiner beliebtesten Nummern. Das war am Sonntag im Zirkus der südrussischen Großstadt Rostow am Don. Am Mittwochabend stirbt Popow an Herzversagen. Er sei friedlich in einem Sessel eingeschlummert, heißt es. Aufrichtig beklatscht und gefeiert tritt einer der größten Clowns des 20. Jahrhunderts von der Bühne.

„Russlands Charlie Chaplin“, „Hans im Glück“, „der heitere Clown“ – strahlende Umschreibungen und Kosenamen hat Oleg Popow in seinen mehr als 60 Jahren in der Manege erworben. Die schwarz-weiß karierte Ballonmütze, die strohblonde Perücke und die knallrote Pappnase waren sein Markenzeichen. Eine Seiltanznummer gehörten ebenso zu seinem Repertoire wie Albernheit und Parodie. Mit geradezu poetischen Sketchen und einem feinen Blick fürs Menschliche erlangte er internationale Berühmtheit und zog Generationen in seinen Bann.

„Ein Clown sollte in erster Linie ein guter Mensch sein – sympathisch und optimistisch“, sagte Popow einst. „Es gibt viele Menschen, die glauben, dass Clownsein einfach ist. Aber lediglich eine rote Nase aufzusetzen und lustig zu sein – so einfach ist es nicht“, sagte er 2013. „Um gut zu sein, muss man so arbeiten, als ob man die Dornen einer Rose anfasst.“

Popow wusste, wovon er sprach, denn sein Leben begann nicht als das eines Spaßmachers, der damit rechnen durfte, 1981 den Goldenen Clown zu gewinnen – den Oscar der Zirkuswelt. Geboren am 31. Juli 1930 bei Moskau, verliert er früh seinen Vater. Der Uhrmacher wird 1941 wegen angeblicher „Missachtung“ von Stalin verhaftet und stirbt im Gefängnis.

Nach einer vom Kriegsmangel geprägten Kindheit beginnt Popow eine Schlosserlehre. Als er mit einem Auftritt bei einer Sportveranstaltung auf sich aufmerksam macht, bekommt er überraschend einen Platz in einer renommierten Artisten-Schule.

Doch seine erste Nummer 1951 in der Wolgastadt Saratow erregt Kritik als „kosmopolitischer“ Sketch in einer Zeit, die von der Ost-West-Konfrontation des Kalten Krieges geprägt ist. Kurzerhand wird sie verboten. Popow wird an den Zirkus in der georgischen Hauptstadt Tiflis versetzt, bevor er später in Moskau auftreten darf.

In der Sowjetunion nimmt Popow eine zweideutige Position ein. Einerseits wird er als Volkskünstler gefeiert und mit Preisen geehrt, andererseits parodiert er bei Auftritten auch das Politbüro. Mitglied der Kommunistischen Partei wird er nie. „Ein Clown sollte nicht einer Partei folgen, sondern seinem Gewissen“, sagte Popow später.

Nach dem Ende der UdSSR 1991 bricht er mit seiner Heimat. Popow streitet um die Zirkusleitung und verliert in der russischen Bankenkrise viel Geld. Schließlich heiratet er eine mehr als 30 Jahre jüngere Deutsche und lässt sich in Franken nieder. Eine Zeit lang tritt er unter dem Pseudonym „Hans im Glück“ auch in Deutschland auf.

Die Zirkuswelt feiert Popow als das Gesicht einer Ära, die mit seinem Tod zu Ende geht. „Es gibt heute im russischen Zirkus keine Figur von der Bedeutung Oleg Popows“, sagt Edgard Sapaschni, Leiter des Moskauer Staatszirkus. „Der letzte Mohikaner ist gestorben.“

LOU JACOBS: Er wurde 1903 in Bremerhaven geboren - 63 Jahre später zierten seine große rote Nase und sein winziger schwarzer Hut eine US-Briefmarke. Jacob Ludwig, so ein Geburtsname, wanderte in den 1920er Jahren in die USA aus und wurde dort weltberühmt. Er war für seine Verrenkungskünste bekannt, die ihm halfen, in einem rot-weißen 40 mal 60 Zentimeter großen Auto durch die Manege zu düsen. Jacobs starb 1992 in Florida.

