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Leute

01. Oktober 2016 | 15:49 Uhr

Wochenend-Interview: Lisa Wagner : Nur nicht kneifen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Was der Schauspielerin Lisa Wagner wichtig ist

Für eine Gastrolle im Münchner „Tatort“ wurde Lisa Wagner mit dem Grimmepreis ausgezeichnet, als sperrige „Kommissarin Heller“ im ZDF (nächste Folge heute) ist sie eine der interessantesten Figuren im deutschen Fernsehkrimi. Aber wie tickt eigentlich diese Frau, der so vieles offen steht?

Frau Wagner, ich war gespannt darauf, mit welchem Gesichtsausdruck Sie mich wohl begrüßen.

Wieso das denn?

Weil Sie über sich selbst mal gesagt haben, dass Sie meist griesgrämig dreinschauen.

Stimmt. Zumindest habe ich manchmal das Gefühl. Aber ich guck mich ja nicht selbst an und kann es deswegen nicht wirklich beurteilen. Auf jeden Fall bin ich oft konzentriert und in Gedanken. Als Schauspielerin gehe ich häufig mit meiner Figur rum, dann fällt mir wieder was dazu ein, und ich muss es aufschreiben. Dann gucke ich so wie ich gucke. Andererseits höre ich oft von Leuten, die mich als Kommissarin Heller aus dem Fernsehen kennen: Ach, Du bist ja ganz nett. Die Heller ist eben ziemlich speziell und nicht gleich mit jedem bestens.

Waren Sie denn ein fröhliches kleines Mädchen?

Ja (strahlt). Meine Eltern meinen, ich hätte sehr in mir geruht. Ich konnte gut alleine spielen, bin wenig gelaufen, habe aber viel geredet. Ich glaube, ich war ein sehr zufriedenes Kind.

Sie haben als Vierjährige schon auf einer Bühne gestanden.

Stimmt, das ging früh los. Mein Vater hatte in seiner Schule immer so ein Sommerfest und hat mich gefragt, ob ich nicht mal mitmachen möchte. Als Kind denkt man ja gar nicht groß darüber nach, sondern macht es einfach. Und es hat mir gefallen.

Welche Stars hatten Sie denn damals als Poster über dem Bett hängen?

Gar keine, null. Poster und Starschnitte gab’s damals ja vor allem in der „Bravo“, und die hatten wir nicht. Wir sind ziemlich streng erzogen worden. Außer einmal wöchentlich „Die Sendung mit der Maus“ durfte ich nicht fernsehen, die „Bravo“ war absolut kein Thema, weil total verpönt bei meinen Eltern. Ich hatte zwar Poster, aber mehr so was Tierartiges.

Waren Sie ein Pferdemädchen?

Zumindest nicht das klassische. Ich war zwar mal ne Woche im Ponyurlaub, aber sonst habe ich mehr Ballett gemacht und viel gelesen. Ab 14 bis zum Abi habe ich dann noch viel Statisterie am Theater in Kaiserslautern gemacht.

Aufgewachsen sind Sie aber in einem Dorf, oder?

Ja, in einem kleinen Dorf, das hatte gerade mal 80 oder 100 Einwohner.

Eine Bullerbü-Kindheit?

Ja, schon ein bisschen. Der Nachbar hatte noch Kühe, wir haben mit der Kanne bei ihm Milch geholt. Es war eine Mennonitengemeinde, auch wenn wir selbst keine Mennoniten waren, sondern zugezogen. Und das hatte den Vorteil, dass es in diesem Dorf ein Gymnasium gab und ich zur Schule nur einmal über die Straße gehen musste. Wir hatten sogar ein Freibad, zwei Turnhallen, einen Tennisplatz, ein Basketballfeld und so weiter. Für uns Kinder war das natürlich super.

Kam denn auch mal Fernweh auf in Ihrem Bullerbü?

Dadurch, dass meine Mutter Reiseleiterin war, sind wir immer viel unterwegs gewesen. Meine Mutter ist sehr frankophil, deswegen waren wir schon als Kinder viel in Paris. Egal ob London oder Moskau, Holland oder Italien – da hat sie uns gerne mitgenommen. Ballett und Klavierunterricht hatte ich in Kaiserslautern – es war also nicht so, dass wir ausschließlich auf dem Land gelebt haben.

