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05. Dezember 2016 | 15:34 Uhr

Buchvorstellung : Harald Juhnke – das letzte Kapitel

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Liebe und Pflicht: Elf Jahre nach dem Tod des Volksschauspielers hat Susanne Juhnke ein Buch geschrieben

Warum macht sie das? Sich jetzt vor die Kameras stellen, die sie früher gehasst hat. Wie die Paparazzi, die bei jedem Alkohol-Absturz Harald Juhnkes draufhielten und sie bis zuletzt vor das Pflegeheim für Demenzkranke verfolgten. Nun sind die Objektive auf Susanne Juhnke gerichtet, der Witwe des Berliner Schauspielers und Entertainers Harald Juhnke. Elf Jahre nach seinem Tod.

Es sind nicht mehr viele Kameras. Und es ist auch ein seltsamer Ort für eine Lesung: ein Autohaus am Berliner Kurfürstendamm. Der Hausherr spricht von Klaus Juhnke, ehe er sich schnell verbessert. Er kommt aus München.

Susanne Juhnke ist 71 Jahre alt. Sie spricht von Lampenfieber, als sie das Podium betritt, eine zierliche Frau im knallroten Blazer. Von sich selbst sagt sie, sie sei zurückhaltend und formvollendet nach außen. Gefühle verberge sie tief im Inneren. „Was bleibt, ist die Liebe. Wie ich meinen Mann an das Vergessen verlor“, heißt ihr Buch. Ihre Stimme wird jetzt fester, sie klingt angenehm klar und dunkel. Susanne Juhnke war Schauspielerin, bevor sie nach ihrer Heirat entschied, ihre Karriere aufzugeben. Das war vor 45 Jahren. Nun sagt sie Sätze wie: „Ich wollte nur gemeinsam mit ihm alt werden“ und „Aus Zweisamkeit wurde Einsamkeit zu zweit“. Und dass Harald Juhnke die Liebe ihres Lebens war.

An einem der kleinen runden Tische mit kippligen Barhockern vermuten Zuhörer, dass „die Susanne“ das mache, weil der Verlag das so wolle. Doch vielleicht trifft es das nicht. Im Buch klingt es so, als fordere Susanne Juhnke vehement Deutungshoheit zurück, von den Medien, von allen. Und keine Fragen, bitte, im Autohaus. Es geht ihr um die Interpretation von Harald Juhnkes Leben und ihrem – noch immer in dieser Reihenfolge.

„Die Vergangenheit läuft wie ein Film in meinem Kopf ab. Ein Film, in dem ich als Partnerin des Hauptdarstellers mitgewirkt habe“, schreibt sie. Sie sagt, dass sie lange mit ihrem Gewissen gehadert habe, ob sie Privates aus den letzten Jahren preisgeben möchte. Jahren, in denen der Hauptdarsteller zum dementen Pflegefall wurde, immer noch getrieben von dem Gedanken, Auftritte zu haben.

Der Stil des Buchs mag den Leser etwas ratlos zurücklassen. Es sind Liebesbriefe aus den frühen Jahren darin abgedruckt, es werden Arztberichte referiert. Es gibt Kapitel wie in Tagebuchform, unterbrochen von Ratgeber-Einschüben und Sätzen, die im Kontrast zu all der Sachlichkeit mitunter kitschig wirken.

Die Folgen einer Demenz, in Harald Juhnkes Fall ausgelöst durch Alkoholmissbrauch, und die Tragik für seine Frau und seinen Sohn können neben dem vorhandenen Berg an Literatur und Filmen über das Thema betrüben – aber kaum noch überraschen. Doch das Buch lässt sich auch anders lesen – als eine Hommage an Harald Juhnke, die Realitäten nicht wegblendet. Es ist das ehrlich wirkende Selbstporträt einer Frau, die um einen schillernden Menschen als Fixstern kreist, bis zu dem Punkt „dass ich nur noch grübelte, auf der Suche nach meiner eigenen Identität, um meinem Leben einen Sinn zu geben“. Es lässt sich auch wie ein Denkmal für eine Frauengeneration lesen, die Erdulden und Aufopfern als Rollenprinzipien annimmt, selten hinterfragt, vom Gebraucht-Werden zehrt –und das Liebe nennt. Susanne Juhnkes Bilanz fällt ernüchternd aus. Es gebe Verliebtheit, Liebe und am Ende die Pflicht aus Liebe, zählt sie auf. Die Zeit heile keine Wunden, Schmerz vergehe auch nicht. Doch manchmal gebe es „einen Garten voller schöner Erinnerungen“.

 

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erstellt am 01.Nov.2016 | 21:00 Uhr

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