Neun berühmte Clowns

LEO BASSI: Der Clown kommt aus einer internationalen Zirkusfamilie, die laut eigenen Angaben seit 170 Jahren im Geschäft ist. Bassi, der 1952 in New York geboren wurde, trat schon als Kind auf. Seit den 1970er Jahren ist er auch als Schauspieler und in TV-Shows aktiv. Bei seinen Auftritten vermischt er Spaß mit Ernst und sorgt mit Tabubrüchen für Provokationen.

BELLO NOCK: Der Mann gilt als einer der besten amerikanischen Clowns und tritt regelmäßig international auf - auch in Deutschland. Mit einer gelben Sturmfrisur, Grimassen und riskanten Stunt-Einlagen bringt er das Publikum zum Lachen und Staunen. Bello Nock kam 1968 in Florida zur Welt.

BERNHARD PAUL: Der Österreicher gründete vor 41 Jahren in Wien den Zirkus «Roncalli» mit. Noch heute ist er dessen Direktor und steigt als Clown «Zippo» in die Manege. Der Zirkus des 69-Jährigen zählt zu den bekanntesten in Deutschland. «Im Zeitalter der Lachkonserve und Comedy stirbt die traditionsreiche Kunst des Clowns langsam aus», sagte er einmal zu der Verabschiedung seines Kollegen Francesco Caroli.

CHARLIE RIVEL: Fast acht Jahrzehnte dauerte die Karriere des Spaniers, der auch als «Akrobat Schööön» bekannt war. Rivel, einer der größten Spaßmacher seiner Zeit, wurde 1896 geboren und starb 1983. Seinen ersten Auftritt hatte er im Alter von neun Jahren. In der Manege trat er immer mit einer roten quadratischen Aluminium-Nase, einem roten Nachthemd, einem Holzstuhl und einer Gitarre auf. Die Markenzeichen des Clowns waren aber das Wort «schön» mit einem langgedehnten «ö» und der langgezogene Klagelaut «Huuuuuu».

HERMAN VAN VEEN: Der Niederländer gilt als poetischer Clown. Über 180 CDs hat der studierte Geigenspieler laut eigenen Angaben veröffentlicht und über 80 Bücher geschrieben. In den 1970er Jahren erfand er Ente Alfred Jodocus Kwak. Das tapfere Entchen machte durch eine Zeichentrick-Serie weltweit Karriere. Inzwischen tritt der 71-Jährige nicht mehr als Clown, sondern mit seinen Chansons auf.

FRANCESCO CAROLI: Der langjährige Roncalli-Clown war Italiener und ein sogenannter Weißclown. Gesicht und Hals waren stets weiß geschminkt, nur die Lippen, die Unterseite der Nase und die Ohren erstrahlten in Rot. «Der Weißclown ist die Respektsperson, der Intelligente, der den Dummen August vorführt», erklärte Caroli einmal. «Niemals darf sich der Clown in den Vordergrund stellen, sonst tötet er den Dummen August.» Er starb 2004.

GROCK: Er war einer der erfolgreichsten Clowns der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Der Schweizer hieß mit bürgerlichem Namen Adrien Wettach, wurde 1880 geboren und starb 1959. Er setzte diverse Instrumente bei seinen Auftritten ein - unter anderem Klavier, Klarinette und Geige. Grock sei «der Mann, der die Welt zwischen Oslo und Buenos Aires aus dem Häuschen brachte», schrieb «Der Spiegel» 1947.

CHOCOLAT: Der gebürtige Kubaner Rafael Padilla war der erste dunkelhäutige Clown in Frankreich - und eine Sensation. Zusammen mit seinem weißen Gegenpart, dem Clown George Foottit, eroberte er Ende des 19. Jahrhunderts die Zirkuswelt und das Pariser Bohème-Publikum, das von dem exotischen Künstler fasziniert war. Als seriösen Schauspieler akzeptierte es ihn aber nicht. Im Mai kam ein Film über das Leben von «Monsieur Chocolat» ins Kino.

 

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erstellt am 03.Nov.2016 | 21:00 Uhr

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