Gibt es etwas an Ihnen, das Sie heute noch als typisch pfälzisch bezeichnen würden?

So eine gewisse Erdverbundenheit. Und diesen pfälzischen Pragmatismus. Das wird manchmal als ruppig missverstanden, aber so ist das Pfälzer Naturell. Die Pfälzer sind schon sehr direkt und manchmal auch forsch.

Der berühmteste aller Pfälzer ist ja Helmut Kohl.

Der kommt aus Ludwigshafen, das ist noch mal was ganz anderes (lacht). Die Unterschiede sind ja oft schon von Kaff zu Kaff ziemlich krass, auch der Dialekt ist ganz anders.

Bei Kohl muss ich immer an Pfälzer Saumagen denken.

Den hab ich ein einziges Mal in meinem ganzen Leben gegessen – und war eigentlich positiv überrascht. Das ist ja vor allem Gemüse.

Saumagen ist viel Gemüse?

Ja, das ist eine Arme-Leute-Gericht und hat mit Innereien eigentlich nichts zu tun. Mittlerweile wird er ja nicht mehr mit Magen gemacht, sondern mit so einer Art Wurstpelle, dann gibt’s ein bisschen Fleisch, Karotten, Kartoffeln und so weiter. Das wird in dieser Pelle gekocht, anschließend aufgeschnitten und angebraten.

Hat es für Sie damals Mut gebraucht, sich aus diesem pfälzischen Dorf an die Theaterakademie in München zu bewerben?

Mir war ja klar, dass ich nicht auf dem Dorf bleiben kann und es in diesem Beruf auch in Rheinland-Pfalz schwierig ist. Ich hatte in Kaiserslautern schon meine erste Rolle gespielt, und die anderen Schauspieler haben mich ermuntert, mal zum Vorsprechen zu gehen. Die haben mir also Rückenwind gegeben.

Und dann hat kein Geringerer als Dieter Dorn Sie aus der Schauspielschule heraus ans Residenztheater engagiert.

Ja, er ist damals von den Kammerspielen ans Residenztheater gewechselt. Er tat sich ja nicht so leicht mit jungen Frauen, sondern hat immer auf seine „alten Pferdchen“ gesetzt. Jetzt musste er das Ensemble aber vergrößern, und dafür brauchte er auch eine junge Frau. Er hat sich dann die Schule angeguckt und mich schließlich gefragt, ob ich’s machen will.

Sie haben dann zehn Jahre mit ihm zusammengearbeitet – wie sehr hat er sie geprägt?

Total. Das Residenztheater ist halt mein Mutterhaus. Da habe ich den unbedingten Willen gelernt, inhaltlich zu durchdringen, um was es eigentlich geht. Den Text unabhängig von geschmäcklerischen Fragen abzuklopfen auf seine Möglichkeiten. Man muss nicht jeden Shakespeare in voller Länge machen oder den Faust in 500 Stunden „abfackeln“, aber den Autor ernst nehmen, sollte man schon. Und dann die Spielaufgabe erfüllen, die einem gestellt wird. Man muss sich dem aussetzen und sich das auch trauen.

Was trauen?

Eine Liebesszene muss man nicht gleich veralbern oder ironisieren, sondern es erst mal schaffen, sie auch als Liebesszene zu spielen. Danach kann man sich davon auch wieder entfernen – aber diesen Weg zu gehen, habe ich am Residenztheater durch Dieter, vor allem aber durch die alten großen Kollegen gelernt. Nicht kneifen. Sondern den Mut zum Pathos aufbringen, sich nicht entziehen, Spannung aushalten. Das ist wichtig.

Irgendwann haben Sie sich sogar die langen blonden Locken abschneiden lassen, um wandelbarer zu sein?

Ich bin mir gar nicht sicher, ob das eine mit dem anderen so zusammenhing. Aber mit den langen Haaren hatte ich immer die gleiche Frisur auf der Bühne, da wollte ich schon noch mal eine Veränderung. Als die Haare ab waren, haben sich die Leute tatsächlich mehr Gedanken gemacht und sich gefragt: Was kann die denn sonst noch auf dem Kopf haben? (lacht) Und dann hatte ich wirklich unglaublich viele unterschiedliche Perücken.

Ordnen Sie alles im Leben dem Beruf unter?

