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10. Dezember 2016 | 08:01 Uhr

Geburtstag der Kanzlerin : Immer wieder neu anfangen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Ein Porträt zum heutigen 60. Geburtstag Angela Merkels von der ersten Biografin der CDU-Politikerin Jaqueline Boysen

„Aber ich bin doch noch viel zu jung!“ – überrascht reagierte Angela Merkel auf die Idee, ihr Leben könne in einer Biographie nacherzählt werden. Das ist 15 Jahre her und trug sich im Schloss Vietgest bei Güs-trow zu. Die politische Welt in Deutschland sah ganz anders aus als heute: Bundesregierung und Bundestag waren gerade erst von Bonn nach Berlin umgezogen und über Angela Merkel gab es noch keine Bücher. Aber die christdemokratische Politikerin war schon damals schwer beschäftigt: Die Spendenkrise erschütterte ihre Partei, und in Vietgest warteten Kamerateams ungeduldig auf die Generalsekretärin der CDU. Sie sollte Stellung beziehen zu einem neuen Detail des Parteienskandals. Als Quereinsteigerin war sie in der Bonner Zeit lange als Quotenfrau aus dem Osten belächelt und als „Kohls Mädchen“ verspottet worden. Plötzlich aber war sie parteiintern zur Heilsbringerin aufgestiegen – die Physikerin aus dem Osten konnte mit den schwarzen Kassen der West-CDU in Vorwendezeiten nichts zu tun gehabt haben.

In dieser Situation fiel ihr eine Rolle zu, die sie bravourös ausfüllte: Angela Merkel emanzipierte sich und ihre Partei von Helmut Kohl, dem „alten Schlachtross“. So nannte sie ihren politischen Ziehvater in einem Zeitungsartikel, den sie im Alleingang in der Frankfurter Allgemeinen veröffentlichte und mit dem sie den abgewählten „Kanzler der Einheit“ nun auch aus der Führungsetage der CDU verbannte. In diesen turbulenten Zeiten war für ein Vorhaben wie eine Biographie tatsächlich keine Zeit.

Dass die Pastorentochter mit dem gegen westdeutsche Gewohnheit verstoßenden Auftritt diese Situation als Sprungbrett an die Spitze der CDU nutzen würde, traute ihr damals kaum jemand zu. Und von einer Kanzlerin aus dem Osten war erst recht noch nicht die Rede. Tatsächlich erledigte die junge Frau, die in Hamburg geboren war und deren Brandenburger Vater nach seinem Theologiestudium im Westen bewusst eine Pfarrstelle in der noch jungen DDR übernommen hatte, in dieser Zeit mutig, wozu sich Scharen karrierebewusster CDU-Granden nicht aufraffen konnten. Sie begann das Personaltableau und das Programm der CDU zu modernisieren und der veränderten gesellschaftlichen Wirklichkeit im vereinigten Deutschland anzupassen. Ohne Scheu und gänzlich un-ideologisch schnitt sie alte Zöpfe ab und wurde dafür kritisiert, dass sie angeblich das konservative „Tafelsilber“ der CDU verscherbelte.

„Sie kann es nicht“ – so lautete über Jahre die beißende Kritik, die Angela Merkel offenkundig nicht entmutigte. Als Frauen- und Jugendministerin, später im Umweltministerium, als Parteichefin und Oppositionsführerin setzte sie sich in einem bis dahin von westdeutschen, überwiegend katholischen und männlichen Parteigewächsen geprägten Dschungel durch – und dies mit bisweilen kräftigen Schlägen gegen Kontrahenten.

Im Fritz-Reuter-Hotel in Schwerin wurde 1993 der politisch beschädigte Günther Krause als Landesvorsitzender abserviert – er spürte als Erster die Durchsetzungsstärke einer Frau, die nach dem Fall der Mauer ihr politisches Talent entdeckt hatte, während vermeintlich kundige Beobachter sie für ein lächerliches Leichtgewicht hielten. Krause, einst Mitverhandler der deutschen Einheit, musste weichen, die Bundestagsabgeordnete Angela Merkel wollte eine Hausmacht in Mecklenburg-Vorpommern – und sie fand dafür Zustimmung.

