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11. Dezember 2016 | 03:12 Uhr

Freigeist und Allestuer : Promi-Geburtstag vom 28. November 2016: Tomi Ungerer

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85 oder doch schon 425 Jahre? Manche sagen über Tomi Ungerer, er habe fünf Leben gelebt, während sie eines gelebt haben. Ans Aufhören denkt der Künstler und politische Kopf trotzdem noch lange nicht.

Der französische Karikaturist und Kinderbuchautor Tomi Ungerer hat 85 Jahre außergewöhnliche Jahre hinter sich. Spannend war sein Leben schon lange, ehe Ungerer mit seinen Zeichnungen und Illustrationen bekannt wurde.

Oder wer ist schon zum Nordkap getrampt oder hat als Kameltreiber bei Frankreichs Saharatruppen und auf einem isländischen Fischerboot angeheuert?

Für Ungerer, am 28. November 1931 in Straßburg geboren, ist es der Beginn seiner Wanderjahre. Es verschlägt ihn in die USA und nach Kanada. Seit 1976 lebt er mit seiner dritten Frau in Irland. Seine Heimatstadt Straßburg besucht er regelmäßig. «Ich habe meine Wurzeln im Elsass und mein Laub und meine Äste nehme ich mit.»

Zu seinem Geburtstag ist er wieder da. Mit einem ramponierten Stock in der Hand, dem Hut eines verstorbenen Freundes auf dem weißen Haarschopf und einem hellrosa Schal um den Hals schreitet der hagere Franzose durchs Laub. Auch hier ist er zu Hause. Er erinnert sich an die Bäume, die vor dem Fachwerkhaus des Restaurants «S'Wacke Hiesel» standen, bis ein Sturm sie umfegte. Hier weiß man, wie er seinen Kaffee trinkt. In der Stube zieren seine Bilder die Wände.

Als sein Blick auf eines der Plakate fällt, zieht sich ein breites Grinsen über das faltige Gesicht, ein Zahn blitzt hervor. Es ist das Bild von einem schwarz-rot-goldenen Dackel, der sich um seine Achse dreht, um in seinen Hintern zu kriechen. Titel: Wiedervereinigung.

Politische Zeichnungen machen einen guten Teil von Ungerers Werk aus. In den USA kritisierte er den Vietnamkrieg und die Rassentrennung. Ein politischer Kopf ist er geblieben. Im künftigen US-Präsidenten Donald Trump sieht er den «ersten Reiter der Apokalypse». Mit Blick auf die Präsidentschaftswahl in Frankreich fürchtet er, dass die Rechtsextreme Marine Le Pen die nächste sein könnte. Für Europa sehe es nicht gut aus. «Für mich ist das natürlich schrecklich.» Der Elsässer hat sich sein Leben lang für die deutsch-französische Freundschaft eingesetzt und dafür das Bundesverdienstkreuz bekommen.

Bekannt geworden ist Ungerer mit Kinderbüchern wie «Die drei Räuber». Auch die hätten häufig einen politischen Hintergrund, sagt er. Ein Beispiel sei «Flix». In der Geschichte geht es um ein Tier, das halb Hund halb Katze ist - ein Skandal in Katzstadt! «Das war eigentlich eine Elsässer Geschichte», sagt Ungerer. «Die Deutschen sind die Hunde und die Franzosen sind die Katzen.» Und die Elsässer, die in einer Grenzregion leben, die mal Deutschland, dann wieder Frankreich zugeschlagen wurde, sind eben irgendwie beides.

In Deutschland wird sein Name vor allem mit dem «Großen Liederbuch» verbunden, das sich über 1,4 Millionen Mal verkauft hat. Auch diese Sammlung von Kinder- und Volksliedern nennt Ungerer «Missionsarbeit». Er wollte die Lieder wieder bekannt machen. «Die Gedanken sind frei» sei sein Lieblingslied, wie zum Beweis stimmt er es gleich an.

Ungerer spielt mit der Sprache - auf Französisch, Deutsch und Englisch. Er zitiert, entwickelt weiter. Das Buch über seine Jahre in Kanada trägt angelehnt an das Lied «Heute hier, morgen dort» den Titel «Heute hier, morgen fort». Aus dem altindischen Lehrbuch der Liebeskunst macht er «Das Kamasutra der Frösche» - in Deutschland sein erfolgreichstes Buch für Erwachsene.

Aber mit der Erotik sei er durch, sagt Ungerer und erinnert sich an ein Signierstunde für eine Erotiksammlung. «Da standen mehr Frauen als Männer, und da dachte ich, jetzt haben wir es geschafft.» Lange wurden seine Zeichnungen als zu provozierend empfunden, als pornografisch und sexistisch. Im Straßburger «Tomi Ungerer Museum» hängen die erotischen Zeichnungen nach wie vor im Untergeschoss.

Zu seinen Werken zählen auch Bücher wie: «Der Furz. Vom Urknall bis heute.» Wichtig war für ihn immer: «Ich muss meinen Spaß haben.»

Für Weggefährten ist er «der Tomi». «Ein treuer Freund», sagt Robert Walter, der lange das deutsch-französische Kulturzentrum in Karlsruhe leitete. Bei seinem Besuch in Straßburg habe der Tomi ihn angerufen. «Er brauchte guten Bordeaux.» Also habe er ihm welchen vorbei gebracht. Bei Hering und Salat hätten sie über das Leben geredet. Für Ungerer ist die Freundschaft «das schönste Ersatzmittel zur Liebe».

Die Galeristin Barbara Koppelstätter hat Ungerer in den 1990ern das erste Mal getroffen. Nachmittags sei das gewesen, aber er habe gleich Rotwein angeboten. Noch mehr ins Staunen bringen konnte die heute 53-Jährige nur die riesige Bücher- und Kunstsammlung. Unglaublich charmant sei der Tomi gewesen, habe eine Zigarette nach der anderen geraucht. «Während wir ein Leben gelebt haben, hat er fünf gelebt.»

Auch mit 85 arbeitet der «Allestuer» immer weiter. Erst in den letzten Jahren sei er wirklich zufrieden. Seine alten Zeichnungen habe er lange nicht ansehen wollen, habe sie nun aber doch wieder hervorgeholt: «Jetzt muss ich zugeben, dass manche Zeichnungen schon in Ordnung sind.» Er wiegt den Kopf. «Das hat schon was.»

Website Tomi Ungerer

Museum Tomi Ungerer

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erstellt am 28.Nov.2016 | 00:01 Uhr

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