Was heißt das? Ich würde mir keinen Heroinschuss setzen, nur weil ich eine Fixerin spiele. Ich bin davon überzeugt, dass man mit einem gewissen Talent und Einfühlungsgabe auch so erahnen kann, wie etwas ist und sich anfühlt.

Es gibt Schauspieler, die für eine Rolle ihr Gewicht stark verändern.

Das machen ja in erster Linie die Amerikaner. Und die haben oft ein Jahr lang Zeit, um sich auf eine Rolle vorzubereiten. Das ist natürlich eine ganz andere Art des Arbeitens als in Deutschland.

Für den Münchner „Tatort: Nie wieder frei sein“ hat man Sie mit Preisen geradezu überschüttet. War das der große Karrierekick?

Er war auf jeden Fall ein Türöffner, obwohl es ein bisschen gedauert hat.

Ist Produzentin Regina Ziegler dadurch für „Kommissarin Heller“ auf Sie aufmerksam geworden?

Wenn es gutgegangen ist, waren am Ende immer alle bei der Kindstaufe dabei (lacht). Aber de facto war es so, dass Christiane Balthasar als Regisseurin mich unbedingt für diese Rolle haben wollte.

Rein äußerlich haben Sie keinerlei Gemeinsamkeiten mit Silvia Roths Romanvorlage der Kommissarin Heller.

Ich hatte die ersten drei Bücher schon gelesen, bevor ich zum Casting ging. Da wusste ich also schon: Das kann nicht der Punkt sein. Die ist im Roman ja klein und moppelig, hat mausgraue Haare und einen riesigen Busen. Ich musste also etwas anderes von ihr einfangen, sonst wäre ich fehlbesetzt gewesen. Wir haben die Figur dann noch eckiger gestaltet als in den Büchern, dieses sich verkannt und nicht zugehörig fühlen, das Hadern, dieses nicht kommunizieren können – das alles habe ich bei dieser Figur gespürt. Mich hat vor allem das Eigenbrötlerische interessiert, und das haben wir dann noch stärker rausgearbeitet.

In der aktuellen Folge wird’s immer einsamer um Winnie Heller. Die Schwester ist tot, der Vater hat Alzheimer und selbst mit dem Kollegen Verhoeven kommt sie nicht mehr klar.

Ja, weil sie da was missinterpretiert. Ich finde es total interessant, mit ihr wirklich ins Extreme zu gehen und nicht zu sagen: Ach, jetzt ist sie schon so einsam, da müssen wir ihr mal wieder jemanden „hinbauen“. Mal sehen, wie weit man gehen kann. Mal nicht dem Konflikt aus dem Weg gehen, sondern direkt durch ihn hindurch. Ich kenne ja auch schon den nächsten Teil und kann nur sagen: Wir sind nicht den einfachsten Weg gegangen.

Winnie Heller muss bald ohne den Kollegen Verhoeven auskommen, weil dessen Darsteller Hans-Jochen Wagner „Tatort“-Kommissar in Freiburg wird.

Stimmt, in der nächsten Folge steigt er aus. Wie es dann weitergeht, loten wir gerade aus. Und ich finde nicht, dass wir da jetzt einfach jemand anderen reinsetzen können und damit ist es gut. Wir müssen ganz neu überlegen, wohin es gehen soll mit Winnie und was gut dazu passen könnte. Es ist alles noch offen.

Empfinden Sie denn einen Trennungsschmerz, was den Kollegen Wagner angeht.

Ja, das empfinden wir beide. Mit Hans zu arbeiten ist ein ganz besonderes Geschenk. Da gibt es keine dummen Schauspielereitelkeiten, sondern es wird immer inhaltlich gedacht. Es geht nicht darum, wer welchen Satz hat, sondern um die spannendste Möglichkeit für die beiden Figuren. Das ist einfach toll.

Für Sie ist die Kommissarin Heller aber keine Rolle mit Verfallsdatum, oder?

Nein, überhaupt nicht. Solange diese Figur spannend ist und es Potenzial gibt, mit ihr etwas Neues zu erzählen, werde ich das machen. Wenn ich merke, dass sich die Sachen wiederholen und der Inhalt leidet, dann müssen wir uns etwas anderes überlegen. Ich will weder mich, noch die Zuschauer übersättigen. Und ich will vor allem diese tolle Figur nicht kaputtmachen.

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erstellt am 18.Sep.2016 | 09:00 Uhr

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