Angela Merkel ist auch als Kanzlerin keine Gipfelstürmerin: Mit Bedacht, nie lautstark polternd, aber mit der Unbeirrbarkeit, die sie schon als Pfarrerskind gut durch die Schulzeit gebracht hatte, erklomm sie Stufe um Stufe der politischen Leiter.

Von Kindesbeinen an lebte sie stets in einer Umgebung, der sie nie ganz zugehörig war, die ihr aber Freiheiten ließ: Sie kannte die Gratwanderung zwischen dem christlichen Elternhaus und der Schule im Sozialismus. Als Physikerin an der Akademie der Wissenschaften verzichtete sie als Nicht-SED-Mitglied auf Privilegien, regte in ihrer FDJ-Gruppe aber Diskussionen an über Selbstmorde, die es im Staatsozialismus offiziell nicht geben durfte.

Als „opportunistisch“ beschreibt Angela Merkel selbst ihre Haltung in der DDR. Nach Leitplanken für ihr politisches Handeln heute auf Bundesebene, in der Europäischen Union oder in der Welt gefragt, vergisst die Kanzlerin selten, auf ihr christliches Menschenbild zu verweisen. Gleichwohl ist sie auch da mit Festlegungen vorsichtig. Glaube ist – ähnlich wie der Ehemann – Privatsache, Christliches wird selten öffentlich, schließlich versteht sie sich als „Kanzlerin aller Deutschen“.

Angela Merkel weiß, Kompromisse zu schließen, und so erwarb sie sich etwas, was zu den besonders raren Gütern im politischen Geschäft zählt: Vertrauen. Denn dass sie vom amerikanischen Magazin „Forbes“ immer wieder zur mächtigsten Frau der Welt gekürt wird, mag etwas über ihren Ruf in der Welt sagen.

Tragend aber ist der Rückhalt, den sie in der deutschen Bevölkerung erfährt. Weit über Parteigrenzen hinweg teilt man nicht alle ihre Entscheidungen, liebt auch ihre Partei nicht unbedingt, würdigt aber Angela Merkels Pragmatismus und ihren immensen Fleiß. Sie ist anerkannt als sachkundig und uneitel, denn sie pflegt weniger das Pathos als die Politik der kleinen Schritte. Angela Merkel schwenkt keine Fahnen, aber auf der Tribüne in Brasilien trägt sie zum Endspiel die „Schlandkette“ aus schwarzen und roten und gelbgoldenen länglichen Schmucksteinen. Die Mannschaft wurde gebührend gefeiert – heute ist es Angela Merkel, die Glückwünsche entgegennimmt.

Zugleich beschert der Tag neue Fragen: Macht die Kanzlerin und Parteichefin weiter, kandidiert sie im Jahr 2017 noch einmal? Wechselt sie von der Bundespolitik zu einem europäischen Leitungsposten oder an die Spitze der Vereinten Nationen? Von Helmut Kohl hat Angela Merkel, das unverstandene Mädchen von einst, viel gelernt. Sie weiß, dass es nicht gut sein kann, sich in einem Amt für unersätzlich zu halten.

Was daraus für ihre eigene Lebensplanung folgt? Das wird in erprobter Merkel-Manier durchdacht und erst öffentlich, wenn es wirklich wasserdicht ist. Bis dahin gilt: Ihre Biographie lebt von überraschenden Neuanfängen.
 

Wussten Sie, dass Angela Merkel...

...Hunde meidet, vor allem die des russischen Präsidenten Wladimir Putin? Der schenkte ihr deshalb einen Stoffhund.

... immer einen Witz  auf Lager hat? Sie hat Spaß an Ironie, auch Selbstironie. Kann sich ausschütten vor Lachen.

...an Männern  schöne Augen mag?

...von der französischen Sprache fasziniert ist, sie diese aber nicht versteht? Dafür spricht sie Russisch und kann Putin verstehen.

...Prominente imitieren kann?

...Marie Curie, die 1911 den Chemie-Nobelpreis bekam, wegen

 ihres Durchhaltevermögens als Vorbild hat? Und Sisyphus, der trotz aller Rückschläge den Stein immer wieder den Berg hoch rollt.

...ihren Kaffee  schwarz trinkt?

...am liebsten „Tatort“ im Fernsehen sieht?

...davon träumt, mit der Transsibirischen Eisenbahn  zu reisen ?



 

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